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Ab wann fahren Londons Robotaxis ganz ohne „Aufpasser“?

In London kann man nun autonom fahrende Taxis mit Sicherheitsfahrer mieten. Matthias Rüther, Direktor des Instituts für Digitale Technologien bei Joanneum Research in Graz, erklärt die Hintergründe.

Ein Ford Mustang Mach E mit Wayve-Technologie für autonomes Fahren
© IMAGO
Ein Ford Mustang Mach E mit Wayve-Technologie für autonomes Fahren
Thomas Golser
Redakteur Außenpolitik/International

Es wurden zwar nur 15 Fahrzeuge zugelassen, doch sie könnten die Zukunft vorgeben: Erstmals kann man nun auch in London selbstfahrende Taxis mieten, nachdem Fahrten in autonomen Wayve-Fahrzeugen als neues Angebot in die Uber-App aufgenommen wurden. Die „Robo-Taxis“ sind los!

Transport for London (TFL) lizenzierte jüngst die modifizierten und autonom fahrenden Ford Mustangs Mach E des britischen Technologieunternehmens Wayve als private Mietfahrzeuge. Sie sind mit Wayve-KI-Software sowie Surround-Kameras und Radar ausgestattet. Allerdings sehen die derzeit geltenden Bedingungen immer noch einen Sicherheitsfahrer vor: Dieser sitzt hinter dem Steuer – bereit, zu übernehmen, falls dies erforderlich wird. Alex Kendall, Geschäftsführer und Mitbegründer von Wayve, ist „stolz“, die auf KI beruhende Technologie zum ersten Mal in London der Öffentlichkeit vorzustellen – „eine der komplexesten Fahrumgebungen der Welt“.

Derzeit sind in London nur 15 dieser Fahrzeuge lizenziert
© IMAGO
Derzeit sind in London nur 15 dieser Fahrzeuge lizenziert

Robo-Taxis ohne Sicherheitsfahrer?

Wann die Robo-Taxis ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein werden, will Kendall derzeit noch nicht sagen. Völlig selbständige Fahrzeuge gibt es bereits in den USA, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten in insgesamt gut 20 Städten. Im August war Zagreb die erste europäische Stadt, die der Öffentlichkeit über Uber autonome Fahrten anbot – ebenfalls noch mit einem Menschen am Fahrersitz – für die „Onboard-Überwachung“.

Matthias Rüther
© Joanneum Research
Matthias Rüther

Es war zu erwarten, dass eine Technologie, die in den USA und China seit Längerem im realen Verkehr erprobt und teilweise kommerziell eingesetzt wird, auch in Europa ankommt. London ist dafür ein naheliegender Standort.“

— Matthias Rüther , Direktor des Instituts für Digitale Technologien bei Joanneum Research in Graz,

Matthias Rüther, Direktor des Instituts für Digitale Technologien bei Joanneum Research in Graz, sieht im Interview die Zeit dafür längst gekommen: „Es war zu erwarten, dass eine Technologie, die in den USA und China seit Längerem im realen Verkehr erprobt und teilweise kommerziell eingesetzt wird, auch in Europa ankommt, London ist dafür ein naheliegender Standort. Großbritannien kann außerhalb der EU einen eigenen regulatorischen Rahmen schaffen und hat diesen Weg auch bewusst eingeschlagen.“ Bei einer „sicherheitskritischen Technologie“ brauche es jedenfalls „ein schrittweises Vorgehen“.

Dass noch jemand im Auto sitzt, kann Rüther verstehen: „Ein Mensch hinter dem Steuer jedes Robotaxis ist nur während eines begrenzten Probebetriebs sinnvoll. In dieser Phase sammeln die Unternehmen Daten von lokalen Besonderheiten und seltenen Verkehrssituationen. Gleichzeitig kann ein Sicherheitsfahrer das Vertrauen der Fahrgäste erhöhen.“ Im späteren Routinebetrieb werde nicht jedes Fahrzeug von einem Menschen aus der Ferne gesteuert oder permanent überwacht: „Vielmehr können autonome Fahrzeuge bei außergewöhnlichen Situationen Unterstützung durch eine Leitstelle anfordern. Genau solche Betriebsmodelle müssen auch regulatorisch klar geregelt sein“, betont Rüther. Die Sicherheit der beförderten Personen müsse stets oberste Priorität haben.

Der Experte für „Computer Vision“ und digitale Bildverarbeitung hat selbst völlig autonome Robotaxis in China genutzt und dabei laut eigener Aussage „sehr positive Erfahrungen“ gemacht. Wo liegen (noch) Grenzen? „Natürlich gibt es seltene oder ungewöhnliche Verkehrssituationen, in denen ein autonomes Fahrzeug an seine Grenzen kommt. Heutige Robotaxis haben in der Regel die Möglichkeit, bei Bedarf menschliche Unterstützung anzufordern. Entscheidend für eine Verbreitung wird sein, wie zuverlässig die Systeme gerade mit seltenen Ausnahmefällen in neuen Städten und Umgebungen umgehen können.“

Wir wollen, dass Uber eine Plattform ist, auf der sowohl menschliche Fahrer als auch autonom fahrende Taxis unterwegs sein können. Der Markt und unser Geschäft wachsen noch immer.“

— Sarfraz Maredia, Leiter der autonomen Mobilität bei Uber

Ohne KI geht hier natürlich nichts – zum Lenken eines Kraftfahrzeugs braucht es die Fähigkeit, die eigene Situation im Straßenverkehr interpretieren zu können und daraus Handlungen abzuleiten. Ist KI hackbar? „Wir beschäftigen uns bei Joanneum Research auch mit der Frage, auf welchen Ebenen ein autonomes Fahrzeug gegenüber vorsätzlichen Angriffen verwundbar ist. Der klassische Cyberangriff auf die IT-Systeme eines Fahrzeugs ist dabei nur ein Teil des Problems. Wie andere sicherheitskritische Systeme müssen autonome Fahrzeuge von Beginn an gegen solche Angriffe abgesichert werden.“

Menschliche Fahrer bangen um ihre Jobs

Sind in London Konflikte innerhalb der Branche vorprogrammiert? Der „Guardian“ zitiert Sarfraz Maredia, Leiter der autonomen Mobilität bei Uber: Er habe Bedenken von menschlichen Fahrern gehört, glaube aber nicht, dass diese bald arbeitslos würden. Man höre oft: „Ich fahre in dieser Stadt und es ist sehr komplex, daher glaube ich nicht, dass dieses Produkt in absehbarer Zeit mit mir konkurrieren kann.“ Maredia betont: „Wir wollen, dass Uber eine Plattform ist, auf der sowohl menschliche Fahrer als auch autonom fahrende Taxis unterwegs sein können. Der Markt und unser Geschäft wachsen noch immer.“ Die britische Labour-Verkehrsministerin Heidi Alexander betont: „Die Entwicklung gibt den Fahrgästen mehr Auswahl.“

Wayve-Geschäftsführer Kendall findet naturgemäß nur Lob für die Robo-Taxis: Bei einer kurzen autonomen Testfahrt mit Beteiligung des „Guardian“ im Londoner Viertel Westminster sei alles glatt gelaufen. Mehr noch: Das eingesetzte Auto sei bereit gewesen, sich einen neuen Parkplatz zu suchen, als es erkannte, dass es vor einem Tor stehen blieb und dadurch anderen Fahrzeugen die Durchfahrt blockierte: „Das war ziemlich menschlich!“, befindet Kendall.