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Reinhard Maurer: „Bin wegen ,Zurück in die Zukunft‘ Wissenschaftler“

Der Voitsberger Reinhard Maurer gilt als Pionier der Anwendung von Methoden des Maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz in der theoretischen Chemie. Er erzählt, was ihn an seiner Arbeit fasziniert und worauf er nicht verzichten kann.

Reinhard Maurer stammt aus Voitsberg und lehrt in Wien und Göttingen
© Humboldt-Stiftung
Reinhard Maurer stammt aus Voitsberg und lehrt in Wien und Göttingen
Rainer Brinskelle
Teamleiter Regionalredaktion Voitsberg

Sie sind passionierter Kletterer. Welche Gemeinsamkeiten haben Sport und Forschung?

Klettern ist Entspannung und das Lösen von Rätseln, wie man Griffe findet und eine Wand hochkommt – sowohl in der Halle als auch an der Felswand. Das erklärt vielleicht den Trend, dass sich viele Mathematiker und Physiker dem Klettersport widmen.

Wie ordnen Sie die Auszeichnung mit der Humboldt-Professur, die mit fünf Millionen Euro dotiert ist, ein?

Nach ein paar Tagen war das Gefühl beklemmend: Man muss einen Mehrwert für Wissenschaft und Gesellschaft schaffen. Mit der ,Macht‘ des Stipendiums ist große Verantwortung verbunden. Das braucht Zeit zum Realisieren. Das Geld liegt auf dem Konto der Uni Göttingen und muss nun in Arbeit umgesetzt werden. Monatelang habe ich mit Menschen aus aller Welt gesprochen, die mit uns forschen wollen. Computerressourcen müssen bestellt werden. Bei der derzeitigen Marktlage kommt man bei den Rechnungen ins Weinen. Jetzt geht es ans Eingemachte.

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen die Professur?

Als Wissenschaftler muss man eine Idee haben, die weit ausgereift ist. Dann kann man einen Antrag stellen und hoffen, dass er genehmigt wird, um das Projekt mit einem Assistenten abwickeln zu können. Für die Humboldt-Professur muss man zwar noch bessere Ideen haben, aber man kann sich mehr Zeit nehmen, mit mehr Leuten arbeiten und riskantere Forschungsrichtungen einschlagen.

Wir Wissenschaftler diskutieren ständig, ob wir unsere Jobs verlieren werden. Was mich stört, ist die Vorstellung, dass man jetzt nur mehr eine gute Idee bräuchte und die realisiert man dann mit Hilfe von KI.

— Reinhard Maurer

Sie forschen an neuen Oberflächen. Anhand von KI-gestützten Modellen versuchen Sie, deren Eigenschaften vorherzusagen. Was fasziniert Sie daran?

Die Forschung an Oberflächen ist extrem kompliziert, vor allem wenn es um sogenannte Grenzflächen geht. Schon Physik-Nobelpreisgewinner Wolfgang Pauli sagte: ,Das Volumen des Festkörpers schuf Gott, ihre Oberfläche wurde vom Teufel gemacht.‘ Besonders Moleküle an Grenzflächen sind ein spannendes Gebiet, weil es anwendungsrelevant ist, etwa für die Elektrokatalyse. Es gibt keine bessere Zeit als jetzt, sich das anzuschauen, weil auch bessere experimentelle Messmethoden auf den Markt kommen.

Wo kommen Ihre Erkenntnisse zum Einsatz?

Hochmoderne Experimente erzeugen komplizierte Signale – etwa bei spektroskopischen Messungen –, da ist die Theorie extrem wichtig, um die Ergebnisse zu verstehen. Hier unterstützen wir unsere Experimental-Kollegen. In der Praxis geht es um die Speicherung von Energie, die beste Methode ist die chemische Speicherung durch die Umwandlung von Molekülen. Das wollen wir auch mit CO2 schaffen, dazu müssen wir fundamentale Mechanismen verstehen.

Welche Fragestellung stellt Sie gerade vor die größte Herausforderung?

Wie eine Oberfläche auf Lichtanregung reagiert. Eine extreme Variante davon ist Nanolithographie, also das mikroskopische Ätzen von Oberflächen mit Licht. Zu verstehen, was da auf dem atomaren Level passiert, ist auch für die Chip-Technologie relevant.

Gibt es in der Wissenschaft Vorbehalte gegenüber künstlicher Intelligenz?

Wir Wissenschaftler diskutieren ständig, ob wir unsere Jobs verlieren werden. Was mich stört, ist die Vorstellung, dass man jetzt nur mehr eine gute Idee bräuchte und die realisiert man dann mit Hilfe von KI. In der Wissenschaft aber baut man eine gute Idee meist auf einem Stapel von vielen schlechten Ideen auf. Um ein guter Wissenschaftler zu sein, muss man sich viel Fachwissen und Erfahrung aneignen und oft scheitern. Meine Sorge ist, dass das verloren geht.

Zur Person

Der Wissenschaftler Reinhard Maurer (40) beschäftigt sich mit computergestützter Chemie und Physik.

Der Steirer stammt aus Voitsberg und maturierte am BG/BRG/BORG Köflach, ehe er sein Chemiestudium an der Karl-Franzens-Universität in Graz absolvierte. 2014 promovierte er an der TU München und wechselte für das Postdoc an die renommierte Yale University.

Zuletzt war er Professor für computergestützte Chemie und Physik an der University of Warwick in Großbritannien. 2025 kehrte der Steirer nach Österreich zurück und erhielt eine Professur für Computational Materials Discovery an der Universität in Wien.

Gleichzeitig ist Maurer auch an der Universität Göttingen und im Fellow-Programm am Max-Planck-Institut tätig.

© Stuart Hollis_hollisphotography.com

Wie ist Ihr Interesse für Physik entstanden?

Ich habe mit sieben Jahren das erste und letzte Mal darüber nachgedacht: Der verrückte Professor „Doc“ Brown in „Zurück in die Zukunft“ hat mich fasziniert. Er sieht so glücklich aus bei dem, was er macht. Diesen Weg wollte ich auch gehen.

Sie leben in Wien, waren in Amerika und Großbritannien, lehren in Deutschland. Wie hat sich Ihr Blick auf den Bezirk Voitsberg geändert?

Wenn man 15 Jahre nicht in Österreich wohnt, bekommt man eine rosarote Brille. Andererseits wird man zum Alien im eigenen Land, weil man gewisse Dinge nicht versteht. Etwa das ständige Gesudere. Über Amerikaner wird gesagt, sie seien nur oberflächlich freundlich. Aber ehrlich: Das macht den Alltag leichter, als wenn man ständig alles negativ sieht. Ich rate jedem, so viel wie möglich ins Ausland zu gehen, dann sieht man, was bei uns in Österreich alles richtig läuft. Etwa die medizinische Versorgung, die ist um Welten besser als anderswo. Und: Die Lebensqualität ist bei uns für alle sehr hoch, ob Groß- oder Kleinverdiener.

Was vermissen Sie an der Region?

Ich bin noch immer regelmäßig dort, gerade war ich mit meiner Familie beim Stadtfest in Voitsberg – das war wie früher. Am häufigsten bin ich dann aber zwischen Voitsberg und St. Stefan ob Stainz unterwegs, wo die Familien von mir und meiner Frau leben. Ich vermisse das Lebensgefühl und das Essen, sogar in Wien. Egal wo auf der Welt ich gerade arbeite, steirisches Kernöl muss immer mit dabei sein.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Die Wochenenden gehören meiner Familie, da wird nicht gereist. Wenn ein Kongress schon am Montag beginnt, reise ich erst am Montag an. Aktuell sind wir gern im Freibad und von unserem Haus in Wien ist man schnell auf den Hügeln und hat von dort eine super Aussicht.