Jetzt wird‘s handgreiflich: Rote Flaggen beim steirischen herbst
Warnsignale überall: Der steirische herbst nimmt sich mit einem Programm zum Thema „Red Flags“ ab 24. September falsche Idyllen und paralysiertes Denken vor.

Nicht nur Österreichs liebste Wrestling-Bösewichtin Jessy Jay steigt in den Ring. „Ready to rumble“ sind in Julian Warners Eröffnungsspektakel auch die Blasmusik des Ilzer Musikvereins, der Grrrls Chor und die Cheerleaderinnen der Grazer Giants. Das dürfte also eine ziemlich lebhafte Sause auf dem Grazer Karmeliterplatz werden, wenn der steirische herbst seine Saison 2026 eröffnet. Vormerken: 24. September, 17 Uhr.
Nur mit Jux und Tollerei ist in den drei herbst-Wochen bis 18. Oktober aber nicht zu rechnen. Schließlich befasst sich das Festival heuer mit „Red Flags“. Damit sind allerdings nicht die roten Fahnen der Revolution gemeint. Sondern die vielfältigen Warnsignale aus Politik und Umwelt, der eine reservierter werdende Gesellschaft nur noch mit „paralysiertem Denken“, mit Misstrauen und Vorsicht begegnet.
Muss man sich um den herbst Sorgen machen?
„Denkverbote werden wirklich“, diese Befürchtung stellte herbst-Intendantin Ekaterina Degot bei der Programmpräsentation am Dienstag in den Raum. Zugleich seien Rechtspopulisten längst dabei, den Freiheitsbegriff zu monopolisieren. Zwecks Erweiterung des Denkmöglichen wird sich der herbst also von 24. September bis 18. Oktober mit solchen Phänomenen auseinandersetzen.

Das ist nicht das ganze Ausmaß der Bedenklichkeiten. Auch rund um das Festival selbst sieht Degot etliche Warnsignale: Sie selbst bestreitet im nächsten Jahr, 2027, ihr letztes Programm. Das Land Steiermark hat die Intendanz für die Folgejahre aber bisher noch nicht einmal ausgeschrieben. Nachlässigkeit? Absicht? „Ich mache mir Sorgen um den steirischen herbst“, stellte die Intendantin im Hinblick auf Gerüchte um eine geplante Neuausrichtung des Festivals fest: Der herbst gehöre „nicht nur Graz, den sogenannten Eigentümern und dem Grazer Publikum“, sondern „der ganzen Welt“. Seine internationale Ausrichtung müsse daher gewahrt bleiben. „Ich möchte nicht die erste und letzte ausländische Intendantin des steirischen herbst sein“, so Degot.
„Kosmopolitischer“ Schauplatz
Internationalität bietet der herbst 2026 jedenfalls reichlich, schon allein durch sein heuriges Zentrum im Grazer Griesviertel. Den nach rechtspopulistischer Diktion angeblich ausländisch „unterwanderten“ Bezirk erlebt Degot als deutlich „kosmopolitischer“ als das bürgerliche Geidorf. Ihr Appell: „Das muss man behalten und entwickeln.“

Folgerichtig mutiert ein ehemaliges Schnitzellokal auf dem Griesplatz zur Festivalzentrale (mit Barbetrieb und Musikprogramm bis 2 Uhr früh). Das verwinkelte „Puppenhaus“ aus dem 17. Jahrhundert wird auch Schauplatz der Hauptausstellung, die Kuratorin Pieternel Vermoortel zwischen Idyll und „Rabbit Holes“ verortet. Zu den dafür beauftragten Arbeiten zählt etwa ein toxisches Recruitment-Center von Leila Hekmat oder Josefin Arnells vampirische Suche nach verlorener lesbischer Liebe (unter Mitwirkung von Österreichs derzeit allgegenwärtigem Kunstsuperstar Florentina Holzinger). Gabriele Edlbauer und Julia S. Goodmann untersuchen in ihrer Installation den „Feminismus“ rechter Politikerinnen von Margaret Thatcher bis Alice Weidel. Und im Gastraum bringen Andreas Unterweger und Max Höfler Stammtischgespräche zur Hörspielreife.

Mit 18 Produktionen ist auch das Performanceprogramm in diesem herbst breit aufgestellt. Den Auftakt macht am Eröffnungstag der Choreograf Alex Baczyński-Jenkins in der Helmut-List-Halle: „Angelic Conversations“ begegnet dem Engel als Figur des queeren Widerstands. Franz von Strolchens „Austria Demenzia“ imaginiert vor dem Hintergrund von Österreichs fragwürdiger NS-Gedenktradition eine privatisierte Erinnerungskultur (ab 25. 9.), Lennart Boyd Schürmann holt entlang von Romain Rollands „Liluli“ (1919) allegorische Figuren von Muttergott bis Stalin und Nicki Minaj auf die Bühne (26./27. 9.). Die Rabtaldirndln nehmen sich mit „Dreschen“ misogynes Brauchtum vor (ab 1. 10.), Stina Fors verpflanzt sich in „Rhododendron“ als Fremdkörper in die Welsche Kirche (ab 3. 10.).
Herbst-Kabarett (unter anderem mit Hendrik Quast, Carmen Chraim, Kroot Juurak), Diskursives (etwa mit „Deathmatches“ und Podiumsdiskussionen) vervollständigen den herbst 2026 ebenso wie das umfangreiche Partnerprogramm (unter anderem mit dem Planetenparty Prinzip. KRA, „Haus Lebt“) und die Festivals im Festival: Musikprotokoll und „Out of Joint“. Das Vermittlungsprogramm wird immer bunter und reicht von interaktiven Führungen und gemeinsamen Essen mit Künstler:innen („Eat & Greet“) bis hin zum Witzeerzählen für Kinder ab 8.
steirischer herbst. 24. 9. bis 18. 10.
Programm & Tickets: www.steirischerherbst.at