Museumsdirektor: „Besucher halten die Wahrheit aus“
Villachs Museumsdirektor Andreas Kuchler über zeitgemäße Geschichtsvermittlung, seine Reisen in die Ukraine und die Frage, wie sich das Museum weiterentwickeln soll.

Herr Kuchler, Sie sind seit 2022 Direktor des Museums Villach. War das immer Ihr Traumberuf als Kind?
Andreas Kuchler: Nein. Ich habe beruflich ungefähr alle sechs oder sieben Jahre radikal gewechselt. Von der Umwelttechnik über die Energiewirtschaft zum Tourismus und schließlich bin ich im Museum gelandet. Als Kind war es zuerst die Archäologie, die mich begeistert hat. Wenn bei uns in Wernberg irgendwo ein Keller ausgehoben wurde, war ich am Abend, sobald die Bagger weg waren, auf dem Erdhaufen unterwegs und habe nach historischen Funden gesucht, aber nur wenig gefunden.
Was hat Sie an Geschichte so gepackt?
Neben der Archäologie vor allem meine Familiengeschichte. Teile meiner Familie stammen aus dem Banat und Galizien. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre sind wir viel nach Osteuropa gereist und haben Familienangehörige wieder zusammengebracht. Diese Umbruchzeit hat mein Interesse an Zeitgeschichte geweckt. Auch beim Verbund konnte ich später historische Projekte umsetzen, etwa zur Elektrizitätswirtschaft im Nationalsozialismus sowie die Auswirkungen von Zwentendorf und Hainburg.
Zur Person
Andeas Kuchler (50) ist seit März 2022 Direktor des Museums Villach. Zuvor leitete er sieben Jahre lang den Tourismusverband Villach und war davor beim Verbund im Bereich Wasserkraft tätig. Er studierte Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Geografie und Raumforschung in Graz und absolvierte ein Doktoratsstudium in Zeitgeschichte an der Universität Wien. Kuchler lebt mit seiner Familie in Wernberg und ist Vater zweier Töchter im Alter von zwölf und 14 Jahren. In seiner Freizeit reist er gerne und betreibt Sport. Zu seinen Hobbys zählen Floorball, Klettern und Radfahren.

Die Besuchszahlen des Museums sind erfreulich. Was darf ein Museum heute nicht mehr sein?
Langweilig. Eine Ausstellung muss ein Thema so aufgreifen, dass es auch heute relevant ist. Sie muss unterschiedliche Zugänge bieten und Menschen beteiligen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man historische Objekte einfach unter Glas stellt und lange Texte danebenschreibt.
Braucht es dafür überall digitale Technik?
Nein, Technik ist kein Selbstzweck. Beim Relief Villach beispielsweise verbinden wir ein mehr als 100 Jahre altes Modell mit Projektionen, Videos und virtueller Realität. Entscheidend ist das Verständnis. Menschen kommen nicht zum Lesen ins Museum.
Sie bereiten mit Ihrem Team Ausstellungen nach journalistischen Prinzipien auf. Wie funktioniert das?
Ja. Ich bin seit mehr als 30 Jahren auch freier Journalist und Autor. Wir arbeiten mit ansprechenden Titeln, Vorspännen und kurzen Absätzen. Besucher müssen jederzeit ein- und aussteigen können. Im Kuratoren-Team geht es oft um eine Frage: Was lassen wir weg? Ausstellungsmachen heißt weglassen.

Die Sonderausstellung „Wie Kriege enden“ läuft wegen des Erfolgs adaptiert ein zweites Jahr. Warum funktioniert dieses schwere Thema?
Weil der Titel trotz allem Hoffnung enthält und wir nicht nur abgeschlossene Konflikte behandeln. Der Krieg in der Ukraine verändert sich laufend. Wir vermitteln damit Zeitgeschichte fast in Echtzeit. Dazu kommen Zeitzeugen und Partner, die Teile der Ausstellung kuratieren. Auch Besucher hinterlassen ihre Gedanken. Menschen, die sich nie begegnen, lesen gegenseitig ihre Botschaften. So werden Besucher selbst ein Stück weit zu Ausstellungsmachern. Im Friedenslabor beispielsweise geht es ausschließlich um Teilhabe und ums Mitmachen. Das macht eine Schau lebendig.
In der Ausstellung steht ein von russischem Beschuss zerstörter Lada. Ist ein Selfie davor in Ordnung?
Ja. Bei uns gibt es keine Bereiche, die für soziale Medien tabu wären. Ein Museum ist ein Begegnungsort, und diese Begegnung soll nicht an der Haustür enden. Besucher erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive weiter. Das können und wollen wir nicht kontrollieren.

Sie waren vor kurzem wieder in der Ukraine. Was erleben Sie dort, das in den Nachrichten kaum vorkommt?
Dass die Wirklichkeit widersprüchlicher ist. Natürlich gibt es Krieg, Angriffe, Flucht und Zerstörung. In den relativ sicheren westlichen Städten Mukatschewo und Uschhorod erlebt man zugleich Abende im Freien, Familien, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Frauen und Kinder kommen aus Westeuropa zurück, um Männer zu treffen, die nicht ausreisen dürfen oder Fronturlaub haben. Gleichzeitig treffen wir viele Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind.
Warum fahren Sie selbst immer wieder hin?
Wegen meiner Familiengeschichte gibt es diese Verbindung seit Jahrzehnten. Seit 2014 und besonders seit der russischen Invasion 2022 haben wir private Hilfslieferungen intensiviert. Wir bringen Lebensmittel und Hilfsmittel, unterstützen Pflegebedürftige und Binnenvertriebene.
Gerade beim Ukrainekrieg prallen Erzählungen und Propaganda aufeinander. Was ist die Aufgabe eines Museums?
Geschichte so objektiv wie möglich zu erzählen und mit Mythen aufzuräumen, ob das angenehm ist oder nicht. Wir erleben Besucher, die russische Propagandanarrative übernommen haben und glauben, wir würden etwas falsch darstellen. Museen dürfen sich davor nicht drücken. Ich glaube, dass Besucher die Wahrheit aushalten.
Ihr Team führt viele Gespräche mit Zeitzeugen. Ist deren Blick nicht immer subjektiv?
Natürlich. Es sind persönliche Wahrheiten. Gerade deshalb zeichnen wir Interviews auf. Viele Zeitzeugen sind heute 80 oder 90 Jahre alt. In einigen Jahren können wir sie nicht mehr befragen. Danach kommt die nächste Generation, und Erzählungen verändern sich. Es ist ein bisschen wie Stille Post. Diese Stimmen müssen wir jetzt sichern.
Wie bringt man Kinder in ein Museum?
Indem man Ausstellungen von Beginn an so plant, dass sie auch für Kinder vermittelbar sind. Wir orientieren unser museumspädagogisches Programm an Lehrplänen und arbeiten eng mit Schulen zusammen. Im vergangenen Jahr hatten wir in diesem Bereich 65 Prozent mehr Besucher.
Sie haben zwei Töchter mit zwölf und 14 Jahren. Sind die Ihr Testpublikum?
So in Etwa. Wenn wir im Urlaub ein Museum besuchen, lasse ich sie oft vorausgehen und beobachte, was sie anzieht. Kinder und Jugendliche haben ein sehr gutes Sensorium dafür, welche Reize funktionieren. Daraus nehme ich einiges für unsere Ausstellungen mit.
Bleiben Sie jetzt für immer Museumsdirektor?
Das würde nicht zu meinem bisherigen Lebenslauf passen. Zeitgeschichte kann man auch anders erzählen, etwa als Kurator. Worauf ich als Museumsdirektor aber besonders stolz bin: Im September eröffnet das Museum Villach erstmals eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus, quasi in der Bundesliga der Museen.
Gibt es eine Seite der Villacher Geschichte, von der Sie finden, dass sie bisher zu wenig erzählt wird?
Ein Thema mit großem Potenzial ist für mich die jüngere Technologiegeschichte der Stadt. Villach hat durch Mikroelektronik und Betriebsansiedelungen einen enormen Wandel erlebt. Das könnte man sehr anschaulich vermitteln, vielleicht sogar einmal in einem eigenen Wissenschaftsschwerpunkt in der Innenstadt.

Wohin soll sich das Museum Villach in den kommenden zehn Jahren entwickeln?
Wir wollen das Museum langfristig moderner, zugänglicher und stärker als ganzjährigen Ort der Begegnung positionieren. Dafür entwickeln wir gerade ein Museumskonzept bis 2032, das auch unsere weiteren Standorte einbezieht. Es geht nicht nur um neue Technik oder größere Ausstellungen, sondern darum, Geschichte zeitgemäß zu vermitteln, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen und mehr Raum für Vermittlung und vertiefende Angebote zu schaffen. Gleichzeitig soll das Museum ein Ort bleiben, an dem die Geschichte Villachs wissenschaftlich fundiert, verständlich und auch kritisch erzählt wird.
Wenn in 100 Jahren eine Ausstellung über Villach im Jahr 2026 eröffnet wird: Was soll von der Stadt oder sogar von Ihnen ausgestellt sein?
Bitte keine Bronzebüste (lacht). Wenn überhaupt, dann sollte etwas von unserer Arbeit gezeigt werden: eine zeitgeschichtliche Sammlung, die unsere Gegenwart möglichst unverfälscht dokumentiert. Mir ist wichtiger, dass Menschen in 100 Jahren nachvollziehen können, wie wir heute gelebt und gedacht haben, als dass dort irgendein persönlicher Gegenstand von mir in einer Vitrine liegt.