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Carina Schrempf wechselt zu Topteam: „Habe mir nur gedacht: Was? Warum ich?“

Carina Schrempf (31) hat mitten in der Saison einen neuen Arbeitgeber: Die Ennstalerin wird künftig für das Topteam „SD Worx - Protime“ fahren.

Carina Schrempf im neuen Trikot und auf dem Rad der Edelreihe „S-Works“
© KK
Carina Schrempf im neuen Trikot und auf dem Rad der Edelreihe „S-Works“

Hoch oben auf dem Sölkpass, wo man auf 1788 Metern Seehöhe mit etwas Glück im Frühsommer den Almrausch so herrlich feurig blühen sieht, atmete Carina Schrempf tief durch, als ihr Freund Jürgen Minar ins Ohr pickste. Der Mediziner und begeisterte Radfahrer wertete sogleich die Laktatmessung aus. Von „ihrer" Seite, dem Ennstal, und auch vom Murtal klettert sie die Passstraße im Training hinauf. Nichts Ungewöhnliches, und doch diesmal passte etwas nicht ins gewohnte Bild: die farbenfrohe Bekleidung und das Rad. Denn die Berufsradfahrerin hat mitten in der Saison den Rennstall gewechselt – was nicht allzu oft vorkommt. Für gewöhnlich werden die Transfers mit dem Jahreswechsel vollzogen, doch unterzeichnete die 31-Jährige bei „SD Worx - Protime“ einen Arbeitsvertrag über zweieinhalb Jahre. Auch wenn alle Teams der World Tour zu den besten zählen, ist der Wechsel von „Fenix-Premier Tech“ zum neuen Team eine Steigerung. „Das ist noch eine Stufe höher. Es ist ein Top-Drei-Team“, sagt Schrempf, die selbst nicht mit diesem Deal gerechnet hat. „Prinzipiell lief mein ganzes Jahr unter dem Ziel, eine Möglichkeit zu finden, noch eine Zeit auf der World Tour anzuhängen.“

Dieses Ziel hat sie definitiv übertroffen. „Einen Vertrag zu bekommen ist nicht so einfach und ich habe mich eigentlich darauf konzentriert zu schauen, ob sich eine weitere Möglichkeit im Team ergibt. Das wurde mir auch zugesagt, und so habe ich mich aktiv nicht mehr umgesehen. Doch dann hat mich die Chance gefunden.“ Sportdirektor Danny Stam hat die Fahrerin aus Tipschern (Gemeinde Mitterberg-Sankt Martin) direkt angesprochen. „Ehrlich gesagt habe ich mir im ersten Moment nur gedacht: Was? Warum ich?“ Denn eigentlich dachte sie, heuer keine gute Werbung für sich gemacht zu haben. „Ich bin sehr viele Rennen gefahren und oft eingesprungen. Ich hatte keine guten Ergebnisse, aber scheinbar wurde meine Arbeit trotzdem gesehen. Sie haben offenbar ein Bild von mir – und das ist wohl ein gutes.“ Nun gilt es, dieses Bild zu erfüllen. Das kommt mit einem gewissen Druck, den der Profisport mit sich bringt. „Wenn man ein bisschen Respekt vor den Herausforderungen hat, ist es vielleicht gerade richtig.“

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Freund Jürgen Minar beim Laktatmessen
Freund Jürgen Minar beim Laktatmessen © KK

Schrempf, die als Leichtathletin eine Quereinsteigerin im Radsport war, taucht damit auch in eine neue Struktur ein. Während ihr ehemaliger Arbeitgeber ein Team für Männer – samt Mathieu van der Poel – und Frauen betreibt, konzentriert sich das neue Team ausschließlich auf die Frauen. „Daher bündeln sich alle Kräfte. Das Team ist auch ein wenig kleiner, und so kann ich individueller arbeiten und mein Maximum herausholen.“ Sie wird künftig auch wieder enger mit Trainer Vincent Vermeulen zusammenarbeiten. „Er hat mich schon in den Anfängen meiner Laufkarriere unterstützt und kennt mich und meinen Körper seit 15 Jahren. Das freut mich und ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden zweieinhalb Jahren noch mehr rausholen.“

Schlimmstenfalls bin ich um eine Erfahrung reicher, oder es hat sich – wie bislang meistens in meinem Leben – eine Tür geöffnet, von der ich vorher gar nicht gewusst habe, dass es sie gibt.

— Carina Schrempf

Ihre Aufgabe im neuen Team ist klar: Sie wird die drei Siegfahrerinnen – Topsprinterin Lorena Wiebes, Klassikerjägerin Lotte „Loko“ Kopecky und Klassementfahrerin Anna Van der Breggen – beschützen und das Feld mit hohem Tempo kontrollieren. „Da stellt man das eigene Ego hinten an, und das tue ich auch gerne. Für mich ist das eine sehr erfüllende Tätigkeit, wenn die Kapitäninnen in guter Verfassung in die Entscheidung kommen.“ Sofern alles nach Plan läuft, wird sie heuer bereits für „SD Worx“ an den Start gehen.

Freund Jürgen, der neben seiner Berufung als Notarzt und Allgemeinmediziner selbst an Rennen teilnimmt, spult unzählige Trainingskilometer an der Seite seiner Partnerin herunter. „Es ist schön, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam fahren", sagt sie. Wenngleich sich so manches Mannsbild aus Stolz heraus nicht in den Windschatten einer Dame begeben würde, gibt es bei dem Duo keine Animositäten. „Auf den längeren Ausfahrten muss ich immer wieder ein bisschen ‚drücken', und in den nächsten zweieinhalb Jahren werde ich sicher immer wieder vorne fahren. Aber ich freue mich schon richtig darauf, nach der Karriere den Rest meines Lebens an seinem Hinterrad picken zu dürfen – und das richtig gern.“

Ehe sie sich der Familie zuwendet, hat sie allerdings noch Wiebes und Co. an ihrem Hinterrad. Eine Aufgabe, die ihr durchaus Respekt einflößt: „So, wie ich im Leben immer die Chancen genutzt habe, die sich mir aufgetan haben, bin ich auch das angegangen. Schlimmstenfalls bin ich um eine Erfahrung reicher, oder es hat sich – wie bislang meistens in meinem Leben – eine Tür geöffnet, von der ich vorher gar nicht gewusst habe, dass es sie gibt.“

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