Lara Vadlau: „90 Prozent der Kommentare sind bodenlos“
Segel-Olympiasiegerin Lara Vadlau (32) hat ihre ersten Trainingstage am Wasser nach einer 13-monatigen Zwangspause absolviert.
Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen der eigene Körper plötzlich Grenzen vorgibt?
LARA VADLAU: Das ist schwierig. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, dass mir der Körper schon öfter Grenzen aufgezeigt hat, ich sie aber ignoriere und sozusagen drübergehe. Inzwischen ist mir bewusst geworden, dass ich auf meinen Körper hören muss, zumindest ein wenig. Es ist ein Lernprozess, wie so vieles.
Sie waren nach 13 Monaten Zwangspause wieder am Wasser. Was war das für ein Moment, als Sie im Boot gesessen sind?
Es war cool, Mallorca hat uns nicht im Stich gelassen. Der Wind hat sich gesteigert, so als hätte man den Schalter umgelegt. Dadurch habe ich mehr Sicherheit bekommen. Am letzten Tag war richtig viel Wind, das habe ich schon gespürt – es waren quasi Geh-Humpel-Versuche im Boot. Das Geradeausfahren ging gut, das Gefühl verliere ich nicht, aber Manöver funktionieren noch nicht, was aber keine Überraschung ist.
Gab es einen Moment, in dem Sie sich gedacht haben: „Das wird schwieriger als gedacht“?
Ja, bei richtig viel Wind. Ich muss ja draußen hängen, mein Knie völlig in die Streckung bringen und den Oberkörper halten. Wobei ich in dem Moment eh alles vergesse, da Hormone freigesetzt werden. Aber beim Physio habe ich gesehen, dass das Knie angeschwollen war. Die Belastung ist nicht ohne, da muss ich aufpassen.
Was ist beim Comeback schwieriger: Körper oder Kopf?
Ganz klar beides!

Was war die größte mentale Herausforderung?
Dass ich nicht so loslegen kann, wie ich eigentlich will. Ich habe mir bewusst mehr Zeit gegeben, nur wenn ich einen Schritt aufs Boot setze, vergesse ich alles, das ganze Drumherum und auch die Schmerzen, die eben noch da sind. Das ist bei mir das Gefährliche, weil es am Wasser nur tausend Prozent für mich gibt.
Ist das Ziel 2028 ganz klar „noch einmal Gold“?
Ich sag‘s so: Nur um hinzufahren ist mir die Zeit zu schade.
Kann Ihnen sportlich überhaupt noch etwas Angst machen oder Sie überraschen?
Überraschen ja, Angst machen nein. Da befinde ich mich in einem inneren Konflikt, denn im Segeln habe ich alles gewonnen, deswegen denke ich mir inzwischen: Schau bitte etwas auf dich, damit du auch in zehn Jahren noch normal gehen kannst. Es war eine sehr schwere Knieverletzung und Dr. Mandl hat sogar gemeint, ich kann froh sein, dass ich noch normal gehen kann. Und genau das vergisst man leider, wenn man versucht, Grenzen zu verschieben. Da muss ich mich zügeln, denn es bringt nichts irgendwann ein ‚Krüppel‘ zu sein.
Vor Jahren hätten Sie vermutlich noch anders darüber gedacht?
Vor einem halben Jahr hätte ich noch anders gedacht.
Stichwort Gedanken. Auf Social Media bekommt man täglich neue Gesundheitstipps. Wie schnell erkennen Sie als Ärztin, was seriös ist und was ein Trend?
Ich erkenne es schnell und verstehe, dass sich viele Menschen nicht mehr auskennen, was jetzt gut sein soll und was nicht. Einmal heißt es, man soll Kohlenhydrate essen, dann wieder nicht, dann Intervallfasten, dann wieder was anderes. Deswegen habe ich das Buch geschrieben, damit man sich in dem Dschungel von Mythen etwas zurechtfindet.
Was wird überbewertet?
Gurkenwasser und wenn man für Kinder ständig was zusammenbraut und sie deswegen nicht geimpft werden, weil es genauso funktionieren soll. Da bin ich raus, muss ich abschalten, das regt mich auf.
Das kann oft in eine völlig falsche Richtung gehen, oder?
Absolut. Das kann für Kinder gefährlich sein und ist teilweise fahrlässig, was man hört. Oder wenn Pseudo-Influencer erzählen, welche Supplemente man nehmen soll und davon überhaupt keine Ahnung haben.
Sie geben selbst auch Tipps: Haben sie das Gefühl, dass Menschen von Ihnen erwarten, immer alles perfekt zu machen?
Ja! Ich muss extrem vorsichtig sein. Jedes Video oder Skript überarbeite ich zigmal und checke zusätzlich mehrere Studien. In der Medizin ist es schwierig, denn es gibt nicht nur ganz schwarz oder weiß – für fast jede Studie findet man eine Gegenstudie. Ich bewege mich im Thema Langlebigkeit, wo es keine 70-jährigen Studien gibt. Ich teste viel an mir, aber wenn ich da etwas Falsches sage, bin ich sofort im Teufelsfeuer.
Was funktioniert definitiv?
Es wird so viel Geld mit Proteinshakes und Pillen gemacht, was immer funktioniert, ist ein Kaloriendefizit – da gibt es keine Ausrede. Und gewisse Supplemente, wie Kreatin, wobei da Menschen aufpassen müssen, die eine bestehende Nierenerkrankung haben, funktionieren bei den meisten.
Wie gehen Sie mit Kommentaren um, die kritisch oder verletzend sind?
Anfangs war es schwierig, wobei ich noch immer sagen würde, dass 90 Prozent der Kommentare bodenlos sind. War die Menschheit immer schon so? Kommt das erst aufgrund von Social Media zum Vorschein oder hat sich da etwas Gravierendes verändert? Ich muss dazu sagen, 90 Prozent sind Männer, die Sätze hinterlassen, die ich nicht aussprechen kann. Manches ist wirklich arg, wo ich mir teilweise denke: Was ist los mit euch? Alleine was für Beleidigungen ich bekam, als ich ein Video gepostet habe, als ich am Rad unterwegs war mit einem Sport-BH und offenem Radtrikot. Männer fahren genauso mit offenem Trikot, aber wenn das eine Frau macht, gibt es einen Shitstorm.
Was wünschen Sie Menschen mitzugeben – jenseits von Perfektion?
Wie wichtig es ist, mit Stress umzugehen. Jeder hat ihn und ich kenne Menschen im Umfeld, die ausgebrannt sind – wenn du dann Hebel findest, sei es Atemtechniken oder eine ausgewogene Ernährung, dann hat man viel gewonnen.
Wer ist Lara Vadlau, wenn sie nicht Olympiasiegerin, Ärztin oder Leistungssportlerin ist?
Eine kleine Chaotin (lacht).
Sydney Sweeney veröffentlichte einen freizügigen Werbeclip, der aus Sicht einer sportlichen Frau aufwühlt und für Diskussionen sorgt. Was sagen Sie dazu?
Es ist traurig, dass man so ein Bild über Frauen verbreiten muss und da mitmacht. Wir Sportlerinnen kämpfen dafür, um für andere Dinge gesehen zu werden, als nur für unseren Körper – nämlich für Leistung.