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Direktorin einer Brennpunktschule: Warum tun Sie sich das an?

Barbara Gmeiner ist seit elf Jahren Direktorin einer Brennpunktschule. Ihr Alltag ist geprägt von Religionskonflikten und Integrationsfragen. Wieso sie dennoch glücklich ist.

Barbara Gmeiner leitet eine Brennpunktschule
© KLZ / Daniel Winter
Barbara Gmeiner leitet eine Brennpunktschule
Tobias Kurakin
Redakteur Steiermark-Ressort

Am Montag startet das neue Schuljahr. Ihr elftes als Direktorin in der VS Bertha von Suttner in Gries. Wie fühlen Sie sich?

Sehr gut, ich freue mich. Es herrscht eine richtig positive Stimmung. Die Lehrerinnen und Lehrer kommen wohl erholt zurück. Die Ferien waren aber auch notwendig, zum Schulschluss haben wir alle nur noch geschnauft.

Was war schuld an der Müdigkeit?

Es war ein anspruchsvolles Schuljahr mit vielen Konflikten. Das ist für uns alles nicht neu, aber trotzdem eine Belastung.

Vor einem Jahr haben Sie der „Kleinen Zeitung“ erzählt, Sie werden beschimpft, bedroht und beleidigt. Warum tun Sie sich das noch an?

Weil trotzdem das Positive überwiegt. Die Arbeit mit Kindern bereitet uns sehr viel Freude und die Kinder freuen sich auf uns. Die Schule hier in Gries ist ein Ort der Sicherheit. Wir können Ihnen eine Tagesstruktur geben, die Sie daheim nicht finden. Wir haben Kinder, die unseren Lehrerinnen am Vortag am Handy schreiben, dass es ihnen nicht gut geht und sie am nächsten sprechen wollen. Dieses Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, ist ein Geschenk.

Durch die Herausforderungen bauen Sie eine besondere Beziehung zu den Kindern auf.

Genauso ist es. Wir sind manchmal mehr Sozialarbeiterinnen als Lehrerinnen. Im letzten Jahr hat mich ein Mädchen gefragt, nachdem sie mir erzählt hatte, dass ihr Vater die Mutter geschlagen hat: „Als du klein warst, hast du das auch erleben müssen?“ Du erzählst dann, wie es bei dir als Kind war. Das sind Erfahrungen, bei denen du einfach weißt: Die Schülerin fühlt sich jetzt geborgen, bekommt Sicherheit und die Kraft für den nächsten Schritt.

Woher nehmen Sie die Kraft diese Aufgaben zu bewältigen, für die Sie eigentlich nicht zuständig sind?

Durch ein wirklich tolles Team. Hier greift jeder zusammen. Zu Fasching nehmen Kolleginnen Kostüme von zu Hause mit, sodass sich jedes Kind verkleiden kann, das sind die Gesten, die für die enge Beziehung sorgen. Wenn du diese zu den Kindern aufbaust, kennst du ihre Geschichten ganz genau. Du weißt, bei wem der Papa in Haft ist, bei wem die Mama psychisch belastet ist oder wer andere schwierige Erfahrungen mitbringt. Du begleitest das mit – und ich sehe das schon als Privileg.

Wieso wird es notwendig, dass Sie diese Aufgaben übernehmen?

Viele Schülerinnen und Schüler bringen schwere Traumata mit. Oder sie kommen aus einem Elternhaus, in dem Papa und Mama schwer traumatisiert sind. Die Kinder tragen das mit. Wenn Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt waren oder viel vom Krieg miterlebt haben, ist es gerade bei diesen Kindern schön, wenn sie wieder zu reden beginnen, lachen oder laufen. Oft stehen sie am Anfang einfach da und sind wie versteinert. Durch das Miteinander mit den anderen Kindern entwickeln sie dann wieder einen Hauch vom Leben. Das ist schön anzuschauen.

Eine Schule soll Kindern aber nicht nur soziale Kompetenzen lehren. Welche Rolle spielt Leistung in diesem Umfeld noch?

Die Lernziele sind bei uns ein wenig anders definiert, als sie der österreichische Lehrplan vorgibt. Dementsprechend sind vielleicht auch unsere Ergebnisse nicht ganz so gut verglichen mit anderen Standorten. Trotzdem ist es für diese Kinder genau das, was sie in dem Moment brauchen. Für ein Kind, das häuslicher Gewalt ausgesetzt war, kann das Lernziel zunächst sein, wieder ins Leben zurückzufinden und die ersten Buchstaben zu schreiben. Das ist zeitverzögert zu einem anderen Kind. Aber es bekommt zu diesem Zeitpunkt das, was es braucht. Vielleicht erreichen wir nicht bei allen Kindern die Lernziele des österreichischen Lehrplans, aber trotzdem gehen die Kinder ihren Weg.

Barbara Gmeiner beim Interview mit der Kleinen Zeitung
© Klz / Daniel Winter
Barbara Gmeiner beim Interview mit der Kleinen Zeitung

Was ist die wichtigste Kompetenz, die Sie Kindern mitgeben wollen?

Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und eine gewisse Eigenständigkeit. Auch wenn das manchmal gegen den Willen der Eltern ist, weil die Kinder bei uns andere Werte erleben als vielleicht im familiären Umfeld. Wenn sie lernen, für sich zu entscheiden: Was tut mir gut? – dann ist das für mich schon eine wichtige Kompetenz.

Was macht der Begriff Brennpunktschule mit Ihnen?

Zwischendurch habe ich ihn abgelehnt. Mittlerweile sage ich wieder: Ja, es brennt tatsächlich und ja, wir brennen aus. So gesehen passt er nicht so schlecht.

Wie brennen Sie aus?

Wir brennen aus, weil es an die Substanz geht. Wir haben bis zu 25 Kinder in einer Klasse. Das sind 25 Persönlichkeiten, die alle ihren eigenen Rucksack mitbringen. Gleichzeitig sollst du die Lernziele verfolgen. Schon einen einfachen Wandertag zu organisieren, kann schwierig sein. Kinder kommen ohne Regenschutz, ohne Jause, ohne Wasserflasche, oder mit zu kleinen Schuhen. Dann musst du dich auch noch um diese Dinge kümmern, damit der Ausflug überhaupt stattfinden kann.

Wie geht man vor?

Du machst Elterngespräche aus, organisierst Dolmetscher, nur um am Ende doch wieder alleine dazusitzen. Wir wollen etwas für die Kinder erreichen, werden aber zwischen Eltern, Lernzielen und Bildungsstandards oft zerrieben. Das ist ein Spannungsfeld, das uns vor große Herausforderungen stellt.

Vonseiten der Politik heißt es, dass der eingeführte Chancenbonus helfen soll.

Ich darf mich nicht beklagen. Ich habe einen Sozialarbeiter rund um die Uhr, auch dank des Chancenbonus gelingt uns viel, gerade in der Integration. Das Problem sind beratungsresistente Eltern, hier fehlt uns der Hebel.

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Kann die Politik das?

Es gibt Ideen. Man könnte bei der Kinderbeihilfe ansetzen. Man muss aber auch sagen, wir haben Kinder, deren Eltern noch nie eine Schule von innen gesehen haben. Erwachsene, die darauf achten müssen, dass sie am Monatsende über die Runden kommen und vielleicht selbst nicht einmal die Uhr lesen können. Und dann komme ich und sage: „Sie sind schon wieder zu spät.“ oder „Ihr Kind hat keinen Bleistift gekauft.“ Da prallen völlig unterschiedliche Lebenswelten aufeinander.

Die Bundesregierung hat sich auch auf ein Kopftuchverbot verständigt. Ein notwendiger Schritt?

Ich habe heuer ein Mädchen mit Kopftuch. Für mich ist aber nicht das Kopftuch per se das Problem. Bei manchen Familien steckt ein Gesamtpaket dahinter. Vielleicht ist das Verbot ein Anfang. Für mich gehört Religion aber eigentlich ganz aus der Schule – jede. Was mich stört, ist: Wir leben Integration und bei den Religionen separieren wir. Gerade bei Religionen, bei denen es um ein friedliches Miteinander gehen sollte, schaffen wir Trennung. Das Kopftuchverbot alleine wird das Problem nicht lösen, die Diskussion darüber ermüdet mich auch etwas.

Zur Person:

Barbara Gmeiner leitet seit elf Jahren die Volksschule Bertha von Suttner als Direktorin im Bezirk Graz-Gries. Die Schule erhält als eine von 43 Schulen in der Steiermark den Chancenbonus des Bildungsministeriums. Gmeiner engagierte sich früher für die SPÖ.

Wann gelingt Integration von Schülern?

Wenn die Eltern den Wert der Bildung erkennen, wenn sie mit uns arbeiten. Zum Glück ist das oft genug der Fall. Wir haben wunderbare Kinder und auch engagierte Eltern.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Kinder und die Schule?

Im Handy und den sozialen Medien. In den letzten 15 Jahren hat die Konzentrationsfähigkeit der Kinder massiv abgenommen. Viele sitzen schon in der Früh da und zappeln, weil sie bis am Abend am Handy waren. Wir merken das im schulischen Alltag gravierend. Die Kinder sind teilweise nicht mehr in der Lage zu spielen, Brettspiele zu spielen oder Konflikte auszutragen. Sie hauen gleich zu, weil sie nicht gelernt haben, miteinander zu agieren. Das ist ein Thema, das sich durch alle sozialen Schichten durchzieht.

Sie haben ständig mit Kindern zu tun. Was gibt Ihnen mit diesem Umfeld Hoffnung für die Zukunft?

Dass trotzdem noch gelacht wird, ganz ehrlich. Mir hat 1998 ein Vortragender an der Pädagogischen Hochschule gesagt: „Merken Sie sich eins, liebe Studierende: Die Eltern geben Ihnen das Wertvollste, das sie haben. Sie vertrauen es Ihnen an. Machen Sie es gut.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute und wenn Kinder Jahre nach dem Schulabschluss zurückkommen und sagen, sie haben sich nun selbst für ein Lehramtsstudium inskribiert, ist das ein wunderschöner Moment.