Wie die Bouviertraube entdeckt wurde
Der Champagnerfabrikant Clotar Bouvier entdeckte um 1900 eine autochthone Rebsorte und verhalf ihr zum Durchbruch. Die Sektkellerei „Radgonske Gorice d.o.o.“ hält ihre Geschichte lebendig.
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in allen weinbautreibenden Ländern Europas Champagner-Fabriken. Hohe Importpreise und eine große Nachfrage weckten den Geschäftssinn für das festliche Getränk. Aus den Radkersburger und Luttenberger Weinbaugebieten kamen einst die bedeutendsten Weine der Monarchie. Bevor die Reblaus in der Region die historisch gewachsene Vielfalt vernichtete, startete man um 1850 mit der Champagnerproduktion. Pioniere waren die Brüder Kleinoscheg, die zu kaiserlich-königlichen Hoflieferanten aufstiegen. 1882 gründete Clotar Bouvier eine Champagner-Kellerei am Murufer von Oberradkersburg. Heute befindet sich an ihrer Stelle „Radgonske Gorice d.o.o.“, die größte Sektkellerei Sloweniens in Gornja Radgona. In höchsten Tönen lobte man einst den südsteirischen Champagner als ein Luxusgetränk, das „den Gaumen angenehm affiziert, den Magen nicht beschwert, den Kopf nicht betäubt, sondern den Geist belebt, das Gemüt erheitert, um in geselligen Kreisen Augenblicke des irdischen Glückes zu verleben.“

Ein Pionier im Kampf gegen die Reblaus
Clotar Bouvier wurde 1853 in Weiz geboren, seine Vorfahren stammten aus dem Elsass. Er besuchte die Handelsakademie in Graz und fasste im Bankgeschäft Fuß. Bald verschlug es ihn jedoch auf das familieneigene Weingut nach Radkersburg. 1884 heiratete er hier Maria Anna Spanger. Es folgten vier Töchter und zwei Söhne. Gemeinsam mit dem Großgrundbesitzer Oswald Edler von Kodolitsch engagierte er sich federführend im lokalen Weinbau. Im Angesicht der Reblaus-Seuche agierte er vorausschauend. Als einer der ersten setzte er in seiner Rebschule resistente amerikanische Unterlagsreben wie die von Hermann Goethe gezüchtete „Rupestris Goethe Nummer 9“ ein. Unterstützung bekam er dabei von Franz Zweifler, dem einstigen Schuldirektor der Landes-Obst-, und Weinbauschule in Maribor. Er unterstützte die Familie Bouvier in Rebschule, Weingärten und Keller. Der Kampf gegen den Reblaus-Schädling war langwierig. Der staatlich verordneten Rodung verseuchter Weingärten widersetzten sich die Bauern sogar mit Waffengewalt. Sie brachte auch nicht das gewünschte Ergebnis. Erst die Rekonstruktion der Weingärten mit der Anpflanzung von veredelten, widerstandsfähigen Reben führte langfristig zum Erfolg. Dafür waren jedoch umfassende Versuche und langjährige Studien nötig. Erst durch eine sorgfältige und langwierige Auswahl fand man die passenden Kombinationen von Reben und Böden.

Um 1900 entdeckte Clotar Bouvier eine neue Rebsorte in seinen Weingärten am Herzogenberg, dem heutigen Hercegovščak in Gornja Radgona. Er vermehrte sie in seiner eigenen Rebschule, zog sie heran und beobachtete sie über Jahre. Schließlich verbreitete er sie über die Region hinaus. Heute ist sie im Burgenland und in Slowenien noch stark verbreitet. Im deutschsprachigen Raum nennt man die Traubensorte nach ihrem Entdecker Bouvier. In Slowenien wird sie Ranina genannt. Es ist eine früh reifende Sorte, die leichte, dezent aromatische Weine hervorbringt. Clotar Bouvier feierte mit seiner Champagner-Kellerei und seinen Weinen große Erfolge. Er durfte sich über etliche Auszeichnungen wie Staatspreise oder Silber- und Goldmedaillen bei Weinausstellungen in Triest, Graz, Wien und Görz freuen.

Der Champagnerparagraph
Das Geschäft lief gut bis zum Ersten Weltkrieg. Die politische Neuordnung nach Kriegsende brachte nicht nur die Grenzziehung und die Durchtrennung der Weinbaugebiete in der Štajerska, sondern auch den sogenannten Champagnerparagraph. Im Friedensvertrag von St. Germain wurde festgelegt, dass deutsche Produkte künftig keine fremden Herkunftsbezeichnungen mehr führen durften. Dies betraf neben dem Champagner auch den Cognac. So wich man auf die Bezeichnungen Sekt und Weinbrand aus. Clotar Bouvier dürfte das Verbot nicht sehr ernst genommen haben. Historisch belegt ist, dass er sich vor dem Bezirksgericht Wien-Josefstadt wegen Übertretung des Lebensmittelgesetzes zu verantworten hatte. Für seinen „Vin de Champagne grand mousseux“ erhielt er eine saftige Geldstrafe. Ein Hotelier und ein Gastwirt, die sein Produkt vertrieben, wurden ebenfalls vor den Richter zitiert. Für alle, die sich auf eine historische Spurensuche vor Ort begeben möchten, gibt es am Dienstag, dem 15. September um 19:30 Uhr die Spezialführung „Wein“ vom Museum im alten Zeughaus mit Beatrix Vreča. Treffpunkt ist am Hauptplatz Bad Radkersburg vor dem Congresszentrum Zehnerhaus. Inkludiert ist eine kurze Kellerführung bei „Radgonske Gorice d.o.o.“.

Infos unter www.museum-badradkersburg.at.