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Warum gibt es in Kärnten immer mehr Kinder mit Autismus-Diagnose?

Binnen zwei Jahren verdoppelte sich die Zahl von Kindern mit Autismus-Diagnose beinahe. Doch was sind die Gründe für diesen Anstieg?

Kinder mit Autismus könnten ohne persönliche Schulassistenz nicht am Regelunterricht teilnehmen (Symbolfoto)
© Adobe Stock
Kinder mit Autismus könnten ohne persönliche Schulassistenz nicht am Regelunterricht teilnehmen (Symbolfoto)
Thomas Cik
Leiter Kärnten-Ressort

Es ist nur eine Zahl in einer langen Reihe, doch sie fällt auf: Im angelaufenen Schuljahr gibt es in Kärntens Schulen 182 Kinder, die eine Diagnose im Autismus-Spektrum haben. Sie könnten ohne persönliche Schulassistenz nicht am Regelunterricht teilnehmen. Eine Möglichkeit, die sie - wegen der Wahlfreiheit im Schulwesen – aber haben. Entsprechend zahlt das Land 2,7 Millionen Euro pro Jahr. 58 Vollzeitkräfte werden beschäftigt.

Doch die Zahl fällt vor allem daher auf, weil sie in den letzten beiden Jahren rapide zugenommen hat. Im vergangenen Schuljahr waren es 152 Kinder mit dieser Autismus-Diagnose, ein Jahr früher gar nur 107 Kinder. Doch wieso steigen die Fallzahlen so sehr an?

Eltern drängen auf Autismus-Diagnose

Thomas Trabi, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapeutische Medizin am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee, spricht ein Problem offen an: „Es gibt Psychiater und Psychologen, die werden von Eltern zu dieser Diagnose gedrängt und stellen sie dann auch rasch aus. In manchen Fällen sicher zu schnell.“ Eine Ansicht, die Christa Rados, ärztliche Leiterin der Ambulatorien im Psychiatrischen Therapiezentrum Kärnten, teilt. „Man beobachtet ein Verhalten, das nicht ganz der Norm entspricht; googelt und schon sind die Eltern mit einem Diagnose-Vorschlag bei Fachleuten und setzen sie unter Druck“, ist ihre Beobachtung. Der Grund, warum Eltern darauf drängen, dass Kinder eine Diagnose im Autismus-Spektrum erhalten: Sie wollen eben diese Schulassistenz. „Die Förderpraxis ist in Kärnten häufig an diese Diagnose gebunden, daher will man im Grunde für sein Kind nur Gutes. Auch wenn eine andere Form der Unterstützung passender wäre“, sagt Trabi.

Psychiater Thomas Trabi kritisiert die Diagnose-Praxis
© Klz / Stefan Pajman
Psychiater Thomas Trabi kritisiert die Diagnose-Praxis

Rund 320 Psychologinnen und Psychologen gibt es in Kärnten, „wenn es unter ihnen wirklich welche gibt, die auf Drängen eine Diagnose erstellen, wäre das grob fahrlässig“, sagt Margreth Tschuschnig, Vorsitzende des Kärntner Landesverbands für Psychotherapie. Wobei sie auch beobachtet, dass „die Diagnose Autismus ihren Stempel verloren“ hat. Eltern hätten keine Sorge mehr, wenn ihr Kind eine Diagnose erhält, „was grundsätzlich eine gute Sache ist“.

Psychologin Marion Mitsche
© Markus Andreas Traussnig
Psychologin Marion Mitsche

Wenn etwas da ist, gehört das auch diagnostiziert.

— Marion Mitsche, Psychologin

Eine der Psychologinnen, die im Ruf stehen, rasch Autismus-Diagnosen zu erstellen, ist Marion Mitsche. Ein Ruf, dem sie ein simples Argument entgegenhält: „Ich bin Wahlpsychologin und auf die Diagnostik von Autismus und ADHS spezialisiert. Natürlich gibt es bei mir mehr Diagnosen dieser Art.“ Sie sieht jedoch auch fachliche Gründe für den Anstieg: „Wir haben klare Leitlinien für die Diagnosen, aber es gibt eben auch neuere Verfahren.“ Die Kritik der Psychiater, dass Psychologen zu rasch Diagnosen ausstellen würden, kann und will sie nicht hinnehmen. „Wenn etwas da ist, gehört das auch diagnostiziert.“

Erhöhte Familienbeihilfe als Antrieb

Behindertenanwalt Martin Kahlig sieht aber noch einen weiteren Grund, der Antrieb sein könnte: Wenn man eine 50-prozentige Behinderung hat, bekommt man für sein Kind auch erhöhte Familienbeihilfe. „Und wenn man nun in der Situation ist, dass man Ergotherapien, Logopädie, Nachhilfestunden oder einfach nur Dinge zahlen muss, die ein Kind im Zornanfall zerstört hat, kann dieses Geld sehr hilfreich sein.“ Wobei er nicht bestreitet, dass in vielen Fällen die Diagnose auch gerechtfertigt ist. „Wir haben ja mittlerweile eine Elterngeneration, die wissen will, was mit ihren Kindern passiert, warum sie sich so verhalten. Daher wird eben auch öfter nachgefragt, was mit dem eigenen Kind sein könnte, wenn es sich am Spielplatz nicht so verhält wie andere Kinder“, sagt Kahlig.

Kärnten Behindertenanwalt Martin Kahlig
© Peter Rass
Kärnten Behindertenanwalt Martin Kahlig

Auch die erhöhte Familienbehilfe für ein Kind mit Behinderung kann ein Grund sein, auf die Diagnose zu drängen.

— Martin Kahlig, Behindertenanwalt

Er nimmt jedoch nicht nur die Eltern und Ärzte in die Pflicht – auch Kindergärten und Schulen hätten ihre Rolle im System. „Es gibt das verpflichtende Kindergartenjahr und das Einschulungsgespräch. Auch auf diesen Ebenen müsste geachtet werden, ob die Diagnosen entsprechen oder zu weit reichen.“ Dass man in der Schulassistenz eine vermeintliche Lösung für Probleme im Unterricht sieht, hat aber auch mit einem falschen Rollenverständnis zu tun, sagt Joachim Zmölnig, Fachbereichsleiter der AVS, die einen Großteil der Schulassistenten anstellt und vermittelt. „Die Schulassistenzen kümmern sich um Themen der Inklusion, sie sind aber keine Hilfslehrer.“