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Frau Brigadier, warum soll ich dieses Land mit der Waffe verteidigen?

Die Grazerin Karoline Resch war Österreichs erste Soldatin, die den Generalstabskurs abgeschlossen hatte. Nun wurde sie zum Brigadier ernannt und übernimmt die Leitung der Operativen Einsatzplanung im österreichischen Bundesheer.

Ministerin Klaudia Tanner beförderte Karoline Resch zum Brigadier und betraute sie mit der Leitung der Abteilung Operative Einsatzplanung in der Direktion 1
© BMLV/PUSCH
Ministerin Klaudia Tanner beförderte Karoline Resch zum Brigadier und betraute sie mit der Leitung der Abteilung Operative Einsatzplanung in der Direktion 1

Frau Brigadier, sind Sie Soldatin geworden, weil oder obwohl Sie Historikerin sind?

Ich glaube eher, weil. Denn der Hauptzweck des Militärs ist es, Krieg zu vermeiden. Es gibt ja diesen abgedroschenen Begriff „Militär ist die größte pazifistische Vereinigung“. Was stimmt, ist, dass die Zivilbevölkerung massiv unter Kriegen leidet. Der Soldat ist aber der, der unmittelbar mit dem Krieg konfrontiert ist, der als Erstes gefordert ist, sein Opfer zu bringen. Deswegen ist es das intrinsische Interesse, Konflikt und Krieg zu vermeiden. Und das lehrt die Geschichte.

Man wacht als junge Frau aber wohl nicht auf und denkt sich: Jetzt werde ich Offizierin des Bundesheers. Wie ist das in Ihnen gewachsen?

Als ich 1993 Matura gemacht habe, war es gar kein Thema, dass Frauen zum Heer gehen. Dann habe ich Geschichte studiert, die stark militärisch geprägt ist, und 1998 kam das Thema auf: Frauen zum Bundesheer. Das war gegen Ende des Diplomstudiums, und ich habe überlegt, was ich machen will.

Wie haben Sie damals die Stimmung gegenüber Soldaten wahrgenommen?

Man wurde von außen von manchen Seiten ein wenig als Zivilversager angesehen, wenn man zum Bundesheer ging. Das wurde aber in meinem persönlichen Umfeld durch den vielen Zuspruch für mich konterkariert. Vielleicht habe ich den bekommen, weil ich als Frau zum Heer wollte, damit war es etwas Besonderes.

Hat sich das Fremdbild gewandelt?

Gefühlt schon. Bis zu einem gewissen Grad nicht, weil das Bundesheer anders geworden ist, sondern weil sich auch die Bedeutung in der Öffentlichkeit geändert hat.

Zur Person

Karoline Resch, geboren am 16. 3. 1975 in Graz.
Dienstgrad: Brigadier (seit 1. September)
Position: Leiterin der Abteilung für Operative Einsatzplanung
Ausbildung: Matura in Graz, Studium der Geschichte und Alten Geschichte (Diplom 1998, Doktorat 2008), Abschluss der Theresianischen Militärakademie (2006), PhD in Interdisciplinary Legal Studies in Wien (2018), Generalstabskurs Österreich (2016) und Frankreich (2022).

1995 sagte Helmut Kohl: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Stimmt das?

Geschichte ist ein gutes Fundament, aber nicht alles. Militärgeschichte wird in vielen Ländern vor allem in der Generalstabsausbildung sehr stark gelehrt, und Geschichte umfasst alles von Organisation, Technik, Geografie, Meteorologie bis Ozeanografie. Um den großen Zusammenhang zu verstehen, muss man interdisziplinär denken und das bietet Geschichte.

Sie waren die erste Frau, die in Österreich den Generalstabskurs abgeschlossen hat und steigen nun als erste über die klassische Laufbahn in einen Generalsrang auf. Sie wären doch perfekt als Influencerin?

Es gibt ganz tolle Influencer des Militärs, aber Leute, die Inhalte in Milieus hineintragen, gab es schon immer. Ich versuche, die Rolle des Bundesheers zu erklären und ein Gesicht zu sein, das man mit dem Heer verknüpft.

Ist es dennoch mühsam, immer die Erste zu sein?

Ist es. Als ich begonnen habe, hatte ich aber das Glück, dass vor uns zwei Jahrgänge waren, die die erste Neugier abgefedert haben. Aber beim Generalstabslehrgang war schon ein Druck da und das Interesse groß.

Ministerin Klaudia Tanner mit  Brigadier Karoline Resch und Generalleutnant Martin Dorfer, der Leiter der Direktion 1 und Kommandant Land- und Spezialeinsatzkräfte
© BMLV/PUSCH
Ministerin Klaudia Tanner mit Brigadier Karoline Resch und Generalleutnant Martin Dorfer, der Leiter der Direktion 1 und Kommandant Land- und Spezialeinsatzkräfte

Ihre Position verlangt vielleicht irgendwann, Menschen in einen Konflikt zu schicken, in dem sie ihr Leben lassen. Wie geht man damit in sich um?

Das ist natürlich die Ultima Ratio (das äußerste Mittel, Anm.). Jedes militärische Handeln ist auf ein Ziel ausgerichtet, und das ist mit einer enormen Verantwortung verknüpft. Es muss mit einem entsprechenden Wertekompass abgeglichen werden und vertretbar sein. Das Privileg in meiner jetzigen Situation ist, dass ich Entscheidungsgehilfin bin.

Sie haben geschworen, treu bis in den Tod zu sein. Im Umkehrschluss heißt es aber auch, ein Leben im Extremfall nehmen zu müssen. Wie haben Sie sich damit auseinandergesetzt?

Das muss man, weil der Beruf immanent die Gefahr in sich trägt, dass man auch diesen Schritt gehen muss. Auch in vermeintlichen Friedenszeiten. Ich hatte auch eine Phase, in der ich mich gefragt habe, ob ich das moralisch noch vertreten kann.

Können Sie es?

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass man gerade deswegen, weil man sich schwer damit tut, am richtigen Fleck ist. Wenn man sich damit leicht täte, dürfte man nicht Soldat sein.

Der Film Terminator spielt 2029. Wie nahe sind wir dieser Fiktion schon?

Wir sind nicht so weit weg, wie wir jetzt in verschiedenen Bereichen sehen. Wie sich die KI dazu weiterentwickelt, ist noch nicht beängstigend, aber es gibt eine massive Notwendigkeit, den Blick auch dort hinzurichten. Gewisse Innovationen sind wie ein schwarzer Schwan (ein unvorhersehbares Ereignis mit großer Tragweite, Anm.) plötzlich aufgetaucht und haben plötzlich unser Leben bestimmt. Das Militär hat immer schon Innovationen aufgegriffen, teilweise vor dem zivilen Bereich, weil das Wettrüsten im Konflikt und in der Wirtschaft wichtig ist.

Ins Hintertreffen zu gelangen, kann die Niederlage bedeuten...

Die Frage, ob man im Innovationszyklus einen Schritt vor dem Gegner ist, ist eine Frage des Überlebens des Individuums und auch des Staates. Dieser Zyklus wird immer kürzer, gerade im Fall der Ukraine, die um das Überleben kämpft. Die Chinesen sind aufgrund der Rahmenbedingungen sehr weit; sie hatten den Vorteil einer politischen Stabilität ihres Systems, die die Verfolgung eines gesamtstaatlichen Plans auf ein anderes Niveau gesetzt hat.

Durch Abschreckung. Kann Österreich das?

Es kommt auf die strategische Situation an. Mit einer plausiblen Bereitschaft, sich zur Wehr zu setzen, kann man abschrecken. Wir haben vermutlich im Kalten Krieg eine größere Abschreckungswirkung erzielt, als wir in Wirklichkeit imstande gewesen wären, umzusetzen. Die Wirkung war auch einem sehr guten Narrativ geschuldet und dem Glauben, dass die Spannocchi-Doktrin (das österreichische Raumverteidigungskonzept des Kalten Krieges, benannt nach General Emil Spannocchi, das auf flächendeckenden Widerstand statt auf eine durchgehende Frontlinie setzte, Anm.) in Österreich zu 100 Prozent umgesetzt würde. Wenn wir wirklich auf die Probe gestellt worden wären, hätten wir vielleicht nicht diese Wirkung erzielen können, die uns zugesprochen wurde. Die Abschreckungswirkung ist einerseits die Fähigkeit und andererseits der Wille. Das Gegenüber beurteilt beides nur aus einer Außenperspektive.

Mehr zum Bundesheer

Was entgegnen Sie einem Mitglied der GenZ, das sich als neue verlorene Generation sieht und fragt: Warum soll ich dieses Land mit der Waffe verteidigen?

Jede Generation sieht die eigenen Voraussetzungen negativer, als sie möglicherweise sind. Ich komme aus der Generation X – wir waren damals der Meinung, die Generation vor uns hat sich gut etabliert, und für uns bleibt nichts übrig. Die GenZ hat auf den ersten Blick nicht wirklich eine schwierige Ausgangsposition, aber sie ist die erste, die in einer vollkommen umgebrochenen Welt groß geworden ist. Die grundsätzliche Verantwortung des Staatsbürgers für das Mitgestalten und Sicherstellen der gemeinsamen Sicherheit ist trotzdem weiter vorhanden. Das Argument „ich könnte ja auch woanders hinziehen“ fällt dabei – aber woanders ist es in diesen Zeiten vielleicht nicht sicherer.

Sorgt die Pflicht für genug Willen?

Eine reine Verpflichtung ist nicht ausreichend. Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Meine Erfahrungen mit der GenZ zeigen, dass sie motiviert und interessiert ist, teilweise sogar erwachsener wirkt und Orientierung sucht. Die Frage ist: Finden sie die im Internet bei Influencern oder im wirklichen Leben in Strukturen wie dem Bundesheer? Gerade auch das Bundesheer muss dazu etwas leisten.

Wir erwarten eine Wehrdienstreform. Ist das Bundesheer dafür bereit?

Wir sind mit der ÖBH 2010 (Bundesheer-Reform 2010 mit Fokus auf Auslandseinsätze, Anm.) im Umfang zusammengeschrumpft, danach auch aufgrund der geänderten Demografie. Aber bei den Verkäufen der Infrastruktur wurde die Handbremse angezogen, wir schauen, dass wir eher expandieren. Egal, wie die Reform aussehen wird: Wenn ich die Personen länger im Dienst habe, habe ich parallel auch mehr Bedarf. Ich brauche das entsprechende Gerät und auch die Ausbilder. Das wird kurzfristig eine Mangelwirtschaft auslösen – aber im Organisieren der Mangelwirtschaft haben wir mittlerweile eine Meisterschaft erreicht.

Wie sieht die Lage im Kader aus?

Wir haben seit ein paar Jahren den Vorteil, dass wir aufgrund der geopolitischen Lage zuletzt eine Verbesserung der personellen Gesamtsituation haben, sichtbar durch verstärkte Zahlen bei der Ausmusterung. Wir werden es schaffen, weil wir keine andere Möglichkeit haben, als dass diese Reform ein Erfolg wird.

Es geht auch um das neue Schlachtfeld mit Drohnen. Wie groß ist die Aufgabe?

Ziemlich groß. Wir haben die entsprechenden Arbeitsplätze, um die Integration sicherzustellen, und schaffen das entsprechende Gerät an. Da wir wissen, dass diese Zyklen sehr kurz sind, machen wir das System mit dem jetzt bestellten Material erst einmal drohnen-fit. Die Grundlagen dafür wurden von anderen mit Blut schon auf dem Schlachtfeld geschrieben.

Müssen wir in der Beschaffung schneller werden oder selbst produzieren?

Wir werden irgendwann beide Fähigkeiten brauchen: gekauftes Material zu integrieren und auch selbst etwas zu produzieren oder zu adaptieren. Dafür müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen aber noch geschaffen werden. Unser Zug ist etwas später dran, und die Schienen und die Taktung geben uns keine Möglichkeit, die anderen zu überholen. Dennoch müssen wir auch bei einer möglichen Verspätung mit dem bestmöglichen Produkt aussteigen.

Österreich hat viele Personen in Generalsrängen. Verwalten wir uns zu sehr?

Der Beamte ist grundsätzlich verpflichtet, sich an die Regeln zu halten. Vor allem für den Offizier muss aber klar identifiziert werden, wo die Regeln angepasst werden müssen. Das reine Beharren darauf, dass die Regeln so sind, ist zu wenig.

Muss es wieder schlanker und direkter werden?

Ja.

Kam es zu einer Verbürokratisierung?

Jedes System tendiert dazu, eine Selbstverwaltung als Existenzberechtigung aufzubauen. So ist mir die Phase vorgekommen, als man keine Idee hatte, wozu man das Bundesheer braucht. Darüber sind wir aber hinaus, vielleicht gibt es noch Reste. Bisher habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass alle hingreifen und wir das Ziel schnell erreichen, wenn es darauf ankommt. Wir sind möglicherweise noch nicht kriegsfit, aber wir haben das Potenzial. Das ist das Entscheidende.

Hat die Republik eine akute Gefährdung?

Die Dauer, eine militärische Fähigkeit aufzubauen, ist lang. Das heißt, wir müssen dann beginnen, sie aufzubauen, wenn sich Bedrohungen noch nicht sichtbar manifestieren. Durch den Aufbau werden sie das dann vielleicht auch nicht tun. Das ist das Präventions-Paradoxon (das Phänomen, dass erfolgreiche Vorsorgemaßnahmen im Nachhinein als überflüssig erscheinen, weil die verhinderte Gefahr nie sichtbar wurde, Anm.), das wir aus der Pandemiebekämpfung kennen: Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung verhindern diese – und dann sagt man, sie waren nicht erforderlich, weil sie sich ohnehin nicht weiterverbreitet hat. So ähnlich ist es bei der Abschreckung: Ist sie gut, wird die Bedrohung nicht sichtbar.

Ist eine im Begriff, sichtbar zu werden?

Es gibt jedes Jahr die Veröffentlichung des Risikobildes, heuer im ersten Quartal erschienen. Darin ist die Bedrohungslage im Bereich Information und Beeinflussung manifest und sichtbar. Eine direkte militärische Bedrohung ist derzeit nicht gegeben – was nicht bedeutet, dass wir sie nicht zu einem gewissen Zeitpunkt haben können. Im besten Fall reicht die Existenz des Militärs, um den Konflikt zu verhindern.