Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Dirk Elwert geht: „Der Politik war unser Erfolg wohl gar nicht so recht“

Interview. Knalleffekt an der Grazer Oper: Dirk Elwert, dessen Programm dem Ballett ungeahnte Höhenflüge und enormen Publikumszulauf bescherte, verlängert seinen Vertrag nicht. Hier erläutert er seine Gründe.

Der Grazer Ballettdirektor Dirk Elwert
© Marija Kanizaj
Der Grazer Ballettdirektor Dirk Elwert

Herr Elwert, Sie haben drei erfolgreiche Saisonen als Grazer Ballettdirektor hinter sich, ich wollte zu Saisonbeginn mit Ihnen über Ihre Tanztheater-Pläne für die Grazer Oper sprechen. Jetzt gibt es eine unerfreuliche Wendung: Sie verlängern Ihren Vertrag nicht. Warum?

Dirk Elwert: Ich habe diesen Entschluss nach den Vorgängen um die Nichtverlängerung des Vertrags von Opernintendant Ulrich Lenz gefasst. Ich kann diese Entscheidung inhaltlich nicht nachvollziehen und finde, man hat uns – dem gesamten künstlerischen Team – da mitten im erfolgreichen Lauf ein Bein gestellt. Auch hat mich die Art und Weise, wie das passiert ist, persönlich sehr verunsichert.

Inwiefern? Ihre Erfolge sind ja nicht zu bestreiten.

Bei der Pressekonferenz sind auch Sätze in Bezug auf meine angebliche Pensionsreife gefallen. Das fand ich sehr respektlos und enttäuschend. Ich denke, den Schritt in die Pension entscheide ich selbst. Marlene Hahn (die künftige Intendantin, Anm.) hat diesen Satz danach im Kontakt mit mir bedauert. Aber für mich war das natürlich ein Signal, dass sie nicht mit mir plant.

Wären Sie denn bereit gewesen, auch nach Ulrich Lenz‘ Abgang als Ballettdirektor zu bleiben?

Ulrich Lenz hat mir das Hiersein und meine Vision ermöglicht. Aber ja, ich wäre geblieben. Wenn man mich hätte halten wollen, hätte man das aber signalisieren müssen. Für all mein Tun ist Klarheit wichtig. Wenn man die nicht bekommt, schafft man sie. Ich habe einen Vertrag bis 2028, den werde ich erfüllen, danach stehe ich nicht mehr zur Verfügung.

Das wird für Ihr Publikum eine große Enttäuschung sein.

Ja, vielleicht. Aber wir haben noch zwei Spielzeiten mit, wie ich glaube, spannenden Produktionen vor uns. Schon demnächst mit der Uraufführung von „Romeo und Julia“. Darauf freue ich mich wirklich sehr, weil es wieder ein eigener Weg ist, eine altbekannte Geschichte zu erzählen. Ich habe mit Etienne Béchard einen Choreografen mit viel Erfahrung mit Handlungsballett, aber auch mit einer sehr spannenden zeitgenössischen Sprache. Er führt das in einer postapokalyptischen Welt zusammen, in der es nur ums Überleben geht. Dadurch werden die Momente der Liebe, der Zärtlichkeit und Poesie noch größer. Das finde ich wundervoll.

Wird ab November wieder aufgenommen: Publikumshit "Follia“
© Andreas J. Etter
Wird ab November wieder aufgenommen: Publikumshit "Follia“

Ihre Arbeit hatte in Graz enormen Impact. Mit Produktionen wie „Orlando“, „Follia“, „Ring“ haben Sie dem zeitgenössischen Tanztheater ein Publikum erschlossen, das weit über die übliche interessierte Szene hinausgeht.  

Dass das hier so gut aufgegangen ist, kam auch für mich selbst überraschend. Obwohl ich von meinem Weg überzeugt war, die Kompanie mit internationalen Gästen zeitgenössisch auszuprägen. Ob dieser Weg jetzt fortgesetzt wird, scheint mir fraglich.  Ich höre zwar immer: Das Ballett wird es weitergeben. Aber das heißt ja erstmal gar nichts.

Bei den Grazer Bühnen stehen Strukturreform und Budgetkürzungen an, in Mehrspartenhäusern wie der Grazer Oper wird in solchen Fällen oft zuerst am sogenannten Nischenprogramm gekürzt. Ist das Ihre Sorge?

Ich habe schon an mehreren Häusern Krisenzeiten fürs Ballett miterlebt. Budgetkürzungen, Personalkürzungen, es war immer ein Existenzkampf. Hier in Graz ist es uns, glaube ich, gelungen zu zeigen, dass es in einem Mehrspartenhaus möglich ist, dem Tanz als eigenständiger Kunstform den nötigen Freiraum zu geben, bei allen Einschränkungen, die nötig sind.

Und Sie fürchten, das ist nicht mehr gewollt?

Mein sehr persönlicher Eindruck ist, dass der Politik unser Erfolg vielleicht gar nicht so recht war. Denn wer einem so erfolgreichen Bereich die Mittel kürzt, muss das natürlich dem Publikum erklären.

95 Prozent Auslastung: „La divina commedia“
© Werner Kmetitsch
95 Prozent Auslastung: „La divina commedia“

Apropos Publikum: Wie sehen Ihre Auslastungszahlen aus?

In der letzten Spielzeit lag die „Divina Commedia“ bei 95 Prozent Auslastung, der zeitgenössische Tanzabend „Modern Times“ bei 80 Prozent – und das ohne Abos, im freien Verkauf. Auf der Studiobühne liegen wir bei 100 Prozent.

Das Nischenprogramm wird Publikumsrenner?

Mich selbst interessiert Tanz für Insider ja auch nicht. Mir ist es wichtig Zugänge zu schaffen. Tanz ist sinnlich, die Leute spüren diese unmittelbare Kraft. Und wir verhandeln große Fragen. Wir sind an den Themen der Zeit, ohne sie plakativ auf die Bühne zu stellen. Davon ist jede unsere Produktionen geprägt – und natürlich von den sensationell tollen Tänzerinnen und Tänzern.

Die dem Haus jetzt wohl abhanden kommen werden?

Die Leute  haben ja inhaltliche und konzeptionelle Gründe hier zu sein. Aber natürlich werden sie nicht bis zum letzten Moment darauf warten, irgendwo anders vorzutanzen.

Rechen Sie damit, dass die ohnehin nur vier Tanzpremieren pro Saison in den nächsten beiden Spielzeiten von Kürzungen betroffen sein könnten?

Die Kurzfristigkeit finanzieller Entscheidungen zu Sparvorhaben hat uns ja auch diese Spielzeit getroffen. Wir können nur hoffen, dass man uns jetzt wenigstens unsere zwei Jahre kontinuierlich und in Ruhe arbeiten lässt. Aber wenn ich lese, wie es um die Finanzen der Stadt steht, weiß ich nicht, ob wir ungeschoren davonkommen. Doch dann muss man auch sagen: Okay, das Theater, das wir wollen, können wir nicht mehr machen. Man muss Sparmaßnahmen am Ballett ja mit Augenmaß und Verantwortung sehen: Wo können wir kürzen, wo gefährden wir unsere Qualität und unseren Standard?

Angeblich ist Ulrich Lenz an solcher Kompromisslosigkeit gescheitert.

Ulrich war sicher unbequem. Er hat in seinem Konzept auch seine roten Linien formuliert. Aber die Entscheidung durchschaue ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass hier auch bewusst mit Ulrichs Reputation gespielt wurde.

Vermuten Sie eine Intrige?

Ich verstehe einiges nicht, zumal er ja sehr gedrängt wurde, sich nochmals um die Intendanz zu bewerben. In Deutschland werden erfolgreiche Intendanten verlängert. Dass der Vorgang hier in der Steiermark anders ist, muss man akzeptieren. Und natürlich kann jeder ein Bewerbungsverfahren verlieren. Aber ich fürchte, hier hat Graz verloren.

Zur Person

Dirk Elwert ist Dramaturg und Produzent. Seit der Saison 2023/24 ist Ballettdirektor an der Oper Graz und verantwortete seither erfolgreiche Tanzproduktionen wie „Orlando“, „Follia“, „Ring“.
Am Dienstag gab er bekannt, seinen mit 31. 8. 2028 auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen.
Erste Tanzpremiere der Saison: „Romeo und Julia“, ab 17. Oktober.