Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Die EU-Wallet verspricht (zu) viel

Elisabeth Zankel
Stv. Leitung Print
Die EU-Wallet soll ab 2027 alle wichtigen Ausweise am Handy bündeln
© APA / Roland Schlager
Die EU-Wallet soll ab 2027 alle wichtigen Ausweise am Handy bündeln

Der morgendliche Kommentar aus der Redaktion.

Beim Spaziergang um einen munter glitzernden See kann man so einiges verlieren. Die Sorgen des Alltags, das Gefühl für Raum und Zeit. Oder einfach nur sein Portemonnaie.

Ausnahmsweise war es nicht meins. Da ich also nicht darum bangen musste, dass ein wandernder Krimineller mein Bankkonto leerräumt, konnte ich mich brav an der Rekonstruktion des Familienausflugs beteiligen. Doch die führte leider nur zu einem erwartbaren Ergebnis: Der Mann ist das Opfer, schuld war die Frau.

Da half es auch nicht viel, dass alle Kredit-, e- und Tank-Karten binnen einer Woche gesperrt, nachbestellt und geliefert wurden. Unsere Laune besserte sich erst, als wir ein fesches, chipbares Etui erwarben, das sogar aus den Tiefen des Grundlsees noch Notsignale senden kann.

Ein digitales Portemonnaie

Vermutlich wäre es aber gar nicht nötig gewesen, denn für alle EU-Bürgerinnen und Bürger wird es ohnehin bald ein neues Portemonnaie geben. Es soll allerdings nicht in der Hosentasche, sondern im Smartphone liegen und „EU-Digital-Identity-Wallet“ heißen. Erfüllt sich das Versprechen von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dürfte diese virtuelle Geldtasche schon Ende 2026 das Licht der Welt erblicken. Sich ausweisen, Dokumente vorzeigen, Verträge unterschreiben, berufliche Qualifikationen belegen – all dies soll dann digital, zeitlich unabhängig und grenzüberschreitend möglich sein.

Das klingt ja wieder nach einem sehr smarten Plan. Als gelernte ID-Austria-Nutzerin gebietet es jedoch die Erfahrung, erst einmal skeptisch zu sein. Allein das Vorhaben, dass jeder Staat bis Jänner eine zertifizierte Wallet zur Verfügung stellen muss, die noch dazu in allen anderen EU-Ländern funktionieren soll, wirkt ambitioniert. Natürlich darf man auf den Wegfall von viel Papierkram hoffen, aber das Bündeln millionenfacher Personendaten in einer zentralen, europäischen App könnte auch Cyber-Angreifern gefallen. Deshalb wird entscheidend sein, wie transparent das System funktioniert, wie sicher die technischen Lösungen sind und welche Möglichkeiten der Einzelne hat, die Kontrolle über seine Daten zu behalten.

Ebenso wichtig ist ein anderes Versprechen der EU: Die Wallet muss freiwillig sein. Sie darf nicht zu einem digitalen Schlüssel werden, ohne den wesentliche Teile des täglichen Lebens irgendwann nicht mehr funktionieren. Wer weiterhin analog unterwegs sein will, soll schließlich darauf vertrauen können, dass er seine Karten ersetzt bekommt – selbst, wenn er sie im See versenkt.