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Für Österreichs größten Gletscher geht es bergauf

Die Pasterze ist derzeit noch der größte Gletscher Österreichs. Neue Messungen belegen aber ein weiteres und dramatisches Schmelzen des Eises. Im Gletschervorfeld entwickeln sich neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. 

Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins beim Vermessen der Pasterze
© Österreichischer Alpenverein/Elias Bachmann
Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins beim Vermessen der Pasterze
Harald Schwinger

Dass die Gletscher aufgrund steigender Temperaturen seit langem bedroht sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Bereits 2019 wurde etwa der isländische Gletscher Okjökull offiziell für tot erklärt und symbolisch beerdigt. An der Abschiedszeremonie anwesend damals war sogar Ex-Regierungschefin Katrin Jakobsdóttir. Um auf diese dramatische Entwicklung aufmerksam zu machen, wurde 2023 auch auf der Pasterze ein symbolisches „Gletscherbegräbnis“ bei der Franz-Josefs-Höhe an der Großglockner-Hochalpenstraße abgehalten.

Tatsächlich geht es mit dem größten Gletscher Österreichs bergab, wobei man in diesem Fall sagen müsste bergauf, denn Jahr für Jahr ziehen sich die Eismassen weiter zurück, und das werde sich in Zukunft auch nicht ändern, darin sind sich die Forscher nach den Messungen, die vor kurzem auf einer Höhe zwischen 2500 und 3000 Metern stattfanden, einig.

Mit den Gletschern geht es bergauf - das Eis zieht sich in immer höhere Lagen zurück
© Österreichischer Alpenverein/Elias Bachmann
Mit den Gletschern geht es bergauf - das Eis zieht sich in immer höhere Lagen zurück

„Das heurige Jahr mit dem Hitzesommer war für die Gletscher insgesamt und für die Pasterze im Besonderen das Schlechteste überhaupt. Wir haben Rückgänge beim Eis gemessen, die wir auf dieser Höhe überhaupt noch nie hatten“, erklären Andreas Kellerer-Pirklbauer und Gerhard Karl Lieb, Leiter des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenverein (ÖAV). Die Pasterze erstreckt sich über eine Fläche von rund 17 Quadratkilometern und, um den enormen Schwund zu veranschaulichen, muss man sich vorstellen, diese gesamte Fläche wäre ein Meter hoch mit Wasser bedeckt. „So viel Eis ist heuer zu Wasser geschmolzen“, sagt Michael Avian von GeoSphere Austria. „Würde man dieses Wasser zu einem Eiswürfel formen, hätte er eine Kantenlänge von rund 230 Metern. Der Donauturm misst im Vergleich 245 Meter“, ergänzt Kellerer-Pirklbauer.

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Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins war im September auf der Pasterze unterwegss
Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins war im September auf der Pasterze unterwegss © Österreichischer Alpenverein/Elias Bachmann

Aber auch in der Länge nimmt die Pasterze stetig ab. Rekordwert war 2022/2023 mit einem Rückzug von rund 200 Metern. Auch wenn es nicht jedes Jahr so viel wird, ist der Trend eindeutig und auch nicht mehr aufzuhalten. Dazu kommt ein Beschleunigungseffekt: Je mehr Eis schmilzt, desto mehr Fels wird freigegeben, der sich wiederum durch Sonneneinstrahlung schneller erwärmt und dadurch die Eisschmelze weiter begünstigt. Ein Kreislauf also, aus dem man nicht mehr herauskommt. „Um das zu stoppen, wäre eine Zeitreise in die 60er Jahre notwendig, als die Sommer noch kühler und die Winter schneereicher waren. Das war die letzte gute Zeit für die Gletscher in Österreich“, sagt Kellerer-Pirklbauer.

Vor 30 Jahren gab es den Pasterzensee noch gar nicht
© Österreichischer Alpenverein/Elias Bachmann
Vor 30 Jahren gab es den Pasterzensee noch gar nicht

Solch eine Zeitreise ist aber weit und breit nicht in Sicht. Wie der Rückgang des Gletschers sich auf die Landschaft auswirkt, ist von der Franz-Josefs-Höhe sehr gut erkennbar, denn von hier aus hat man einen schönen Ausblick auf den „Pasterzensee“ mit einer Fläche von rund 45 Hektar und einer Tiefe von etwa 48 Metern. „Vor 30 Jahren gab es diesen See noch gar nicht“, sagt Avian. Ebenfalls bereits gut erkennbar: Weiter oberhalb bildet sich bereits ein weiterer, derzeit zwar noch relativ kleiner, aber sich ebenfalls stetig erweiternder neuer See. Wie all das sich einmal auswirken wird, ist noch unklar. Um für die Trinkwasserversorgung eine Rolle zu spielen, dafür seien die Gletscherflächen zu gering, aber „das Eis stützt die angrenzenden Berghänge und wenn es schmilzt, könnte das die Stabilisierung massiv gefährden“, warnt Avian.

Vor 30 Jahren gab es diesen See noch gar nicht. Weiter oberhalb bildet sich bereits ein weiterer, derzeit zwar noch relativ kleiner, aber sich ebenfalls stetig erweiternder neuer See. 

— Michael Avian, GeoSphere Austria

Wie sehr sich die Bedingungen auf der Pasterze geändert haben, zeigt sich auch am Beispiel der Oberwaldhütte auf fast 3000 Metern Seehöhe. Früher war sie über das Eis relativ leicht zu erreichen und wurde von Lastenträgern – darunter etwa auch Sepp Forcher, Moderator von „Klingendes Österreich“ – versorgt. Durch das Schwinden des Eises ist das undenkbar geworden und der Aufstieg ohnehin nur mehr für erfahrene Alpinisten ratsam. Die Aufgabe der Lastenträger hat längst der Hubschrauber übernommen.   

Die Natur schafft neue Ökosysteme

Auch wenn es schmerzhaft zu beobachten sei, wie schnell der Gletscher dahinschmelze, sagt Birgit Kantner von der Abteilung Raumplanung und Naturschutz im Österreichischen Alpen Verein (ÖAV), „ist dieses Rückzugsgebiet ein spannendes Laboratorium für neue Lebensräume“. Denn Fakt ist, die Natur kennt keine „menschlichen“ Unterscheidungen in Gut oder Schlecht, sondern entwickelt sich immer weiter und schafft sich neue Ökosysteme. Und da, wo einst die Eismassen der Pasterze die Berghänge bedeckten, haben sich mittlerweile die ersten Pflanzenpioniere wie Flechten und Moose angesiedelt. Und auch die Tierwelt habe es sich im Gletschervorfeld bereits eingerichtet, wie Katharina Aichhorn vom Nationalpark Hohe Tauern Kärnten weiß. So etwa der Gletscherweberknecht, der Temperaturen bis zu Minus 20 Grad ganz gut aushält oder der so genannte Gletscherfloh, der mit einem körpereigenen Frostschutzmittel ausgestattet ist. „Uns geht es jetzt vor allem darum, diese neu entstandenen Lebensräume zu schützen und nicht gleich wieder irgendwelchen wirtschaftlichen Interessen zu opfern“, sagen Aichhorn und Kantner. 

Wo es einst „ewiges Eis“ gab, gibt es nun ein Schotterfeld
© Österreichischer Alpenverein/Elias Bachmann
Wo es einst „ewiges Eis“ gab, gibt es nun ein Schotterfeld

Das Erscheinungsbild der Pasterze wird sich in den kommenden Jahren also weiter verändern. „In den nächsten zwei, drei Jahren rechnen wir mit dem Abschmelzen des Rest-Eises am „Hufeisenbruch“, der letzten Verbindung zwischen Firngebiet und Gletscherzunge. „Die Zunge gleicht mit einer Breite von etwa 70 Metern nur mehr einer kleinen Nabelschnur“, sagt Avian. Sollte diese Verbindung endgültig abreißen, wird die Pasterze ihren Rang als größter Gletscher Österreichs abgegeben müssen – und zwar an den Tiroler Gepatschferner.