Wird die steirische Holunder-Ernte heuer zur „Trockenbeerenauslese“?
Bis zu 50 Prozent Ernteeinbußen beim Steirischen Holunder: Aufgrund der Dürre rieseln Beeren bereits vor der Ernte ab oder vertrocknen. Ein Lokalaugenschein in den Obstgärten.
Traurig hängen sie zu Boden, die Dolden der Holunderbäume von Michael Neuhold in Gamling bei Gleisdorf. Noch am Baum sind sie vertrocknet oder rieseln bereits ab. Die Bäume leiden unter der Dürre. „Ich mache das schon 40 Jahre, aber so schlimm wie heuer war es noch nie“, sagt der 55-Jährige.
Auf neun Hektar kultiviert er die dunklen Beeren. Heuer gab es wenig Triebwachstum, Knospen wurden schlecht ausgebildet, viele Bäume starben ab.
In einer anderen Anlage wäre zwar Wasser aus dem Boden da gewesen, hier machte aber die Hitze einen Strich durch die Rechnung. „Beeren wurden am Baum regelrecht gekocht und erlitten einen Sonnenbrand“, so Neuhold. Das Ergebnis: 40 Prozent Ernteausfall.
„Früher ernten ist keine Option“
Früher ernten sei trotzdem keine Option. Die Krux: „Erntet man früher, hat man Qualitätsdefizite, erntet man später, hat man Einbußen bei der Menge. Es ist eine Gratwanderung“, berichtet auch Manuela Pieber. Seit 2015 bewirtschaftet die 46-Jährige in Oberfeistritz bei Anger den nördlichsten Holunderbetrieb im Bezirk Weiz.
Auf fünf Hektar baut sie Holunder an. „Wir haben bisher von unserer nördlichen Lage immer profitiert. Während die Bauern im Süden immer wieder mit Trockenheit zu kämpfen hatten, war unsere Ernte immer top.“ Doch heuer ist alles anders.
Je nach Lage schätzt sie den Ernteausfall auf 30 bis 50 Prozent. Gegen Dürre ist sie ebenso wenig versichert wie Neuhold. „Wir hatten bisher nie Probleme damit“, so Pieber. Obwohl Holunder ihre Hauptkultur und somit eine der größten Einnahmequellen ist, will Pieber „nicht jammern“.
„Wir haben zum Glück mit Direktvermarktung und Urlaub am Bauernhof mehrere Standbeine, dadurch können wir Verluste ausgleichen, ohne das ginge es nicht“, so Pieber. Zudem bewirtschaftet sie 2,5 Hektar Äpfel.
Ein Ausgleich des Verlustes wie bei Pieber ist für Neuhold nicht möglich. Nach den massiven Ernteausfällen aufgrund von Spätfrost 2016 stellte er den Apfelanbau ein und sattelte zu 100 Prozent auf Holunder um.
„Ich jammere nicht, ich sag nur wie es ist. Meinen Lohnanspruch muss ich heuer hinten anstellen. Investitionen werden nicht möglich sein, ich hoffe nur, dass ich wenigstens die Betriebsmittel für kommendes Jahr vorfinanzieren kann.“ Trotzdem will er optimitisch bleiben und weiterhin auf den Holunder setzen. „Ich hoffe einfach, dass die nächsten Jahre wieder besser werden.“
Ich jammere nicht, ich sag nur wie es ist.“
— Michael Neuhold, Holunderbauer aus Gamling bei Gleisdorf
2000 statt 4000 Tonnen Holunder
Mit einer Anbaufläche von 650 Hektar ist der Holunder steiermarkweit die zweitwichtigste Kultur nach dem Apfel. 180 Holunderbauern gibt es, durchschnittlich werden rund 4000 Tonnen Holunder geerntet. „Heuer sind es voraussichtlich 2000 Tonnen, also gerade einmal die Hälfte“, schätzt Rudolf Robitschko, Fachberater für den steirischen Holunder. Steiermarkweit gibt es massive Dürreschäden.
Was bedeutet das für den heimischen Markt? „Wir werden heuer die Kurve kratzen. Aber es ist natürlich suboptimal, wenn wir Abnahmeverträge nicht einhalten können, weil beim Holunder haben wir gerade Hochkonjunktur“, betont Stefan Lampl, Geschäftsleiter der Steirischen Beerenobstgenossenschaft.
USA ist Hauptabnehmer
Exportiert wird in 40 Länder. Größter Absatzmarkt sind die USA und Asien. Seit Corona boomt die Gesundheitsschiene. Wegen seines hohen Anteils an Antioxidantien liegt Holunder als Zutat für Nahrungsergänzungsmittel im Trend.
Nur noch wenig Verwendung finden die schwarzen Beeren in der Lebensmittel- und Farbindustrie. „Wir konnten mit den Preisen aus Ungarn und der Ukraine nicht mithalten. Darum haben wir uns anders orientiert“, so Lampl. Mit einem Einbruch des Marktes, aufgrund der fehlenden Menge, rechnet er trotz schlechter Ernte nicht. „Österreichischer Holunder ist wegen seiner Qualität sehr begehrt, da kommen andere Länder nicht an uns heran.“

Aber ist der Holunderanbau in der Steiermark mit Hinblick auf den Klimawandel überhaupt zukunftsfähig? „Ja", meinen Robitschko und Lampl. Es gelte sich aber zukunftsfit aufzustellen. Bewässerungssysteme sind ebenso Thema wie hitzeresistentere Sorten sowie nördlichere Anbauregionen – in der Obersteiermark laufen die ersten Versuche im Holunderanbau. „Das Potential ist groß. Anbauer werden gesucht“, so Lampl.
Holunderanbau in der Steiermark
Mit einer Anbaufläche von mehr als 650 Hektar gehört der Holunder steiermarkweit zur zweitwichtigsten Kultur nach den Äpfeln. Die Holunderflächen im Südosten und Westen bilden die, in dieser professionellen Form, weltweit größten Anbaufläche für Kulturholunder.
Der Ernteertrag liegt jährlich bei rund 4000 Tonnen. Aufgrund der Dürre erwartet man heuer allerdings nur 2000 Tonnen. Vermarktet wird über die steirische Beerenobstgenossenschaft. 180 Erzeugerbetriebe liefern in diesem Netzwerk zu.
Drei Viertel des Holunders wird exportiert, derzeit in 40 Länder. Hauptabnehmer ist die USA. Dort wird der Holunder vor allem in der Nahrungsergänzungsmittelindustrie eingesetzt. „Flaggschiff ist derzeit die „rubyni“ Kapseln, gefüllt mit Holunder-Pulver. Der enthaltene Holunderbeeren-Extrakt (Sorte Haschberg) soll Antioxidantien und Anthocyane liefern, die das Immunsystem und Abwehrkräfte unterstützen sollen.