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Was hat der Mensch der KI voraus? Er kann mit dem Kopf durch die Wand

Susanne Rakowitz
Redakteurin Kultur & Medien
 Liam Gallagher und Noel Gallagher
© Imago
Liam Gallagher und Noel Gallagher

Was Kunst kann, wird die Künstliche Intelligenz niemals können. Was Paul Cézanne und Oasis gemeinsam haben.

Eine Zeit lang war die Phrase überall. Wer bei drei nicht am Baum war, dem ist sie gefühlt an jeder Ecke um die Ohren geflogen: „Think outside the box“. Also einfach gesagt: kreativ zu sein, über den Tellerrand zu schauen, unkonventionell zu sein. Das war und ist heute noch so beliebt, weil dem Satz ein Hauch von Silicon Valley umweht. Verheißungsvolle Zukunftsideen, ein Wind of Change und überhaupt. Mittlerweile ist dieses Odeur ein bissl abgestanden, weil der Wind halt weniger frisch ist, wenn nur eine Handvoll Tech-Bros wie Musk & Co. ausatmet.

Vor rund 120 Jahren war das Silicon Valley noch Science-Fiction, als sich der Maler Paul Cézanne am Rande von Aix-en-Provence ein Atelier gebaut hat. Natürlich keine Schachtel, aber wer es besucht, der fällt ein bissl in einen Kaninchenbau. Ein Raum, viele Meter hoch, eine riesige Fensterfront, um Landschaft, Wind und Wetter ständig im Blick zu haben. Gleich neben dem Fenster, unscheinbar, ein schmaler Schlitz, meterhoch. Wenn es um die Erkenntnis geht, was das ist, sieht man ein bissl sich selbst: Das Atelier fertig und eine Frage ungelöst – verdammt, wie kriegt man all die großen Leinwände aus dem Haus? Cézanne hat die Lösung gefunden, bevor das Problem zum Problem geworden ist. „Think outside the box“? Könnte man so sagen. 

Man schleppt aus dem Urlaub viel Zeug mit heim. Das, das man zu viel mitgeschleppt hat, das Mehrgewicht, das sich lästigerweise an einen angeheftet hat, aber auch Geschichten von Menschen und Orten. In der gleichen Region hat annähernd zur gleichen Zeit ein gewisser Vincent van Gogh in Saint-Rémy-de-Provence in einem klösterlichen Krankenhaus rund 150 Gemälde geschaffen. Darunter Werke von Weltruhm. Beide haben das nicht mehr erlebt, aber was sie angetrieben hat, das gilt es in dieser von KI-dominierten Gegenwart und Zukunft festzuhalten. Sicher, auch die Maschine kann kreativ sein, mit der Grundlage, die der Mensch über Jahrhunderte geschaffen hat. Was KI nicht kann: Durch Kreativität als Persönlichkeit zu wachsen, von ihr durchflutet zu werden. Nischen finden, sich darin verbeißen und, weil man gar nicht anders kann, das, was man geschaffen hat, gegen alle Widerstände zu verteidigen. Das war bei Paul Cézanne und Vincent van Gogh nicht anders. Ersterer hat die Kunst geradezu revolutioniert. 

Beide sind heute wichtige Motoren für die Region, touristische Aushängeschilder. Geografisch unweit davon hat die Kunst einen großen Teil dazu beigetragen, ein mehr als nur schlechtes Image abzulegen: 2013 war Marseille europäische Kulturhauptstadt, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (Mucem) war eines der Aushängeschilder und ist es noch heute. Kunst, du Wundertüte! Die Stadt boomt und brummt, der Cours Julien im Künstlerviertel zieht so viel Jugend an, dass man sich allabendlich auf einem Open-Air wähnen könnte.

Das hätte man dieser Tage auch von Venedig glauben können. Dort trafen am Samstagabend zwei knapp 60-jährige Typen auf eine riesige Menschenmenge mit Durchschnittsalter um die 30. Eine neue Generation hat die britische Band Oasis für sich entdeckt, schreit, jubelt, singt vor dem roten Teppich am Lido, wo die Doku über ihr Comeback Weltpremiere gefeiert hat. Die zwei Brüder aus Manchester, von denen einer mit großer Leidenschaft mit dem Kopf durch die Wand geht. Mit „Think outside the box“ braucht man Liam Gallagher nicht kommen, man tät ihn erst gar nicht in die Box kriegen. Das Duo schaffte es locker, eine stattliche Menge im Hier und Jetzt zu euphorisieren.

Mit ihrer Musik, die durchdrungen ist von der melancholischen Anything-Goes-Attitüde der 1990er-Jahre, gepaart mit einer rotzfrechen Working-Class-Arroganz. Vom Leben, vom Ruhm, vom Scheitern und vom Wiederaufstehen. Magie ist das keine, sondern nur der Zauber der Popkultur. Und der ist so wenig vorhersehbar wie die Launen von Liam Gallagher. Und das ist gut so. 

Eine gute restliche Woche – vielleicht mit einer Champagne Supernova? 

Susanne Rakowitz