Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Eishockeymagazin: „Die Kärntner sind komplett verrückt“

Auf den Tag genau vor 45 Jahren, am 22. September 1981, ging das Kärntner Eishockeymagazin erstmals auf Sendung. Willy Haslitzer und Tono Hönigmann erinnern sich unter anderem an die größten Provokateure im Team, Busfahrten mit weiblichen Fans und warum sogar einmal ein Training live übertragen wurde.

Vor vier Jahren war Tono Hönigmann zum letzten Mal im Eishockeymagazin auf Sendung.
© Markus Andreas Traussnig
Vor vier Jahren war Tono Hönigmann zum letzten Mal im Eishockeymagazin auf Sendung.

Herr Haslitzer, Herr Hönigmann: Am 22. September 1981 ging das Eishockeymagazin erstmals auf Sendung. Natürlich bei einem Kärntner Eishockeyderby. Wie kam es dazu?

WILLY HASLITZER: Die Idee habe ich eigentlich aus New York mitgebracht. Ich war damals auch Hitparadenschreiber beim Kurier und dort bei einem Konzert von Billy Joel. Ich habe mir ein Buch über die NHL gekauft. Bei jedem Verein ist dabeigestanden, welcher Reporter diesen Klub überträgt oder über ihn schreibt. Das hat mir gefallen. Beim Derby haben wir gesagt: Einer ist der Stellvertreter der KAC-Fans, einer jener der VSV-Fans. Damit hatten wir die Legitimation, im Radio Emotionen zu spielen. Das war damals völlig neu. TONO HÖNIGMANN: Und für mich war dieses Derby gleich meine erste Sendung. Willy hatte schon zehn Jahre Rundfunkerfahrung, ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Mein Vorteil war, dass ich schon als Jugendlicher ein KAC-Abo hatte und die Spieler und Trainer wie aus dem Effeff kannte. HASLITZER: Ins kalte Wasser? Während die Musik gelaufen ist, habe ich ihn noch gecoacht (lacht). Auf Tono gekommen bin ich durch Edi Finger. Der hat mir schon in Wien gesagt: „In Kärnten ist einer, der ist bei allen Spielen. Wenn du zurückgehst, schnapp ihn dir. Der kann dir alles erzählen.“ Tono wollte unbedingt Reporter werden. Er hatte sogar Aufnahmen meiner Sendungen. Ein Übermegatalent. Vielleicht war er sogar der bessere Reporter als ich. HÖNIGMANN: Das lasse ich jetzt einfach so stehen. HASLITZER: Aber ich war der emotionalere.

Von links: Tono Hönigmann, der viel zu früh verstorbene Gustav Rainer und Willy Haslitzer
© Eggi
Von links: Tono Hönigmann, der viel zu früh verstorbene Gustav Rainer und Willy Haslitzer

Das war im damals ziemlich braven ORF nicht unbedingt üblich.

HASLITZER: Überhaupt nicht. Wir waren auch die Ersten, die mit den Sportlern per Du waren. Und wir haben uns auf Sendung Sachen gesagt wie: „Glaubts dem nichts, der hat keine Ahnung vom Eishockey.“ Ein Stilbruch. Wir haben oft den Vorwurf bekommen, dass wir nicht objektiv berichten.

Und waren Sie objektiv?

HASLITZER: Objektiv ja. Aber nicht neutral. HÖNIGMANN: Das Ganze hat aber nur funktioniert, weil es KAC und VSV gab. Würde es nur einen der beiden Klubs geben, hätte das Eishockeymagazin nie diesen Erfolg gehabt. Die Rivalität hat diese Sendung getragen.

Und Sie wurden selbst Teil dieser Rivalität.

HASLITZER: In Villach war ich der Bösewicht. Wenn ich in die Halle gekommen bin, haben die Leute gepfiffen. Bei Gustav Rainer haben sie gejubelt. Ich habe mir gedacht: Am Wiener Heumarkt war der Bösewicht auch immer ein Star. Also funktioniert unsere Show. „Willi gegen Tono“ spielen sie heute noch beim Klagenfurter Stadtgerücht.

Haben Sie beide wirklich gestritten?

HASLITZER: Nur auf Sendung. Wir hatten unsere Rollen.

HÖNIGMANN: Abseits davon waren wir ohnehin viel zu nahe dran. Bei den Auswärtsfahrten sind wir im Mannschaftsbus mitgefahren. Vor den Spielen wurde Karten gespielt, geschlafen oder gelernt. Herbert Pöck hat damals für seine Beamtenprüfung gelernt, Gerald Rauchenwald für sein Jus-Studium.

HASLITZER: Wir waren wie der 23. Spieler. Wenn hoch gewonnen wurde, war alles klar. Wenn hoch verloren wurde, auch. Aber wenn ein Spiel knapp verloren ging, konnte die Stimmung im Bus richtig giftig sein.

HÖNIGMANN: Auf der Rückfahrt wurde auch einmal das eine oder andere Bier getrunken. Manchmal sind weibliche Fans zugestiegen und mit der Mannschaft mitgefahren. Aber solche Dinge wurden von uns diskret behandelt.

HASLITZER: Was im Bus geredet wurde, blieb im Bus.

Willy Haslitzer setzte mit dem Kärntner Eishockeymagazin vor 45 Jahren neue Radio-Maßstäbe
© Helge Bauer
Willy Haslitzer setzte mit dem Kärntner Eishockeymagazin vor 45 Jahren neue Radio-Maßstäbe

Heute undenkbar?

HÖNIGMANN: Es war eine andere Zeit. Wir waren auswärts oft die Einzigen, die überhaupt vor Ort waren. Keine Streams, kein Social Media. Nach einem Raufhandel auf dem Eis, der vor Gericht gelandet ist, wurden wir sogar einmal als Zeugen geladen.

Waren die Derbys damals wirklich wilder – oder verklärt man nach 45 Jahren einiges?

HÖNIGMANN: Nein, die Rivalität war eine andere. Damals spielten Klagenfurter gegen Villacher beziehungsweise Österreicher gegen Österreicher. Das waren richtige Schlachten. Heute kommt es einem manchmal eher vor, als ob Kanada gegen Kanada spielt.

HASLITZER: Und ein Derby war eine Rarität. Darauf hat man sich wochenlang gefreut. Eishockey war in Kärnten wesentlich populärer als Fußball.

Fehlen heute die Typen?

HÖNIGMANN: Mir fehlen auch die Persönlichkeiten rund um die Mannschaften. Gerd Seeber und später Karl Nedwed beim KAC, Walter Lang und Giuseppe Mion beim VSV. Das waren Charaktere. Die waren mindestens so bekannt wie die Bürgermeister ihrer Städte.

HASLITZER: Das Spiel ist heute härter und schneller, für mich aber auch eintöniger. Früher hast du im Radio noch richtig ausschildern können, wie sich die KAC-Paradelinie König, Pöck und Cijan durchkombiniert.

Sie reden von einer Zeit, in der Radio Bilder erzeugen musste. Wie verrückt waren Sie selbst nach Eishockey?

HASLITZER: Schon ein bisschen wahnsinnig. Wir hatten in der Redaktion ein Tischeishockeyspiel. Einmal hatte ich ein KAC-Spiel kommentiert, Tono war mit dem VSV in Kapfenberg. Er kam spät zurück – und dann haben wir noch bis zwei Uhr früh in der Redaktion Tischeishockey gespielt.

HÖNIGMANN: Die Geschichten würden ohnehin für ein ganzes Buch reichen.

HASLITZER: Eine Sache ist für mich aber größer als alle Geschichten und Derbys. Ein blinder Bub hat mir einmal erzählt, dass er über das Eishockeymagazin gelebt hat. Ich war sein Lieblingsreporter.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

HASLITZER: Das war die größte Auszeichnung meines Lebens. Da habe ich gewusst: Es hat sich ausgezahlt.

„Die Kärntner sind komplett verrückt“

Das KAC-Spiel war verschoben worden, jenes des VSV ausgefallen. Eigentlich hätte Radio Kärnten an diesem Abend also kein Eishockey zu übertragen gehabt. Eigentlich. „Wir hatten aber bereits Werbung für die Sendung verkauft“, erzählt Willy Haslitzer. Also setzte er sich zu VSV-Trainer Bart Crashley. „Ich habe gesagt: Wir müssen senden. Erzähl mir, was ihr im Training macht.“ Und Radio Kärnten sendete.

Musik. Dann wieder die Stimme des Reporters: Jetzt machen die Spieler Gymnastik. Jetzt wird Überzahl trainiert. Die VSV-Spieler kamen vorbei und erzählten, was gerade passierte. Ein Eishockeytraining als Liveübertragung.

Zur selben Zeit war der Kärntner Fußballer Ewald Türmer mit Austria Wien auf dem Weg durch Kärnten zu einem Cupspiel in Osttirol. Seinen Kollegen hatte er zuvor groß angekündigt, sie müssten unbedingt Radio Kärnten einschalten: So werde in seiner Heimat über Eishockey berichtet.

Was Türmer nicht wusste: Es gab gar kein Spiel. Später erzählte er Haslitzer von der Reaktion seiner Mitspieler. Die Wiener seien völlig fertig gewesen: „Die Kärntner sind ja komplett verrückt. Die übertragen live ein Eishockeytraining.“

Türmers Antwort an Toni Polster: „Siehst du, das ist eben ein richtiger Sportsender.“

Als es noch richtig schepperte

Wer war der größte Provokateur der alten Derbytage? Willy Haslitzer muss nicht lange überlegen. Beim VSV: Peter Szybisty. „Er war nicht böse, aber ein Heißläufer. Ein Gerechtigkeitsfanatiker.“ Und wenn Szybisty Ungerechtigkeit ortete, ließ er auch gerne die Fäuste sprechen.

Haslitzer machte daraus sogar eine Veranstaltung. In Feldkirchen organisierte er einen Boxkampf zwischen Szybisty, für ihn damals „der gefährlichste Spieler der Liga“, und Kickbox-Weltmeister Niki Gstättner. 500 Zuschauer kamen. „Gekämpft wurde schon, aber vorsichtig. Beide hatten großen Respekt voreinander.“

Beim KAC denkt Haslitzer an Dave Shand, Adelbert St. John Sulzer, Rudolf Kompain und Bobby Fritz. „Ein Killer und drei Beinharte.“ Hinter Shands Härte steckte allerdings auch Kalkül. Der Verteidiger litt unter massiven Schleimbeutelproblemen und konnte zeitweise kaum seine Handschuhe anziehen. Die Schmerzen durfte der Gegner nicht riechen. Also setzte Shand früh ein Zeichen. Haslitzer: „Er hat sich gleich einmal mit Härte Respekt verschafft.“