Astrid Wagner: „Vor Gericht gibt es Urteile, nicht immer Gerechtigkeit“
Für eine Lesung kam Österreichs wohl bekannteste Anwältin nach Stallhofen. Mit der Kleinen Zeitung sprach sie über die Verteidigung von Menschen, die anderen das Schlimmste antun.

Vor kurzem war Astrid Wagner in Stallhofen zu Besuch. Wie kam es dazu? „Ich habe in unserer Bücherzelle ein Buch von ihr entdeckt. Das Interesse an True Crime ist groß und einmal im Jahr veranstalte ich in Stallhofen etwas, das es noch nie gab“, sagt Vizebürgermeister Rene Stangl. Mit 70 Teilnehmern war der Saal des Ambrosi-Museums vollbesetzt. Am nächsten Tag ging es für Wagner zum Alpakahof Ranner und zu „Marry & Paulis Tierparadies“. Dazwischen stand sie der Kleinen Zeitung Rede und Antwort.

Frau Wagner, wenn es in Österreich einen Mordprozess gibt, stehen die Chancen gut, dass Sie den Angeklagten verteidigen. Suchen Sie sich diese Fälle aus?
Die meisten kommen zu mir, über Empfehlungen oder Zufälle.
Würden Sie jeden vertreten?
Mein Motto ist: Sag niemals nie. Ich bin Tierschützerin und habe oft gesagt, ich würde nie einen Tierquäler verteidigen. Dann habe ich doch eine Frau verteidigt, die einen Hund schrecklich gequält hat. Das Honorar habe ich dem Tierschutz gespendet.
Eine schreckliche Kindheit kann das spätere Tun beeinflussen. Sie entschuldigt aber keine Tat.
— Astrid Wagner

Ihnen wird oft vorgeworfen, zu viel Verständnis für Ihre Mandanten zu haben. Sie sagen: Man muss Täter verstehen, um Verbrechen erklären zu können. Warum braucht es für einen Mord überhaupt eine Erklärung?
Weil man nur so Präventionsarbeit leisten kann. Eine schreckliche Kindheit kann Schäden anrichten und das spätere Tun beeinflussen. Sie entschuldigt aber keine Tat. Der Mensch ist reflexionsfähig und kann Erlebtes aufarbeiten, statt es an anderen auszulassen. Als Strafverteidigerin brauche ich aber Erklärungsansätze, um jemanden verteidigen zu können.
Haben Sie nie den Gedanken: Dieses Verbrechen ist so grausam, dafür kann man keine Erklärung finden?
Josef Fritzl ist das Paradebeispiel dafür (Anm. Wagner vertrat Fritzl nicht im Strafprozess gegen ihn, ist aber mittlerweile seine Verteidigerin und versucht, eine bedingte vorzeitige Entlassung zu erwirken). Schon beim ersten Treffen erzählte er mir von seiner grausamen Kindheit. Er hatte keinen Vater, die Mutter hat ihn zuhause angebunden und ist dann gegangen. Das hat etwas in ihm ausgelöst. Eine Entschuldigung ist das nicht.
Ich glaube: Die sogenannten Bösen erwischt die Gerechtigkeit des Lebens.
— Astrid Wagner
Wie oft glauben Sie einem Mandanten, der sagt: Ich bin unschuldig?
Ich bin sehr kritisch. Wenn ich davon überzeugt bin, dann aufgrund von Fakten, nicht weil der Mandant mir das sagt.
Wieso verteidigen Sie diese Menschen dann?
Das ist meine Rolle in unserem Rechtssystem. Würde ich meine Befindlichkeiten einfließen lassen, wäre ich eine schlechte Strafverteidigerin. Ich hatte einmal einen Fall, bei dem ich sicher war: Mein Mandant hat es getan. Es ging um einen Raubmord in Mörbisch. Die Beweislast war erdrückend, aber die Polizei hat Fehler bei der Ermittlung gemacht. Das habe ich genutzt. Am Ende wurde er verurteilt, das Urteil der Geschworenen war aber nicht einstimmig.
In einem anderen Fall ging es um ein Kind, das durch ein Schütteltrauma gestorben war. Die Gutachten waren eindeutig, der angeklagte Vater beteuerte seine Unschuld. Mir gelang es, Zweifel bei den Geschworenen zu wecken, und er wurde freigesprochen. Ich gebe ehrlich zu, dass ich nach solchen Urteilen nicht schlecht schlafe.
Ist das gerecht?
Unter Anwälten gibt es einen Spruch: Vor Gericht bekommt man ein Urteil, nicht immer Gerechtigkeit. Ich glaube: Die sogenannten Bösen erwischt die Gerechtigkeit des Lebens, das Karma.

Ein starker Mann wird nicht gewalttätig
— Astrid Wagner
Sie waren in den Neunzigern mit dem verurteilten Mörder Jack Unterweger liiert. Stört es Sie, dass Sie noch immer auf ihn angesprochen werden?
Nein, diese Beziehung gehört zu meiner Biografie.
Der Kontakt kam zustande, als Sie ihm einen Brief ins Gefängnis schrieben. Würden Sie den heute noch so abschicken?
Ja.
Könnten Sie sich heute, mehr als 30 Jahre später, noch eine Beziehung zu einem Straftäter vorstellen?
Ich sage immer: Wo die Liebe hinfällt. Ich kenne viele Frauen, die Beziehungen zu Straftätern führen. Aber 90 Prozent davon scheitern. Man sieht sich selten, lebt sich auseinander.
Welche Missverständnisse gibt es über Sie?
Dass ich Taten gutheiße, weil ich die Täter verteidige. Ich bin selbst eine Frau, von der sich Männer ohne Selbstbewusstsein eingeschüchtert fühlen. Femizide werden nur von schwachen Männern begangen. Ein starker, selbstbewusster Mann wird nicht gewalttätig.
Der Kleinen Zeitung haben Sie einmal gesagt, jeder könne zum Mörder werden. Sie auch?
Ich glaube nicht, dass ich jemanden umbringen könnte. Aber wenn ich nicht so eine liebevolle Kindheit gehabt hätte – wer weiß?
Zur Person
Astrid Wagner kam 1963 in Fürstenfeld zur Welt. Den Medien wurde sie in den Neunzigern durch ihre Beziehung mit dem verurteilten Mörder Jack Unterweger bekannt. Damals war Wagner Juristin bei der Landesorganisation der Mietervereinigung. Später wurde sie Rechtsanwältin. Drei bis vier Mordprozesse im Jahr hat Wagner, aber auch in anderen Prozessen ist sie fast jeden Tag vor Gericht. Die Strafverteidigerin vertritt mitunter die Angeklagten in den Mordfällen der schwangeren Fitnesstrainerin aus Tillmitsch sowie einer Influencerin aus Graz. Über ihre Fälle spricht sie auch in ihrem Podcast „Plädoyer für Verbrecher“.