„Wer um Hilfe fragt, hat es eigentlich schon geschafft“
Ein Unfall, 33 Operationen und immer neue gesundheitliche Rückschläge: Stefan Pflanzl kämpft um Selbstständigkeit. Und gibt zugleich anderen Menschen etwas zurück.

Erst Wochen später klickt sich Stefan Pflanzl durch die letzten Fotos auf seiner Kamera. Der freiberufliche Sportfotograf hatte sie bei seinem letzten Auftrag aufgenommen: auf dem Sozius eines Motorrads sitzend, den Blick auf die Radrennfahrer gerichtet, die sich den Südtiroler Furkelpass hinaufkämpfen. Dann stockt ihm der Atem. Auf den Bildern sind keine Rennfahrer mehr zu sehen. Da ist ein eingedelltes Auto, ein liegendes Motorrad. Und er. Die Fotos, aufgenommen vom Rennleiter mit Pflanzls Kamera, zeigen den Unfall, der sein Leben für immer verändert. „Creepy“ sei es gewesen, sie plötzlich zu sehen, sagt der 37-jährige Oststeirer, der selbst nur „einen riesigen Klescher“ in Erinnerung hat.
Es ist der 11. Juli 2011. Und dieser Unfall hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Die Rennstrecke ist gesperrt und gesichert. Dann reiht sich ein unwahrscheinlicher Moment an den nächsten: Ein Autofahrer fährt aus einem Waldweg auf die Strecke und gerät mit zu hoher Geschwindigkeit auf die Gegenspur. Ein Frontalzusammenstoß. „Die Chance, dass das an dieser Stelle passiert, liegt eigentlich bei null“, sagt Pflanzl und schüttelt den Kopf. Die Rettung lässt gefühlt eine Ewigkeit auf sich warten, da sich wegen der Streckensperre der Verkehr staut.
Von Vollgas auf Schritttempo
Wäre einiges anders abgelaufen, wenn die Kamerabilder früher im Spital in Bruneck angekommen wären? Hätten sie besser Auskunft über die Verletzungen geben können? Erst elf Tage später wird Pflanzl nach Wien überstellt. Die Diagnose nach dem MRT: inkompletter Querschnitt. 33 Operationen folgen über die Jahre. Doch es gibt Lichtblicke: Die Beweglichkeit im linken Bein kehrt zurück, mit Orthesen und Krücken kann er einigermaßen selbstständig gehen.
Halt in schwierigen Zeiten
Aber nicht nur sein Körper braucht Zeit für die Heilung. Innerhalb von Sekunden aus einem aktiven, selbstbestimmten Leben hinauskatapultiert zu werden, rüttelt mit Tornadostärke an der Psyche. Halt findet Pflanzl im Sport, mit großem Ehrgeiz beginnt er mit Ultracycling. Und er muss den Weg zurück ins Leben nicht allein bewältigen: Der mittlerweile verstorbene Handbiker Manfred Putz hilft ihm durch eine tiefe Krise, er kann auf seine Freunde zählen, auf seine Familie. Später sind es seine Partnerin und der gemeinsame Sohn, die ihm Halt und Lebensfreude geben. „Ich habe immer etwas gehabt, das mir Kraft gibt“, sagt Pflanzl mit einem Lächeln.
Viel Eigenleistung, hohe Zusatzkosten
Seine Kraftquellen werden umso wichtiger, als neue gesundheitliche Probleme auftreten. Fortschreitende Nervenschäden belasten das linke Bein, eine Hüftkopfnekrose mit einem aggressiven Keim nehmen ihm die Beweglichkeit, zerstören fast alle Nerven. Heute ist er dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen, ein Implantat lindert die Schmerzen.
Mit dieser Verschlechterung stoßen auch die bisherigen Anpassungen an ihre Grenzen. Der Treppenlift wurde eingebaut, als er noch einige Schritte mit Krücken gehen konnte. Alle Ersparnisse sind in den kostspieligen behindertengerechten Umbau des Hauses geflossen. Was nun fehlt, ist nicht der Wille, Lösungen zu finden, sondern das Geld für jene Kosten, die eine Behinderung zusätzlich mit sich bringt. „Wir können uns ein normales Leben gut leisten, aber halt nicht die Dinge, die behindertenspezifisch dazukommen“, sagt Pflanzl. Er hadert damit, dass er seine finanzielle Situation nicht selbst in der Hand hat – als Bezieher einer I-Pension mit Ausgleichszulage darf er nichts dazuverdienen.
So können Sie helfen
Spenden erbeten an „Steirer helfen Steirern“, Kennwort „Pflanzl“, IBAN AT96 2081 5000 0017 0001. Die Spenden sind steuerlich absetzbar. Geburtsdatum angeben. Zweckgewidmete Spenden werden bis zum Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit verwendet, darüber hinausgehende Einnahmen werden für weitere Hilfsprojekte eingesetzt.
Auch das normale Autofahren ist nach der Nekrose Geschichte. Stefan Pflanzl legt möglichst viele Wege mit Öffis zurück – und stößt oft auf Barrieren. Etwa, wenn im Fahrplan ein Niederflurfahrzeug angekündigt ist, vor Ort aber eine unüberwindbare Stufe wartet. Von solchen Erlebnissen erzählt er ohne Grant, oft sogar mit Humor. So auch von einer Bahnfahrt, bei der er wegen
eines defekten ÖBB-Lifts im Frachtraum transportiert wurde und anschließend aus diesem herauskriechen musste.
Die Welt aus dem Rollstuhl betrachtet
Der Unfall hat nicht nur seinen Alltag verändert, sondern auch seinen Blick auf das Leben: „Man geht viel bewusster mit allem um, regt sich nur mehr über wichtige Sachen auf, nimmt Ungerechtigkeiten ganz anders wahr.“
Als Betroffener erlebt Pflanzl, wie oft Ausgrenzung unbewusst geschieht, weil die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu wenig sichtbar sind. Aus dieser Erfahrung entsteht 2012 die Idee für den Verein „Different Life“, die 2025 von engagierten Menschen rund um Pflanzl umgesetzt wird. Der Verein unterstützt Menschen mit Behinderung bei Anschaffungen, informiert über Förderungen, organisiert Freizeitaktivitäten. Vor allem aber schafft er Gemeinschaft.
„Wenn ich etwas Gutes tun kann, mache ich es. Ich bin ja selbst auch da und dort auf Spenden angewiesen und weiß, wie schwer es ist, um Hilfe zu fragen“, so Pflanzl. Menschen, die schwer zu tragen haben, möchte er darum eines mitgeben: „Jeder, der um Hilfe fragt, hat es eigentlich schon geschafft.“
Unterstützung für den nächsten Schritt
Nun braucht Stefan Pflanzl selbst Unterstützung: für den behindertengerechten Umbau eines Fahrzeugs und den Treppenlift. Das Fahrzeug ermöglicht ihm, selbstständig zu Terminen und Therapien zu gelangen, seinen Sohn, der aufgrund seiner Neurodivergenz besondere Bedürfnisse hat, in die Schule zu bringen. Der Weg auf den Autositz führt über den Treppenlift. Wir möchten unterstützen und bitten Sie: Helfen Sie uns dabei.