„Emmys“: Was die Abräumer „The Pitt“, „Widows Bay“ und „Pluribus“ verbindet
Die Emmys sind geschlagen, fast alle Favoriten haben ihre Ernte eingefahren. Was die Abräumerserien auszeichnet und was sie verbindet.

Noch eine Einheit Blut! Müssen wir intubieren? Thoraxdrainage! Tranexamsäure! Hardcore-Fans von „The Pitt“ (HBO) kann man wohl mitten in der Nacht aufwecken und sie beten einem das Hollywood-Einmaleins der Notfallmedizin rauf und runter. Fix ist die Dosis, die wirkt, und das schon das zweite Jahr in Folge: Mit 25 Nominierungen ist die Krankenhausserie ins heurige Emmy-Rennen gegangen, mit elf Auszeichnungen fährt man zurück in die Notaufnahme des Krankenhauses in Pittsburgh. Aktuell wird Staffel 3 gedreht.
Was zeichnet die Serie aus? Zunächst einmal verdichtet sie die Geschwindigkeit von üblichen Krankenhausserien: Jede der bisher zwei Staffeln bildet einen Tag im Ausnahmezustand im Krankenhaus ab. Die Macher schicken zwar theoretisch eine Mannschaft aus Einzelkämpfern durch das Tal der Tränen, aber der Teamgeist formt sich bekanntlich am besten unter Hochdruck. Wobei, abgeschliffen und zurechtgebogen wird hier niemand. Das bleibt nicht ohne Folgen, wenn es um Leben und Tod geht – es kracht, knirscht und scheppert emotional, aber vor allem menschelt es.

Ein Grenzgang zwischen Burnout und Nächstenliebe
Als isoliertes Labor ist diese Notaufnahme nicht zu sehen. Die Patientinnen und Patienten sind nicht nur Notfälle, sie sind Vertreter eines Milieus – mit allem, was das so mit sich bringt. Es gibt Armut, politische Abgründe, jugendliche Dummheit, ICE-Einsätze und alles, was des Herrgotts Tiergarten so mit sich bringt. Aber: Auf dem Notfalltisch sind alle gleich. Vielleicht ist auch das eines der Erfolgsrezepte. Ein anderes ist wohl, dass hier keine Halbgötter in Weiß operieren, sondern Leute, die halt einfach wissen, wann und wie man eine Thoraxdrainage macht. Dass Noah Wyle mit seiner Rolle als Chef der Tagesschicht, Dr. Michael „Robby“ Robinavitch, zum zweiten Mal den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie abräumt, kommt nicht von ungefähr: Mit schwerem emotionalem Gepäck pflügt er durch die Notaufnahme, ein Grenzgang zwischen latentem Burnout und Nächstenliebe. Arzt sein, bis der Arzt kommen muss. In Sachen Menscheln ist das die ganz große Oper.
Eine schrullige Schicksalsgemeinschaft
Wenn es um das Thema Gemeinschaften geht, dann muss man zwangsläufig den roten Faden durch den großen Abräumer des Abends ziehen: „Widows Bay“ (Apple TV). 14 von 19 Nominierungen konnte die Serie verwerten und sie ist in dem Jahr der Goldstandard, wenn es um schräge Charaktere geht: Matthew Rhys gibt in der Serie einen Bürgermeister auf einer kleinen Insel in Neuengland. Als sein Wunsch, dass die Insel für Touristen attraktiv wird, endlich in Erfüllung geht, regt sich Eigentümliches auf der Insel.
Man kann nicht sagen, man hätte ihn nicht gewarnt: Das, was er als hinterwäldlerischen Aberglauben der Einheimischen abtut, Meerhexen und Wiedergänger, lässt sich irgendwann nicht mehr leugnen. Die Hütte brennt, könnte man sagen. Es ist der schleichende Machtverlust über das eigene Weltbild, der hier zelebriert wird. Aber auch der Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die unterschiedlicher und schrulliger nicht sein könnte. Es menschelt und es gruselt!

Wenn wir schon beim Menscheln sind, liefert uns die Serie „Pluribus - Glück ist ansteckend“ (Apple TV) den wohl originellsten Denkansatz des Serienjahres – und auch hier geht es um das Thema Menschen und Gemeinschaft. Sechs Emmys hat die Serie vom Breaking-Bad-Macher Vince Gilligan. Ein Virus lässt beinahe die gesamte Menschheit in eine Art kollektives Bewusstsein aufgehen. Sie stapfen als eine Art superglückliche Zombies durch die Welt. Auf eine Handvoll Leute hat das Virus keine Auswirkungen, darunter Carol Sturka (Rhea Seehorn), die als grantelnde Autorin von Schnulzen-Liebesromanen die Zusammenarbeit verweigert. Hier werden auf eine fabelhafte Art die echt großen Fragen verhandelt: Kann der Mensch ohne Gemeinschaft leben? Ist Individualismus ein Störfaktor oder macht er uns aus? Wie mächtig ist eine einzelne Person und was lässt sie durchhalten? Keine Serie ist derzeit gesellschaftspolitisch mehr am Punkt als „Pluribus“.


Bei so vielen Gewinnern muss es natürlich auch einen Verlierer geben: Die Serie „Hacks“ war für 24 Emmys nominiert, konnte aber nur zwei davon mit nach Hause nehmen, darunter die Hauptrolle für Jean Smart. Angesichts der aktuellen Weltlage blieb die Verleihung so wenig politisch, wie man das aus Hollywood zuletzt eh schon gewohnt war. Selbst US-Moderator Stephen Colbert, der in seiner Late-Night-Show immer wieder US-Präsident Donald Trump kritisierte und dessen Show abgesetzt wurde, bedankte sich nur bei seinem Team. Aber vielleicht kam die wichtigste Botschaft des Abends von „Pluribus“-Mastermind Vince Gilligan: „Es gibt nichts Merkwürdigeres als unsere derzeitige Realität. Wir werden uns nie auf alles einigen können, aber wir können uns gegenseitig Respekt zeigen.“

Preise in den wichtigsten Kategorien
Beste Dramaserie: „The Pitt“
Beste Comedyserie: „Widow’s Bay“
Beste Miniserie: „DTF St. Louis“
Beste Hauptdarstellerin (Drama): Rhea Seehorn - „Pluribus“
Bester Hauptdarsteller (Drama): Noah Wyle - „The Pitt“
Bester Hauptdarsteller (Comedy): Matthew Rhys - „Widow’s Bay“
Beste Hauptdarstellerin (Comedy):
Jean Smart - „Hacks“
Bester Nebendarsteller (Drama): Tom Pelphrey - „Task“
Beste Nebendarstellerin (Drama): Allison Janney - „The Diplomat“
Bester Nebendarsteller (Comedy): Stephen Root - „Widow’s Bay“
Beste Nebendarstellerin (Comedy): Kate O’Flynn - „Widow’s Bay“
