Die Wasserwächterin und der Laborfleischer
Das Theater im Bahnhof reist 50 Jahre in die Zukunft. Der merkt man die Gegenwart auf recht unerfreuliche Weise an.

Jetzt ist es auch schon wieder 37 Jahre her, dass in Graz das Theater im Bahnhof gegründet worden ist. In den Jahren seither hat die Gruppe bei erstaunlich stabilem Personalstand eine markant eigenwillige Form zeitgenössischen Volkstheaters entwickelt; demnächst nun nähern sich die ersten Ensemblemitglieder dem Ruhestandsalter, da macht sich folgerichtig auch die Frage breit, wie es mit dem TiB eigentlich weitergehen soll. Ironischerweise hat ausgerechnet eine Angehörige der zweiten TiB-Generation, Bühnenbildnerin Helene Thümmel, im Zuge eines Projekts für den steirischen herbst vor drei Jahren eine Vision für Kunstbetrieb und Leben in 50 Jahren skizziert. Diesen Text hat das Ensemble nun für die Produktion „2073: Die neue Kolonie“ weitergedacht: Das Ergebnis ist ein Theaterabend, der auf originelle Weise dystopische und utopische Entwicklungen ausmalt – und dabei naturgemäß vor allem als pointierter Kommentar auf die Polittrends und andere Besorgnisse der Gegenwart fungiert.
Symbolfiguren einer imaginierten Zukunft
Dabei erweist sich in Ed. Hauswirths knackiger Inszenierung die mehrmals zitierte „Kraft aus der Vergangenheit“ als hartnäckig – zumal in einer imaginierten Kuratorenführung des Jahres 2073 (Jacob Banigan), bei der das Publikum durch das Volkskundemuseum geleitet wird. Zentraler Schauplatz ist der berühmt-berüchtigte Trachtensaal in der Grazer Paulustorgasse. Man erinnert sich: Mithilfe der (mittlerweile neu kontextualisierten) Trachtenfiguren von „Ursteirern“, „Urslawen“, Hirten, Bauern, Taufgodeln, Hammerherren wurden hier einst völkische Vorherrschaftsfantasien postuliert. Mitten unter ihnen werden nun die Symbolfiguren einer imaginierten Zukunft beschworen: die Wasserwächterin, die Samenbankerin, der Laborfleischer, der Biobauer in Hitzeschutzkleidung, der mobile Standrichter. Quasi als ihre eigenen Enkelinnen und Enkel führen Angehörige der ersten TiB-Generation (Gabriela Hiti, Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister, Monika Klengel und als Gast Jimi Lend) durch zukünftige historische Ereignisse wie Klima-Lockdowns, Arktiskrieg, Auflösung der EU und ein autokratisches Österreich, in dem nach dem großen Bienensterben Migranten und queere Menschen zur Obstbestäubung in unmenschlicher Hitze „zwangsverpflichtet“ werden und das Gender-Problem endgültig gelöst ist: In der deutschen Sprache gilt nur noch das männliche Geschlecht. Der Kniff ist dem von Max Höfler und Andreas Unterweger heuer in den „manuskripten“ publizierten Text „Der Gender-General Klausel“ abgelugt und sorgt für den schaurigsten Teil der Performance. Denn so grotesk das alles klingt, die Nähe zu bereits existierenden amtlichen Gender-Verboten ist unüberhörbar.

Aber der „neuen Kolonie“ der TiB-Zukunft sind auch noch ein paar utopische Schlenkerer gegönnt. In Sitzkreisen wird (vor dem realen aktuellen Hintergrund von Kulturförderkürzungen und wachsender öffentlicher Unterstützung für rustikale Volksbelustigung) nicht nur über ein Frankenstein.Festival namens „Aufsteirischer Herbst“ diskutiert, sondern auch über Polykratie, postmaskuline Gesellschaft und das Ende immerwährenden Wachstums. Stellvertretend für die Aufgabe des sich als zerstörerisch erweisenden anthropozentristischen Weltbilds fordert die „neue Kolonie“ schließlich die Abschaffung der aus der Kunst bekannten „Zentralperspektive“. Begründung: Sie hemmt die teilnehmende Wahrnehmung, weil sie den Menschen zum Mittelpunkt des Universums erhoben hat. Irgendwo muss man ja anfangen, wenn man eine Zukunft haben will.
2073: Die neue Kolonie. Theater im Bahnhof, Trachtensaal des Volkskundemuseums Graz. Termine: 22., 23. September, 22., 23. Oktober, 5., 6., 7. November. Tickets: (0316) 76 36 20. www.theater-im-bahnhof.com