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Jürgen Melzer: „Wer es kann und wer weniger, bleibt in den Karaokebars“

ÖTV-Sportdirektor und Davis-Cup-Kapitän Jürgen Melzer (45) lässt nach der Davis-Cup-Auslosung tief blicken.

Jürgen Melzer
© APA
Jürgen Melzer
Denise Maryodnig
Redakteurin Sport

Wieder Bologna – und diesmal sogar als Nummer sechs der Welt im Nationenranking. Was bedeutet Ihnen diese Entwicklung, wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken?

JÜRGEN MELZER: Viel, weil wir generell als Team enorme Fortschritte gemacht haben. Wir schaffen es inzwischen, enge Partien für uns zu entscheiden. Die Jungs sind an den Davis-Cup-Wochenenden immer super in Form und rufen dementsprechend auch ihre Leistung ab. Wenn uns eine Chance geboten wird, dass wir gewinnen können, dann machen wir es derzeit richtig gut. Aber das ist definitiv eine Entwicklung über Jahre hinweg. Der eine läuft für den anderen und jedem ist es wichtig, dass er genau zu dem Zeitpunkt performt.

Gegner im November (24. bis 29.) beim Finalturnier der Top-Acht ist Spanien. Welche Gedanken sind Ihnen als erstes durch den Kopf gegangen?

Spielt Carlos Alcaraz oder nicht? Es macht einen Riesenunterschied, ob sie mit Alcaraz und Rafael Jodar auflaufen oder mit Jodar und Daniel Merida. Es ist beides stark, keine Frage, doch Alcaraz und Jodar sind schon eine ganz andere Nummer, die ganz, ganz schwierig zu knacken wäre. Aber grundsätzlich ist es ein sehr attraktives Los.

Kommt dieser Termin direkt nach den ATP-Finals in Turin vielleicht gar nicht so ungelegen?

Kann sein, wobei es bei Alcaraz doch eine andere Situation ist. Er war längere Zeit weg und ist unter Anführungszeichen ausgeruht. Daher kann es gut sein, dass er den Davis-Cup mitnimmt. Letztes Jahr wollte er auch spielen und hat dann nach dem Finale in Turin abgesagt. Derzeit ist es extrem schwierig zu beurteilen. Wir werden es vermutlich erst dann sehen, wenn er wirklich dort ist. Aber egal wen wir von den vier Gesetzten bekommen hätten, wir brauchen bei jedem einen mehr als nur perfekten Tag.

Österreich war bereits in Italien vergangenes Jahr dabei. Wie wichtig ist diese Tatsache, dass die Mannschaft schon weiß, was auf sie zukommt?

Es ist nie ein Nachteil, wenn man das schon einmal erlebt hat und weiß, was wo passiert. Es ist sicher besser, als beim ersten Mal – es kann im ersten Moment sehr beeindruckend sein – wobei es letztes Jahr auch nicht wirklich schlimm gewesen ist, da wir früh vor Ort waren und uns gut vorbereiten konnten. Vor allem Jurij Rodionov hat dort letztes Jahr wirklich gut gespielt. Die Bedingungen haben ihm getaugt, und bei ‚Best of three‘ ist vieles drinnen. Das Team hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass es über sich hinauswachsen kann.

Man hört von Ihnen, wie homogen diese Mannschaft ist. Ist das Team jetzt vielleicht so eng beisammen wie noch nie?

Ich sag‘s mal so: Erfolg schweißt ganz klar zusammen und davon hatten wir in den letzten zwei Jahren viel. Nur kommt dieser Erfolg nicht von irgendwo her. Ich bin der Meinung, dass zuerst der Baustein gelegt werden muss, bis es zu einem Kollektiv wird. Zudem haben wir es als Betreuerstab geschafft, dass sich jeder Einzelne auf die Woche freut und sie auch genießt.

Sollte jemand aus der Reihe tanzen, wäre das schnell erledigt?

Das regelt sich teamintern, die Jungs machen sich das sehr gut untereinander aus. Natürlich kommt es auch mal vor, dass jemand einen unpassenden Kommentar schiebt, aber sie sind zueinander so gut, dass es in der Hinsicht überhaupt keine Probleme gibt.

v.l. Jürgen Melzer, Jurij Rodionov, Joel Schwärzler, Lukas Neumayer, Neil Oberleitner und Lucas Miedler
© APA
v.l. Jürgen Melzer, Jurij Rodionov, Joel Schwärzler, Lukas Neumayer, Neil Oberleitner und Lucas Miedler

Ist genau diese Rollenakzeptanz vielleicht eine der größten Stärken des Teams?

Ja, das kann gut sein, aber Lucas Miedler ist da schon etwas der Leader und das Sprachrohr der Mannschaft. Wenn es Probleme gibt oder etwas auszuhandeln wäre, dann ist der derjenige, der vorangeht. Er hat auch so eine Persönlichkeit, dass er sich fürs Team stark macht. Jeder weiß, was er am anderen hat und wie er mit dem anderen umzugehen hat. Das ist am Ende immens viel wert.

Sie sind aber völlig unterschiedliche Typen, oder?

Das auf jeden Fall, aber sie haben viele gemeinsame Interessen neben dem Tennis. Da gibt‘s Fußball-Tipp-Kick, Wizard, die Escape-Rooms oder Darts – die Kombi passt da richtig gut. Aber wir müssen schon dafür sorgen, dass sie teilweise beschäftigt sind.

Sie waren selbst jahrelang Davis-Cup-Spieler und Rekordmann. Was hat sich aus Ihrer Sicht am meisten verändert?

Ich war immer ein Vertreter von Heim- und Auswärtsduellen. Auch wenn das Event in Bologna toll gemacht ist, das Erlebnis letztes Jahr vor 10.000 Leuten gegen Italien zu spielen, war unglaublich, aber lieber wäre mir die alte Variante. Die Änderung auf zwei Gewinnsätze stört mich nicht – es ist so schnelllebiger. Die Fünfsatzschlachten damals hatten aber schon was, wenn ich ehrlich bin. Ich bin nur froh, dass sie von dem System weggegangen sind, in vier Städten mit vier Teams zu spielen.

Sie haben garantiert eine eigene WhatsApp-Davis-Cup-Gruppe. Wie stellt man sich eine Kommunikation so vor?

Manchmal geht es seriös zu und manchmal liest man auch etwas Schwachsinniges. Auf jeden Fall hält sich keiner zurück, nur Filip Misolic braucht manchmal länger, bis er antwortet.

Stichwort Misolic. Kann er für Bologna zum Thema werden?

Ich schließe nichts aus, aber da muss jetzt schon etwas passieren. Die, die jetzt dabei waren, haben einen ganz guten Stein im Brett.

Und was hat es mit den Karaoke-Auftritten auf sich?

Beim Feiern taugt uns das schon. Aber wer es wirklich kann und wer weniger, bleibt fix in den Karaokebars.