Krebstherapie: „Die Zellen lernen im Labor, wen sie als Feind erkennen müssen“
Ein Kärntner lebt seit weit über zehn Jahren mit Krebs. Nun hat er in Graz eine sogenannte Car-T-Zell-Therapie erhalten. Seine eigenen Zellen werden dabei so aufgerüstet, dass sie sich gegen Krebszellen effektiv wehren können.

„Die Zellen lernen im Labor, wen sie als Feind erkennen müssen und wen sie in Folge eliminieren müssen“, sagt Annkristin Heine, Leiterin der Klinischen Abteilung für Hämatologie am Uniklinikum Graz. Ihre Erklärung bildet das Herzstück der sogenannten CAR-T-Zell-Therapie (siehe Infobox). Für viele Krebspatientinnen und -patienten ist diese relativ junge Form der Therapie oft ein letzter Hoffnungsschimmer. „Viele Patienten haben vorher oft schon andere Therapien erhalten, etwa Chemotherapien“, sagt Heine.
So wie auch Peter Schuster (Name von der Redaktion geändert). Schon seit 14 Jahren lebt er mit Krebs. „Zu Beginn habe ich eine Chemotherapie erhalten“, erzählt der 61-Jährige im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Seit über zehn Jahren hat er unterschiedliche Medikamente, meist in Form von Tabletten, verabreicht bekommen, um den Krebs zurückzudrängen. Unterschiedliche Präparate, weil die Wirkung der einzelnen Substanzen immer wieder nachgelassen hatte. Während all dieser Zeit hat Herr Schuster als „Außendienstler“ weitergearbeitet. „Wissen Sie, ich bin ein positiv denkender Mensch und die Werte waren ja meistens in Ordnung.“ Auch seine Familie, seine Frau und seine zwei Kinder haben ihm immer Rückhalt und Unterstützung geboten. „Aber dennoch, die Krankheit ist schon immer ein bisschen wie ein Damoklesschwert“.
CAR-T-Zell-Therapie
Bei der CAR-T-Zell-Therapie handelt es sich um eine moderne Form der Immuntherapie. CAR steht für Chimeric Antigen Receptor. Dabei werden körpereigene T-Zellen aus dem Blut entnommen, im Labor verändert und anschließend zurückgegeben. Die veränderten Immunzellen können bestimmte Merkmale auf Tumorzellen erkennen und diese gezielt angreifen. Auch bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Multipler Sklerose wird ihr Einsatz erforscht. Die Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin möchte sich zukunftsfit machen und in Zukunft auch selbst Arzneimittel für neuartige Therapien, sogenannte ATMPs, herstellen, insbesondere im Rahmen früher klinischer Studien oder bei sehr seltenen Erkrankungen.
Diese Art der Therapie ist äußerst kostspielig, unter anderem weil sie für jeden Patienten personalisiert hergestellt wird. Je nach Präparat belaufen sich die Kosten auf mehrere hunderttausend Euro pro Behandlung.
Die Hoffnung auf Heilung
Aus diesem Grund hat er auch sehr schnell Ja gesagt, als die Frage nach dem Einsatz der CAR-T-Zell-Therapie aufkam. „Mit der Hoffnung, dass es etwas gibt, das mich ganz heilen könnte“, sagt der Kärntner. Und wurde so zum 100. Patienten, der an der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin seine eigenen Ausgangszellen (T-Zellen) zur Herstellung des Zelltherapeutikums im Frühsommer dieses Jahres gespendet hat. Herr Schuster wurde an der Uniklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin einem Verfahren ähnlich einer Blutwäsche unterzogen, erklärt deren Ärztlicher Leiter Peter Schlenke: „Über Zugänge an beiden Armen prozessieren wir in drei bis vier Stunden rund das zweifache Körperblutvolumen, also etwa zehn Liter, um die patienteneigenen T-Zellen hocheffizient zu sammeln.“
Infolge werden die T-Zellen im Labor eines pharmazeutischen Unternehmens aufbereitet. Die T-Zellen werden quasi scharfgestellt. „Diese Zellen sind danach in der Lage, ein bestimmtes Merkmal, das sich auf der Oberfläche der Tumorzelle befindet, besser zu erkennen und zu bekämpfen“, sagt Schlenke. Und dadurch, dass es sich zwar um gentechnologisch veränderte, aber dennoch um patienteneigene Zellen handelt, werden sie nach Rückgabe in den Körper von diesem auch nicht abgestoßen. Sie können sich im Körper weiter vermehren. „Darum nennen wir diese Art von Therapie auch ‚living drugs‘, also lebende Medikamente“, erklärt der Experte.

Das Immunsystem wird scharfgestellt
Im Vergleich zur Chemotherapie, die sehr breit wirkt und nicht nur die Krebszellen, sondern auch andere (gesunde) Zellen eliminiert, ist die CAR-T-Zell-Therapie zielgerichteter. „Wir versuchen, die Tumorerkrankung durch die eigenen Abwehrkräfte in den Griff zu bekommen. Wir stellen sozusagen das eigene Immunsystem scharf. Da sich CAR-T-Zellen im Körper vermehren und über längere Zeit aktiv bleiben können, können sie tiefe und mitunter langanhaltende Remissionen ermöglichen.“ Eingesetzt wird die CAR-T-Zell-Therapie vorrangig bei bösartigen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems.
„Hoffentlich werden künftig mehr finanzielle Mittel für diese Therapie freigemacht – damit mehr Menschen wie mir geholfen werden kann.“
— Peter Schuster, Krebspatient
Doch wann wissen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, wann weiß die Patientin, der Patient, ob die Therapie wirkt? Das dauert etwas. Jener Tag, an dem die T-Zellen verabreicht werden, wird als Tag Null bezeichnet. Bei Herrn Schuster war dies vor kurzem der Fall. „Für mich selbst war es natürlich sehr spannend und aufregend, aber eigentlich wurde mir nur der Inhalt von zwei Röhrchen mit einer Spritze verabreicht. Gar nicht so spektakulär eigentlich“, schmunzelte er im Interview. Der erste wichtige Tag ist dann Tag 30. „30 Tage nach der Applikation haben wir ein erstes Bild, wie die Therapie anschlägt. Zu diesem Zeitpunkt ist das Ansprechen aber keineswegs bei allen Patienten vollständig ausgeprägt – manche erreichen erst im weiteren Verlauf eine komplette Remission“, erzählt Heine aus der Praxis. In weiterer Folge gibt es daher regelmäßige engmaschige Kontrollen.

Das Abwarten bis zum Tag 30 ist für Herrn Schuster „kein großes Thema“. In den ersten Monaten nach der Applikation ist besondere Wachsamkeit geboten, da das Immunsystem nach der Behandlung geschwächt und die Anfälligkeit für Infektionen erhöht ist. Zudem gibt es eine typische, akute Nebenwirkung, das sogenannte „Cytokin Release Syndrom“. „Wenn die CAR-T-Zellen auf die Tumorzellen treffen und aktiviert werden, kommt es zu einer starken Immunreaktion; dabei werden viele Moleküle und Botenstoffe freigesetzt, infolge können Patienten Fieber bekommen, der Blutdruck kann abfallen. Auch neurologische Auffälligkeiten sind möglich. All diese akuten Nebenwirkungen sind aber meist nicht von langer Dauer und heute in der Regel gut behandelbar“, erklärt Heine.
Erste vielversprechende Langzeitdaten
Daten aus den ersten Car-T-Zell-Therapie-Studien aus den USA zeigen, dass das Ansprechen auf die Therapie je nach Art der Krebserkrankung sehr gut ist. In Bezug auf das aggressive B-Zell-Lymphom wissen wir, dass zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten auf die Therapie ansprechen, 40 bis 60 Prozent erhalten eine vollständige Remission. „Erste Langzeitdaten zeigen, dass selbst nach zehn Jahren noch etwa ein Drittel der behandelten Patienten mit aggressivem B-Zell-Lymphom lymphomfrei ist“, sagt Heine.“ Für ihre tägliche Arbeit bedeutet das, dass sie diese Art der Therapie einsetzen kann, eine enorme Veränderung. „Das ist eine neue Ära der Hämatologie“, sagt Heine. „Früher mussten wir den Patienten nach einer Chemotherapie oft sagen, dass wir keine andere Behandlungsmöglichkeit mehr haben. Und jetzt haben wir eine weitere Option, die für viele eine wirklich lebensverlängernde Maßnahme ist – die es Menschen ermöglicht, wieder ihr Leben zu leben.“
Herr Schuster hofft, dass mit Hilfe seiner Geschichte mehr Menschen Zugang zur Car-T-Zell-Therapie bekommen. Denn diese Art der personalisierten Medizin ist enorm kostspielig. Je nach Präparat belaufen sich die Kosten auf mehrere hunderttausend Euro. „Hoffentlich werden künftig mehr finanzielle Mittel für diese Therapie freigemacht – damit mehr Menschen wie mir geholfen werden kann.“