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„Kinder müssen sitzen bleiben, damit Schülerzahlen stimmen“

Mitarbeiterin aus dem außerschulischen Bereich berichtet, wie mit Schülern jongliert wird, die an Lernschwächen leiden. Der Behörde sind solche Fälle nicht bekannt.

Ein Zweitklässler kam im Unterricht trotz Legasthenie gut mit, musste aber dennoch die Klasse wiederholen
© APA / Harald Schneider
Ein Zweitklässler kam im Unterricht trotz Legasthenie gut mit, musste aber dennoch die Klasse wiederholen
Thomas Martinz
Redakteur Bundesland Kärnten

Kinder mit Lernschwächen werden mitten im Schuljahr zurückgestellt oder müssen die Klasse wiederholen, damit in nachfolgenden Klassen die Schülerzahlen wieder „stimmen“ – solche Vorgänge seien in Kärntens Schulen gelebte Praxis, sagt eine Mitarbeiterin im außerschulischen Bereich (Name und Funktion sind der Kleinen Zeitung bekannt).

Mehrfach habe sie solche Fälle miterlebt, so die Kärntnerin. Betroffen seien beispielsweise Kinder, die an Legasthenie, Rechen- oder Konzentrationsschwächen leiden. Über zwei besonders drastische Vorgangsweisen von Schulleitungen berichtet sie konkret: „Ein Mädchen aus der dritten Klasse einer Volksschule ist Legasthenikerin, kam aber in der Schule gut mit. Im März erfuhr ihre Mutter – eine Alleinerzieherin – dass ihr Kind zurückgestellt werden müsse. Das Mädchen komme mit dem Lernstoff nicht mehr mit, hieß es“, erzählt die Frau.

Hintergrund sei die Gefahr gewesen, dass nachfolgende Klassen zusammengelegt hätten zusammengelegt werden sollen, und Lehrkräften die Kündigung drohte, weil im nächsten Jahrgang Schüler fehlten, sagt die Frau. „Ich habe lange mit dem Mädchen gearbeitet und daher an einem Freitag die Direktorin angerufen und gesagt, eine Rückstellung sei nicht notwendig. Sie gab mir recht, doch am darauffolgenden Montag wurde das Kind in die zweite Klasse rückversetzt.“

Lehrer schauen aus Angst vor Konsequenzen weg, auf der Strecke bleiben Kinder mit Lernschwächen.

— Eine Informantin, die mit diesen Schülern außerschulisch arbeitet

Ähnliches habe sie an einer anderen Schule mit einem Bub erlebt, ebenfalls Legastheniker. „Ein Heimkind mit Problemen beim Lesen und Schreiben, aber vif. Er hat den Anforderungen der zweiten Klasse Volksschule entsprochen und wurde dennoch im Juni informiert, dass er die Klasse wiederholen muss.“ Eine Heimbetreuerin habe sich schließlich über die Vorgangsweise beschwert und bei der Schulleitung vorgesprochen. Das Ergebnis: Die Rückversetzung blieb aufrecht und die Heimbetreuerin erhielt in der Schule Hausverbot. „Lehrer schauen aus Angst vor Konsequenzen weg, auf der Strecke bleiben Kinder, die dafür sorgen müssen, dass Klassenzahlen stimmen“, so die Mitarbeiterin aus dem außerschulischen Bereich, die auch diesen Bub betreute.

Die gesetzliche Regelung

Der Bildungsdirektion seien solche Fälle nicht bekannt, unterstreicht die Behörde auf Anfrage. Allgemein nimmt Ina Tremschnig, Leiterin der Abteilung für Schulpsychologie, zu Schülern mit Lernschwächen und deren Wechsel von Schulstufen Stellung. „Gesetzlich ist festgelegt, dass beim Wechsel von Schulstufen während des Unterrichtsjahres die Schulkonferenz auf Antrag der Erziehungsberechtigten oder des Klassenlehrers entscheidet. Diese Entscheidung ist den Erziehungsberechtigten unverzüglich mitzuteilen, mit Angabe der Gründe und Widerspruchsmöglichkeit“, sagt Tremschnig.

Ina Tremschnig, Schulpsychologin
© Kk/furgler
Ina Tremschnig, Schulpsychologin

Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, ob eine Klassenwiederholung Kindern mit Lernschwierigkeiten langfristig tatsächlich hilft und welche Alternativen zur Rückstellung gibt es?

Ina Tremschnig: Lernschwierigkeiten zeigen sich sehr individuell und mit unterschiedlichem Ausprägungsgrad. Wenn aufgrund von Lernschwierigkeiten große Lernrückstände entstehen und auch negative Beurteilungen erfolgen, kann eine Klassenwiederholung auch Entlastung vom Lerndruck mit sich bringen. Die Schüler bringen einen gewissen Lern- und Stoffvorsprung gegenüber den künftigen Klassenkameraden mit, das kann durchaus das Selbstvertrauen stärken. Im besten Fall kann eine Klassenwiederholung vermieden werden, indem Lernschwierigkeiten rechtzeitig erkannt werden und gezielte Fördermaßnahmen gesetzt werden. Es ist daher sehr wichtig, dass Pädagogen frühzeitig mit Erziehungsberechtigten und Schülern ins Gespräch kommen, wenn ein Leistungsabfall bemerkt wird. Nur so können Ursachen für Lernschwierigkeiten herausgefunden werden und rechtzeitig entsprechende Unterstützungsangebote vermittelt werden. Die Schulpsychologie kann hier eine wichtige Unterstützung sein.

Mit welchen Belastungen haben Schüler mit Lernschwächen im Klassenverband mit Gleichaltrigen ohne Lernschwächen zu kämpfen?

Schüler mit Lernschwächen müssen oft mehr lernen und üben als Gleichaltrige ohne Lernschwächen, trotzdem sind die Lernergebnisse und Leistungsbeurteilungen manchmal schlechter. Das kann sehr frustrierend sein und sich auch auf den Selbstwert auswirken.

Wie belastend ist es für Schüler mit Lernschwächen, wenn sie während des Schuljahres zurückgestellt werden oder die Klasse wiederholen müssen?

Eine bevorstehender Klassenwechsel kann Unsicherheit mit sich bringen und Sorgen auslösen. Schüler wissen nicht, wie sie sich in die neue Klasse einfügen werden und ob sie Freunde finden werden. Manche empfinden es auch als Versagen, die Klasse wiederholen zu müssen. Daher ist es sehr wichtig zu besprechen, wie es dazu gekommen ist und warum eine Klassenwiederholung sinnvoll ist, beispielsweise um Überforderung zu vermeiden und zu entlasten. Es wäre auch wichtig, den Klassenwechsel gut zu begleiten.