Werbung statt Weltuntergang: Steckt hinter KI-Angst bloß Kalkül?

Die Brandstifter warnen vor dem Feuer, das sie selbst legen: US-Tech-Bosse verkaufen Angst vor der Künstlichen Intelligenz, die sie bauen. Und Europa schaut nur zu.
Ja, man kann die eindringlichen Warnungen von US-Tech-Bossen vor den Gefahren der von ihnen selbst vorangetriebenen KI-Modelle auf die leichte Schulter nehmen und als pervertierte Marketing-Maßnahme deuten: Wessen Modelle so smart sind, dass seine KI-Schwärme „innerhalb von sechs bis zwölf Monaten das Internet übernehmen“ könnten, dürften doch auch ein brillantes Geschäft für Investoren sein, oder? Zugleich hüllen sich Anthropic-Chef Dario Amodei und seine Konkurrenten Sam Altman (OpenAI) und Elon Musk (xAI) in das bequeme Mäntelchen des Hüters einer brandgefährlichen Technologie.
Und natürlich mutet es beinahe humorvoll an, den Alarmruf eines früheren Forschers, der die Todeswahrscheinlichkeit durch KI auf zehn Prozent taxiert, ins Lächerliche zu ziehen: 90 Prozent Überlebenswahrscheinlichkeit ist doch ein guter Deal, oder? Auch bei den Chinesen, den großen Gegenspielern der USA im Wettkampf um die Pole-Position bei KI, werden die Appelle der KI-Giganten, die Entwicklung zu drosseln, beiseite gewischt.
Nur „Bedrohungserzählungen“?
Alles lediglich „Bedrohungserzählungen“? Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen? Bezeichnend, dass lediglich in Europa eine Gruppe prominenter Wissenschafter, Politiker und KI-Experten am Montag zu mehr Tempo und großer Entschlossenheit mahnt und eine „Verzehnfachung der Bemühungen“ fordert. Sonst laufe Europa Gefahr, von amerikanischen und chinesischen KI-Walzen überfahren zu werden.
Ganz schön viele Warnungen und Appelle, die binnen Stunden auf uns hereinstürzen. Mit nur einer Konstante: Die Politik wirkt abgemeldet bis handlungsunfähig. Sicher, Regulierung, Europas vermeintliches Allheilmittel, hat uns schon den AI-Act beschert. Verhindert hat er die Marginalisierung Europas damit aber keineswegs. Das KI-verzwergte Europa muss sich vom Abseits aufs KI-Spielfeld kämpfen.
Die einzig richtige Antwort
Für eine weltumspannende Revolution, wie sie KI darstellt, wären ein globales Regelwerk, gemeinsame Sicherheits-Leitplanken und ein Tempolimit die einzig richtige Antwort. Das fordert auch Anthropic-Chef Amodei in seinem viel beachteten Essay als Ausweg. Doch in unserer multipolaren, gespaltenen Welt scheint das bloß Wunschdenken. Siegeszug und Gefahren der KI sind zwar globaler Natur, hinter den Modellen stehen aber die Interessen von Großmächten und undurchsichtigen Konzernen. Die Logik des Marktes wird diesen Wettlauf eher noch beschleunigen denn bremsen.
Nicht auszuschließen ist, dass sich Anthropic durch die geforderten strengen Auflagen lediglich die Konkurrenz vom Leib halten will. Ein solch zynisches Doppelspiel der Tech-Riesen, die das Feuer selbst legten, das sie nun zu löschen vorgeben, würde der realen Gefahr nicht gerecht. Verlassen kann sich Europa darauf jedenfalls nicht – weder auf die Selbstregulierung der Konzerne noch auf eine globale Einigung. Ob wir es mit ausgeklügelter Angstmache oder tatsächlich bedrohlichen Entwicklungen zu tun haben, werden wir womöglich schneller, als uns lieb ist, im Echtzeit-Experiment erfahren.