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„Marita, was hast du dir nur dabei gedacht?“

Fast jede zehnte Familie lebt so. In einer zusammengeklebten Weise, die man „Patchwork“ nennt. Hintergründe und persönliche Erfahrungen eines „Wahnsinns, über den keiner reden will.“

Die Unternehmensberaterin und gebürtige Steirerin Marita Haas lebt seit zehn Jahren „Patchwork“. Sie sagt: „Ich war naiv!“
© Pamela Rußmann
Die Unternehmensberaterin und gebürtige Steirerin Marita Haas lebt seit zehn Jahren „Patchwork“. Sie sagt: „Ich war naiv!“
Barbara Haas
Leitende Redakteurin Frauen & Familie, Podcast-Host von fair&female

Marita Haas brachte zwei Töchter mit, ihr Partner drei Söhne. Seit zehn Jahren leben sie Patchwork. Es ist ein Gespräch über gescheiterte Familienutopien, fremde Socken, zwei Erziehungssysteme – und die Frage, warum sie es trotzdem wieder tun würde.

Sie sind zu siebt in die Patchwork-Familie gestartet. Was war Ihre Vorstellung davon?

Ich war sehr optimistisch, vielleicht auch ein bisschen naiv. Ich fand große Familien immer cool. Ich hatte diese Idee: Wir bauen eine neue, zusammengewürfelte Familie mit eigenen Ritualen und Formen des Zusammenlebens.

Hat das funktioniert?

Nicht ganz. Ich hatte eine hohe Erwartung in Richtung happy peppy Patchworkfamilie. Aber in Wirklichkeit sind es zwei Systeme geblieben, die manchmal stärker miteinander verbunden waren und manchmal weniger. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob es überhaupt gelingen kann, wenn so viele Menschen beteiligt sind und die Kinder nicht mehr ganz klein sind.

Wann haben Sie aufgehört, alle Kinder gemeinsam erziehen zu wollen?

Wahrscheinlich nach vier Jahren oder so. Ich bin keine, die schnell aufgibt. Aber nach ein paar Jahren haben wir dann vereinbart: Jeder erzieht seine Kinder, der andere mischt sich vor den Kindern nicht ein.

Der Fall „Bonusfamilie“ ist Teil von vielen Serien und Filmen. In diesem Fall sehr lustig aufbereitet in einer ARD-Serie.
© Br/good Friends Filmproduktion/m
Der Fall „Bonusfamilie“ ist Teil von vielen Serien und Filmen. In diesem Fall sehr lustig aufbereitet in einer ARD-Serie.

Patchwork wird immer positiv beschrieben – zu Unrecht

War das enttäuschend?

Sehr. Ich bin mit offenem Herzen hineingegangen. Und wenn das dann nicht so funktioniert, ist die Enttäuschung riesig. Heute sehe ich es gelassener. Zu vier der Kinder habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Am Ende fragt man sich wahrscheinlich wie in jeder Familie: Habe ich es halbwegs gut gemacht?

Was wird an Patchwork romantisiert?

Sehr viel. Ich habe am Anfang viele Patchwork-Bücher gelesen und mich geärgert, dass das alles so positiv dargestellt wurde. Über die wirklich schwierigen Situationen wird wenig geredet. Und die haben mit Ex-Partnern, unterschiedlichen Familiensystemen, aber auch mit Intimität und Körperlichkeit zu tun.

Inwiefern Körperlichkeit?

Es ist etwas anderes, verschwitzte Socken der eigenen Kinder zu waschen als die von Kindern, mit denen man nicht aufgewachsen ist. Oder Gerüche, Parfüms, ein verdrecktes Badezimmer. Die Patchworkfamilie ist mehr als eine WG – aber es ist auch nicht dasselbe wie die eigene große Familie.

Viel Ehrlichkeit im Podcast mit Marita Haas und Podcast-Host Barbara Haas (die aber keine persönliche Verbindung haben).
© Christoph Kleinsasser
Viel Ehrlichkeit im Podcast mit Marita Haas und Podcast-Host Barbara Haas (die aber keine persönliche Verbindung haben).

Jede 10. Familie ist Patchwork

In Österreich gibt es laut Angaben der Statistik Austria über 62.000 Patchwork- oder auch Stieffamilien mit minderjährigen Kindern. Das entspricht rund jeder zehnten Familie (knapp 10 Prozent) mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt, und die Tendenz ist steigend.

Ein wilder Ritt

Das klingt ziemlich ernüchternd...

Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob man den Unterschied zwischen leiblichen und nicht leiblichen Kindern jemals ganz auflösen kann. Vielleicht geht es weniger um Liebe als um dieses Urvertrauen: Mein eigenes Kind weiß auch im größten Streit, dass diese Beziehung unverwüstlich ist. Dieses Vertrauen mit einem Kind aufzubauen, das man erst mit sieben oder acht kennenlernt, braucht viel Arbeit.

Haben Sie je gedacht: Das war eine schlechte Idee?

Ich habe mir in regelmäßigen Abständen gedacht: „Marita, was hast du dir dabei gedacht?“ (lacht) Mein Leben wäre oft leichter gewesen, wenn ich nicht in dieser Patchwork-Konstellation wäre. Gerade in der Pubertät denkt man als Nicht-Kernfamilienmitglied schon einmal: Warum wird mir das jetzt eigentlich zugemutet?

Was war dagegen das Beste?

Dass wir viele sind. Wir essen bis heute einmal am Tag gemeinsam, wenn alle da sind. Wir haben großartige Erinnerungen ans Skifahren und an gemeinsame Urlaube. Und ich glaube, wir haben alle davon profitiert. Man lernt, mit Konflikten und unperfekten Situationen umzugehen – und dass das, was man selbst will, eben nicht immer geht.

Gerade in der Pubertät denkt man sich: Warum wird mir das zugemutet? 

— Marita Haas, Teil einer siebenköpfigen Patchwork-Familie

Jetzt sind vier der fünf Kinder schon etwas älter. Verändert das Patchwork?

Ja. Ich glaube, es wird lockerer. Irgendwann sind es nicht mehr zwei Familiensysteme, sondern unterschiedliche junge Erwachsene, die hoffentlich regelmäßig vorbeikommen und mit uns familiär verbunden bleiben.

Und Sie selbst?

Ich merke: Jetzt wird es langsam wieder Zeit für mich. Viele Dinge im eigenen Leben rücken durch Familie auf die Seite: Wer bin ich eigentlich? Wie möchte ich meine Tage verbringen? Jetzt passieren wieder mehr Dinge, die mit mir zu tun haben und weniger mit dem Familiensystem.

Zehn Jahre Patchwork – Ihr Fazit?

Ein wilder Ritt. Wir alle sind uns genug Zumutung gewesen und sind es wahrscheinlich noch. Aber es erfordert auch Mut, sich zuzumuten. Ich würde die Entscheidung wieder treffen. Es war gut – und es wäre mir viel langweiliger gewesen, hätte ich es nicht gemacht.

Das Kind - eine Zumutung