Teile der Stadtmauer und Basteiturm am Tummelplatz freigelegt
Über den genauen Verlauf der östlichen Grazer Stadtmauer ist nach wie vor wenig bekannt – doch die Grabungen am Tummelplatz geben nun neue Aufschlüsse. Gefunden hat man auch Reste eines Wehrturms.

„Es ist das eine, aufgrund alter Ansichten einen Turm zu vermuten“, strahlt Archäologin Ortrun Kögler: „Die Reste eines Basteiturms dann tatsächlich zu finden, ist für uns natürlich eine große Freude.“ Kögler leitet die archäologischen Grabungen am Grazer Tummelplatz, der ja aktuell völlig neu gestaltet wird – eine seltene Gelegenheit, sich in den Erdschichten unter dem Platz auf die Spuren nach der spätmittelalterlichen Grazer Stadtmauer zu machen, zu der man bislang immer noch wenig weiß. „Wie weit die Mauer im Südosten tatsächlich verlief, war nicht eindeutig geklärt“, sagt Kögler.
Die Erkenntnisse aus der Baugrube direkt vor dem Akademischen Gymnasium geben nun neue Aufschlüsse: Hier konnte man Mauerreste freilegen, die wohl auf das 14. bis 15. Jahrhundert zu datieren sind. Nach derzeitigem Wissensstand dürfte es sich um Fundamente der spätmittelalterlichen Grazer Stadtbefestigung handeln – samt jenem Basteiturm, der auf mehreren alten Ansichten und Plänen der Stadt zu sehen ist.
Wehrturm und Frauenkloster in direkter Nachbarschaft
Wie Peter Laukhardt in seiner Kolumne „Schau doch!“ auf gat.st schreibt, ist dieser auch urkundlich belegt: 1478 hatte Kaiser Friedrich III. den Franziskanern einen „Thurren in der Vormauer der Statt“ geschenkt. 1579 wird der Turm als „öder Thurn beim Frauencloßter“ nochmals erwähnt – gemeint ist das Dominikanerinnenkloster, das es hier seit 1515 gab. 1784 wurde es im Zuge der josephinischen Klosterreformen aufgelöst bzw. in ein „k. k. adeliges Grazer Damenstift“ umgewandelt. Dass Klöster von Bettelorden direkt an Stadtmauern errichtet wurden, war üblich – doch der besetzte Wehrturm in unmittelbarer Nähe hatte den Nonnen offenbar auch nicht nur ein Sicherheitsgefühl vermittelt: 1571 hatten sie sich darüber beschwert, dass der Wächter bei seinen Kontrollgängen auf der Stadtmauer praktisch unmittelbar an ihrem abgeschlossenen Klosterbereich vorbeikam.

Zurück zu den Ausgrabungen: „Dieser Bereich war für uns eine Art blinder Fleck“, erklärt Kögler die Bedeutung der Ergebnisse: Denn die Mauern sind älter als die erhaltenen historischen Aufzeichnungen, Grundrisse und Pläne. „Aller Voraussicht nach verlief die Stadtmauer über den heutigen Tummelplatz in Richtung Burggasse“, ergänzt Dimitrios Boulasikis, der Projektleiter der archäologischen Baubegleitung. Abschließend gesichert sei der genaue Verlauf allerdings noch nicht: „Wir müssen die weiteren Arbeiten abwarten und genau beobachten, ob noch zusätzliche frühe Befunde zum Vorschein kommen.“ Gebaut hatte man damals übrigens mit für die damalige Zeit teurem Material, nämlich Schöcklkalk und Mörtel mit hochwertigem Löschkalk.
Freilegen, dokumentieren – und zuschütten
Das Team legt die Mauern frei, vermisst sie und dokumentiert alles. Exakte Daten werden mittels Photogrammetrie („Bildmessung“) erfasst. Besonders wichtig sind hier die Lage und Höhe der Mauerkrone und die Fundamenttiefe (im untersuchten Bereich rund eineinhalb bis zweieinhalb Meter). „Wie hoch der Turm ursprünglich war, lässt sich anhand der erhaltenen Fundamente nicht beurteilen“, sagt Kögler. Wichtig ist die Dokumentation auch für künftige Bauarbeiten und Grabungen.
Die wissenschaftliche Arbeit erfolgt in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt, denn die Reste der Stadtmauer stehen unter Denkmalschutz. Das ändert aber nichts daran, dass sie wieder zugeschüttet werden – im Gegenteil, „dadurch bleiben sie an Ort und Stelle erhalten“, sagt Boulasikis. Bewegliche Funde wie etwa Keramikscherben werden geborgen, gereinigt und dokumentiert und dann dem Graz Museum übergeben. Das gilt aber möglicherweise nicht für alle Funde – zuletzt fand man auch eine Red-Bull-Dose aus dem Jahr 1993, vom letzten Umbau des Platzes.
Übrigens: Auswirkungen auf die Neugestaltung des Tummelplatzes oder den Bauzeitplan sollen die Funde nach aktuellem Stand keine haben. Über die kalte Jahreszeit soll der Platz provisorisch abgedeckt und für den Weihnachtsmarkt geöffnet werden, die Fertigstellung ist für den Sommer 2027 geplant.
