Dürre - Unterer Lobau geht es laut WWF extrem schlecht
Trockenheit und Hitzewellen haben der Unteren Lobau in Wien weiter zugesetzt. Dem Schutzgebiet gehe es "extrem schlecht", sagte Michael Stelzhammer von der Naturschutzorganisation WWF bei einem Lokalaugenschein der APA im August. Er wiederholte die Forderungen, Wasser aus der Donau in die Untere Lobau weiterzuleiten und das Gebiet im Renaturierungsatlas der Gewässer nachzumelden. Wien macht weitere Maßnahmen von den Ergebnissen eines Grundwasserströmungsmodells abhängig.

Braune Wiesen, abgestorbene Weiden, die ein zweites Mal austreiben, und Pegel, deren Enden nicht bis ins Wasser reichen: Die zwölf trockensten Monate der heimischen Messgeschichte haben auch in der Unteren Lobau ihre Spuren hinterlassen. "Wenn ich in der Lobau, die ein Viertel des Nationalparks Donau-Auen ausmacht, solche Zustände habe, dann gefährde ich Lebensräume der Arten, die hier ihr letztes Refugium haben", sagte Stelzhammer.
Dreh- und Angelpunkt in der Diskussion ist das Wasser. Ein Augebiet lebt eigentlich vom Wechselspiel aus Hoch- und Niedrigwasser. Doch seit Beginn der Donauregulierung 1870 zum Hochwasserschutz fehle der Unteren Lobau diese Dynamik, denn sie ist fast gänzlich von der Donau abgeschnitten und verlandet zunehmend. "Das Fehlen des Wassers ist ein Todesstoß, der nicht schnell geht, sondern sich über Jahrzehnte hinzieht", sagte Stelzhammer.
Abhilfe schaffen soll eine Dotation, also eine künstliche Wasserzuleitung aus der Donau. In der Oberen Lobau geschieht das bereits seit etwa zwei Jahren, um den ökologischen Zustand zu verbessern und der Austrocknung entgegenzuwirken, wie Andreas Januskovecz, Bereichsleiter für Klimaangelegenheiten der Stadt Wien, auf APA-Anfrage mitteilte. Naturschützer fordern schon länger, dass Wasser aus der Oberen in die Untere Lobau weitergeleitet wird, "als absolute Akutmaßnahme - und das ist im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagte Stelzhammer.
Zur Dotierung der Unteren Lobau laufen laut Januskovecz derzeit fachliche Prüfungen. Hintergrund ist die Sorge, dass dadurch die dortigen Trinkwasserbrunnen verunreinigt werden könnten. Fachleute erarbeiten deshalb seit dem Vorjahr ein Grundwasserströmungsmodell. Es solle etwa klären, inwiefern eine Dotation den Wasserhaushalt in der Unteren Lobau verändern würde und ermitteln, welche Wassermengen nötig sind, die natürliche Vielfalt an Populationen zu erhalten.
"Erst wenn das Modell vorliegt, können die Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung konkret abgeschätzt und die Rahmenbedingungen für die Einreichung eines wasserwirtschaftlichen Versuchs festgelegt werden", so Januskovecz. Erste Ergebnisse gebe es bis Ende des Jahres. Über die Wintermonate werde außerdem - nach Erhalt aller Genehmigungen - das Staudiglwehr erneuert. Darüber soll Wasser aus der Oberen in die Untere Lobau geordnet eingeleitet werden, ohne erstere auszutrocknen.
Doch, das wissen Stadt wie Naturschützer, in einer Trockenperiode wie sie derzeit in Österreich herrscht, würde die Untere Lobau auch austrocknen, wenn Wasser aus der Oberen Lobau weiterfließen würde. Laut Stelzhammer vom WWF müsse die Untere Lobau auf Dauer wieder dynamischer mit der Donau verbunden werden.
Eine weitere wichtige Stellschraube sei, die Eintiefung des Donaubetts zu stoppen. Diese bewirke nämlich ein Sinken des Wasserstands in der Au. "Selbst wenn ich die Dotierung der Au durchsetzen könnte - wenn sich die Donau weiter eintieft, entkoppelt sich das System."
Rahmen für die Rückkehr zu diesem naturnahen Zustand könnte der "Wiederherstellungsplan Gewässer - Freifließende Flüsse" sein. Er ist Teil des Renaturierungsplans, den Österreich und alle EU-Länder bis 1. September nach Brüssel schicken müssen. Doch die Untere Lobau kommt darin nicht vor, kritisierte der WWF, und forderte eine Nachmeldung. Ein Vorteil daran sei, dass durch das Erfüllen der Ziele auch Fördergelder der EU lukriert werden können.
Dass die Untere Lobau nicht in den Plan eingemeldet ist, bedeute nicht, dass keine Maßnahmen für sie vorgesehen sind, entgegnete Januskovecz. Auch hier soll die Grundwassermodellstudie Aufschluss geben. Zeige sich, dass durch entsprechende Schritte Ziele der Renaturierungsverordnung erreicht werden können, sei es "selbstverständlich möglich, Flächen oder Gewässer im nächsten Verhandlungszyklus mit der EU-Kommission einzumelden."
Stelzhammer ortete bei der Stadt in Sachen Renaturierung eine Verzögerungstaktik: "Seit den Nullerjahren macht man eine Studie nach der anderen und beobachtet. Aber wie man sieht, läuft der Lobau die Zeit davon." Wenn die Stadt andere Pläne für die Lobau hat, solle sie diese transparent machen.
Doch für die Pläne der Stadt spielen nicht nur Trinkwassersicherheit, Hochwassermanagement und Naturschutz eine Rolle. Auch Land- und Forstwirtschaft und der Wunsch nach Erholungsraum kommen dazu. Um letztere Interessen kümmert sich der Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt (MA 49).
In der Vergangenheit sei schon an vielen Zahnrädchen gedreht worden, sagte Alexander Faltejsek, Leiter der Forstverwaltung Lobau. Doch man könne nicht alle Herausforderungen, die sich seit der Donauregulierung angesammelt haben, auf einmal lösen. "Es braucht diese vielen Vorarbeiten, damit man auf einer guten Basis entscheiden kann, was gemacht wird", sagte er bei einem Gespräch mit der APA in der Oberen Lobau. "Die aktuelle Wetter- und Klimasituation überholt einen gerade von rechts und macht die Dringlichkeit offensichtlicher und größer", das ändere aber nichts daran, dass man gut überlegt Schritte setzen sollte.
Hinzukomme, dass in den letzten Jahren das Besucheraufkommen viel stärker geworden ist. Heute leben viel mehr Menschen in der Nähe der Lobau und würden sie verstärkt als Naherholungsgebiet nutzen. Je größer der Andrang, desto größer sei auch der Druck, die markierten und erlaubten Wege zu verlassen.
Für Faltejseks Team gilt es, die Besucherinnen und Besucher zu lenken und zu sensibilisieren. Das sei bei der heurigen Trockenheit - die ohnehin eine Herausforderung für den Forstbetrieb ist - besonders wichtig. "Auslöser des Vegetationsbrands Anfang August war wahrscheinlich eine weggeworfene Zigarette. Überraschenderweise sind Besucher am nächsten Tag schon wieder mit Zigarette in der Lobau unterwegs gewesen."
Ob sich die wachsenden Besucherströme auch in Zukunft durch ein Augebiet bewegen, ist ungewiss. Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, würde die Lobau in zehn Jahren aussehen "wie jede andere Landschaft in Österreich auch - mit einer Au hätte das wohl nichts mehr zu tun", sagte Stelzhammer. "Dabei könnte die Lobau heute ganz anders ausschauen. Sie hätte seit Jahren renaturiert sein können", so der Naturschützer. Denn: Anfang der 2000er-Jahre habe es dazu bereits konkrete Pläne zur Renaturierung - inklusive Dotierung und Trinkwasseraufbereitungsanlage - gegeben. Doch das Projekt wurde gestoppt, "die Gründe dafür haben wir bis heute nicht herausgefunden".
Von der Stadt hieß es dazu, es habe immer wieder vielversprechende Projekte gegeben, die nicht weiterverfolgt wurden, weil man negative Auswirkungen befürchtet hat. "Das Ziel, mehr sauberes Oberflächenwasser in die Lobau einzuleiten, wurde jedoch nie aufgegeben", die Dotierung der Oberen Lobau sei dafür ein wichtiger Baustein gewesen.