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Felix Gall erwartet bei der Vuelta ein Leiden bis zum bitteren Ende

Felix Gall geht als Zweiter am Dienstag (14.45 Uhr, Eurosport live) in die finale Woche der Spanienrundfahrt. Ein langes Zeitfahren, zwei schwere Bergetappen und ein brutaler Schlusstag warten.

Felix Gall ist bereit für die dritte Woche
© IMAGO
Felix Gall ist bereit für die dritte Woche

Sechs harte Tage trennen Felix Gall noch von seinem zweiten Podestplatz bei einer „Grand Tour“. Nach dem zweiten Platz beim Giro d'Italia könnte der Osttiroler vom „Decathlon CMA CGM Team“ dieses Kunststück am Sonntag auch bei der spanischen Landesrundfahrt vollbringen. Es wäre für den österreichischen Radsport historisch, doch ist Obacht geboten. Als Zweiter des Gesamtklassements geht Gall 2:06 hinter Enric Mas (Movistar) in die Schlusswoche. Gejagt werden die beiden von einem der besten Fahrer des vergangenen Jahrzehnts: Primož Roglič (Red Bull). Und der Slowene dürfte sich schon diebisch auf den Donnerstag freuen. Denn da könnte – sofern die beiden Etappen bis dorthin keine Überraschungen bringen – im Zeitfahren wieder einmal seine Stunde in Spanien schlagen.

Der Slowene, dessen sportliche Heimat der Sprunglauf war, hat viermal die Vuelta und 15 Etappen im Rahmen der dritten Grand Tour des Jahres gewonnen. Das Zeitfahren ist eine seiner Domänen. 20 seiner 92 Profisiege errang der slowenische Zeitfahrmeister in dieser Disziplin im Kampf gegen die Uhr – inklusive Olympiagold in Tokio (2021). „Mir war es wichtig, dass ich in der zweiten Woche vor dem Zeitfahren noch ein bisschen Zeit zwischen mich und die anderen bringe.“ Vier Sekunden beträgt der Vorsprung auf Roglič. Auf Platz vier und Richard Carapaz sind es 2:18 Minuten.

Das Ziel Galls ist klar, nach dem Zeitfahren über 32,1 flache Kilometer zumindest noch Dritter zu sein: „Ich werde versuchen, das Maximale herauszuholen, und wie schnell die anderen fahren, das kann ich nicht beeinflussen. Aber Primož ist klar der beste Zeitfahrer von uns.“ Exakte Prognosen kann der Osttiroler freilich nicht skizzieren, doch rechnet er mit gut 90 Sekunden, die er auf Mas verlieren könnte. Der Rennstall „Red Bull“ rechnet mit einer klaren Dominanz des Slowenen und spekuliert mit drei Sekunden, die er pro Kilometer schneller fahren könnte als der Gesamtführende. Eine wohl offensive Rechnung, die sicher einen psychologischen Effekt auf den Spanier ausüben soll.

Statistik spricht für Roglič

Und Mas muss, wenn man der Statistik Glauben schenken will, wirklich zittern. Denn der Spanier war in 22 Zeitfahren nie schneller als der Slowene. Insgesamt bestritten die beiden 267 Rennen gegeneinander. 187-mal war Roglič besser platziert. Galls Bilanz gegen Roglič lautet seit dem ersten Rennen, in dem beide am Start waren: 0:10 im Zeitfahren und 30:84 insgesamt. Die erste gemeinsame Rennfahrt der drei war übrigens die WM in Imola 2020. Die Bilanz der beiden Erstplatzierten lautet übrigens: 117:60 (12:2) für den Spanier.

Doch wird der Radrennsport auch nicht nur mit den Beinen entschieden. Der Kopf, der Wille und die Leidensfähigkeit sind entscheidende Faktoren, wenn es um den Sieg geht. Und Gall hat bewiesen, dass er den Slowenen in den Bergen massiv bedrängen kann. Und in den kommenden Tagen kommt zudem ein weiterer Faktor hinzu: die Hitze.

So wurde die 15. Etappe am Sonntag gar verkürzt und es dürfte nicht massiv abkühlen. „Das war eine gute Entscheidung“, sagt Gall. Mit der 40-Grad-Marke wurde eine Grenze lange überschritten, bis zu der sich die Fahrer noch ausreichend kühlen können. „Es sind schon sehr viele Fahrer abgestiegen, und alleine auf der letzten Etappe konnten sich zwei kaum noch auf dem Rad halten. Einer davon war mein Teamkollege Callum Scotson. Das sind schon sehr extreme Bedingungen, und das zehrt.“ Und die hohen Temperaturen können zum Zünglein an der Waage werden.

Denn nach dem Zeitfahren warten noch zwei harte Etappen mit Bergankünften, wobei das 20. Teilstück von La Calahorra auf den Collado del Alguacil mit 4849 Höhenmetern (fünf Bergwertungen) zugleich die Königsetappe der Vuelta ist. „Diese Etappe hat das Potenzial, dass noch etwas passiert, denn sie ist extrem schwierig von den Steigungen her. Wir werden sehen, wie angriffslustig und risikobereit alles noch sein wird.“ Das wird bestimmt auch von den Zeitabständen und der Hitze abhängen. „Erfahrungsgemäß ist es so, dass auf den letzten Etappen der Fokus meist auf dem Verteidigen liegt“, sagt Gall.

Es wären dennoch Chancen genug, anzugreifen. „In der Hitze bergen die Attacken noch mehr Risiko, und man muss auch genau schauen, was realistisch ist. Aber wenn einer schwächelt, wird er bestimmt attackiert.“ Und das könnte bei knappen Zeitabständen auch auf der letzten Etappe am kommenden Sonntag der Fall sein. Denn der Stadtkurs in Granada ist brutal: „Das wird wahrscheinlich keine Triumphfahrt, wie es sonst auch traditionell bei der Vuelta der Fall ist. Da wird man bereit sein müssen, noch einmal zu leiden.“