„Natürlich würde es mich reizen, den WAC zu trainieren“
Der Völkermarkter Ex-Fußballer Gilbert Prilasnig (53), der auch beim SK Sturm Graz gespielt hat, über Schulanekdoten, sein ehrenamtliches Engagement für Obdachlose und den Frauenfußball in Österreich.

Wollten Sie schon als Kind Profifußballer werden?
GILBERT PRILASNIG: Eigentlich schon. Ich habe leidenschaftlich gerne Fußball gespielt und schon als Kind gemerkt, dass ich besser bin als fast alle anderen, die mit mir zusammen oder gegen mich spielten.
Und trotzdem begannen Sie Ihre Laufbahn erst mit zwölf Jahren bei einem Verein – nachdem Sie mit dem Völkermarkter Gymnasium österreichischer Schülerligameister wurden. Ein eher untypischer Weg, oder?
Für die damalige Zeit war das nicht so untypisch, weil da war es noch üblich, dass man sich auf der Wiese zum Fußballspielen traf. Als ich dann beim VST Völkermarkt spielte, gab es schon Leistungszentren in Klagenfurt und Wolfsberg, die mich natürlich haben wollten. Da ich hier aber mit 15 Jahren schon Stammspieler in der Kampfmannschaft war, überwog dies den Aufwand, vier Mal in der Woche zum Training in eines der Leistungszentren zu fahren: Der Shuttledienst hätte wegen der vielen Zwischenstopps in den Orten, in denen die Spieler aufgelesen beziehungsweise dann nach der Rückkehr wieder abgesetzt wurden, eineinhalb Stunden pro Strecke gebraucht. Drei Stunden am Tag nur im Bus zu sitzen, lehnte mein Vater ab und ich musste es akzeptieren. Rückblickend war an der Entscheidung nichts falsch.
Nach Ihrer Matura am Alpen-Adria-Gymnasium ging es dann gleich direkt von der Unterliga zum SK Sturm Graz in die Bundesliga ...
Nach dem Ende meiner Schulzeit wollte ich sowieso nach Graz – offiziell natürlich zum Studieren, aber in erster Linie zum Fußballspielen bei Sturm Graz. Möglich wurde das durch den Kontakt unseres damaligen Sektionsleiters, der zuvor schon einen Völkermarkter Spieler nach Graz vermittelt hatte. Zudem hatte Sturm Graz Scouts, die von meinem Talent wussten. Immerhin spielte ich in der Kärntner Jugendauswahl und hatte beim VST Völkermarkt viele Tore geschossen.
Ihre ehemalige Schule wurde übrigens vor zwei Jahren abgerissen. Heuer im Herbst wird der Neubau eröffnet. Welche unvergesslichen Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
Ich muss immer an einen lustigen Aufsatz eines Klassenkollegen denken. Er schrieb im Deutschunterricht über einen Traum, in dem die Schule – diese Konstruktion aus Gipsplatten und wenigen Ziegeln – zusammengefallen war. Als er aufwachte, stellte er fest, dass es leider nur ein Traum war und wir weiter in dieses wacklige Gestell gehen mussten. Wir gingen trotzdem sehr gerne ins Gymnasium, haben uns aber immer über die Bausubstanz amüsiert. Dass die Schule vor zwei Jahren abgerissen wurde, war sicher längst überfällig. Es war toll, bei der „Abriss-Party“ dabei gewesen zu sein.

Mit 18 Jahren hatten Sie dann bei Sturm Graz Ihren ersten Bundesliga-Einsatz ...
Genau. Aber es hat ein bisschen Zeit gebraucht, bis ich mich etabliert habe. Bis ich Stammspieler geworden bin, war ich schon 21 Jahre alt.
Ihre erfolgreiche Zeit beim SK Sturm Graz ist untrennbar mit Ivica Osim verbunden, der nicht nur als legendärer Trainer, sondern auch als Lebensphilosoph galt. Welcher seiner Sätze oder Gedanken hat Ihre Sicht auf das Leben abseits des Platzes am nachhaltigsten geprägt?
Das ist recht einfach. Einer seiner Sätze lautete: „Fußball ist nur ein Spiel, Mensch, kein Krieg“. Diesen Satz sagte er, wenn Spieler beim Training überaggressiv waren, weil natürlich alle wussten, dass in seiner Heimat damals ein brutaler Krieg herrschte. Mich hat das geprägt, weil ich als junger, ehrgeiziger Profi, der sich längerfristig durchsetzen wollte, manchmal auch sehr aggressiv oder unsportlich am Platz agiert habe. Dieser Satz – und auch wie wertschätzend Osim über Gegner sprach – half mir, das richtig einzuordnen: Es ist nur ein Spiel, das man nicht überernst nehmen soll. Die Spielweise der Argentinier bei der Weltmeisterschaft hätte Ivica extrem sauer aufgestoßen und mir gefiel sie auch nicht.
Wenn Sie heute auf Ihre Profifußballkarriere zurückblicken: Was war für Sie persönlich Ihr größter Erfolg?
Es gab mehrere Meilensteine. Dass ich mich fast 20 Jahre im Profifußball gehalten habe, macht mich stolz. Ein Höhepunkt war es, den Aufstieg von Sturm Graz vom österreichischen Mittelständler zum europäischen Spitzenclub mitzuerleben. Auch mein Traum von einer Auslandskarriere ging mit einem Engagement bei Aris Saloniki in Griechenland in Erfüllung. Stolz bin ich zudem auf meine Einsätze im Nationalteam. Bitter war nur meine Verletzung im Cupfinale unmittelbar vor der WM 1998. Ohne sie hätte ich bei der Weltmeisterschaft gespielt, was meine Karriere wahrscheinlich noch besser verlaufen lassen hätte.
Nach dem Karriereende fallen viele Ex-Profis in ein tiefes Loch. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Identität nicht nur über den Applaus zu definieren?
Ich habe von Anfang an auch einen Universitätsabschluss angestrebt und bis zum Karriereende mein Linguistik-Studium abgeschlossen. Das lief immer nebenher. Dadurch habe ich mich nie nur über den Fußball definiert, obwohl er natürlich mein Leben ist und mich stark geprägt hat. Zudem hatte ich das Glück, dass ich nach dem Ende meiner Karriere mit 37 Jahren sofort bei Sturm Graz als Nachwuchsleiter und Akademietrainer angestellt wurde. So ein Übergang ins Leben nach der Karriere ist nicht selbstverständlich.

Was hat Sie an der Linguistik gereizt?
Ich war sehr spracheninteressiert und inskribierte zuerst Spanisch. Wegen der Anwesenheitspflicht in der Sprachausbildung war das neben dem Fußball aber nach zwei Semestern nicht mehr machbar. Ich suchte etwas Flexibleres, das zu meinen Interessen passte und stieß auf die Linguistik. Das war anfangs ein Kombinationsstudium, wurde nach der Jahrtausendwende aber zum Einzelstudium. Durch meine bis dahin absolvierten Kurse hatte ich den ersten Abschnitt quasi schon fertig und habe danach zielgerichtet den zweiten Teil absolviert.
Seit über zwei Jahrzehnten engagieren Sie sich ehrenamtlich als Teamchef der österreichischen Obdachlosen-Nationalmannschaft, die regelmäßig am Homeless World Cup teilnimmt. Wie kam es dazu?
Das Projekt startete in Graz im Rahmen der Kulturhauptstadt 2003. Das Street-Soccer-Turnier am Hauptplatz war ein Riesenerfolg und Österreich wurde sogar Weltmeister. Für das Folgejahr in Göteborg suchte der Organisator eine im Fußball bekanntere Person als Trainer. Das war 2004 – und seitdem engagiere ich mich jedes Jahr ehrenamtlich dafür. 2017 bekam ich dafür den Menschenrechtspreis der Stadt Graz verliehen. Mittlerweile ist der Homeless World Cup das mit Abstand größte Fußballsozialprojekt der Welt.
Sie sagten einmal, dass es dabei nicht nur um Fußball geht. Sondern?
Die Voraussetzungen, die die Teilnehmer für den Homeless World Cup mitbringen müssen, sind nicht besonders erfreulich. Das Ziel ist es, dass sie durch die Teilnahme, die nur einmal im Leben möglich ist, so viel Motivation für ihr Leben schöpfen, um es wieder in andere Bahnen zu lenken.
Sie kennen die Glitzerwelt des Fußballs und engagieren sich nun für Menschen in Existenznot. Warum investieren Sie Ihre Zeit hier und spenden nicht einfach Geld?
Bei Spenden fragt man sich oft, ob das Geld wirklich sinnvoll ankommt oder wie viel davon in irgendwelchen Kanälen verschwindet. Beim Homeless World Cup zahle ich nichts, sondern stelle meine Zeit zur Verfügung. Ich mache das seit über 20 Jahren ehrenamtlich und leiste damit meinen sozialen Dienst an der Menschheit.
Im Vorjahr wechselten Sie als neuer Assistenztrainer zum Damen-Nationalteam. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, nach vielen Jahren im Männer-Nachwuchs nun im absoluten Spitzenbereich des Frauenfußballs mitzuarbeiten?
Ich wollte nach langer Zeit im Nachwuchs endlich im Erwachsenenbereich Fuß fassen und hatte ich mich sogar als Cheftrainer beworben. Als Assistent habe ich dann die Nations League A erfolgreich absolviert. Die Kombination war allerdings nicht ideal, da ich als Assistenztrainer des Frauen-A-Nationalteams (!) beim ÖFB keine feste Anstellung hatte und parallel hauptberuflich in der Akademie in Hartberg arbeiten musste. Dennoch war es ein tolles Gefühl, wieder im internationalen Geschäft und im Erwachsenenfußball dabei zu sein.
Zur Person
Gilbert Prilasnig (53) wuchs in St. Jakob bei Haimburg in der Stadtgemeinde Völkermarkt auf. Nach der Volksschule in St. Peter am Wallersberg absolvierte er das Alpen-Adria-Gymnasium in Völkermarkt, wo er 1991 maturierte. Im selben Jahr wechselte er vom VST Völkermarkt als Fußballprofi zu Sturm Graz, wo er bis 2001 spielte. In dieser Zeit feierte er seine größten Erfolge mit zwei Meistertiteln, drei Cupsiegen und der dreimaligen Champions-League-Teilnahme. Seit dem Ende seiner Karriere arbeitet der studierte Linguist als Trainer – zuletzt nach vielen Jahren im Nachwuchsfußball bei unter anderem Sturm Graz auch kurz als Co-Trainer des österreichischen Nationalteams der Frauen. Prilasnig lebt mit seiner Freundin Katharina, Tochter Emilia (18) und Sohn Jonas (15) in einer Lebensgemeinschaft in Graz.
Wie beurteilen Sie die Wertigkeit des Frauenfußballs in Österreich im Vergleich zum Herrenfußball?
In Österreich wird der Frauenfußball im Vergleich zu anderen Ländern noch sehr gering bewertet. Das spiegelt sich auch bei den Zuschauerzahlen wider. Bei unserem Spiel in Deutschland hatten wir 25.000 Zuschauer – dort zieht das Frauenteam genauso viele Fans an wie die Männer. Auch in Holland ist das Interesse riesig. In Österreich kommen dagegen nur 2.000 bis 3.000 Zuschauer zu einem Länderspiel. Durch den höheren Stellenwert in manchen Ländern erhalten die Mädchen dort auch eine deutlich bessere fußballerische Ausbildung.
Was müsste sich maßgeblich ändern?
Man kann an vielen Schrauben drehen, auch die Medien sind gefordert. In Graz wird zum Beispiel viel über die Stadionfrage diskutiert, aber alle reden nur von einem Stadion für die Herren von Sturm und GAK. Die Sturm-Frauen mussten für ihr Europacup-Spiel gegen Ajax Amsterdam nach Schwanberg (!) ausweichen. Auch der GAK hat ein Frauenteam, das bald mal aufsteigen könnte. In Zukunft haben wir vielleicht zwei Grazer Frauenteams, die auch ein Stadion verdienen würden. In den Zeitungen liest man darüber aber leider nichts.
Verfolgen Sie den Fußball in Kärnten auch mit?
Der WAC ist eine absolute Erfolgsgeschichte für den Kärntner Fußball. Da bin ich schon sehr zufrieden, dass es so einen erfolgreichen Verein in Kärnten gibt, der jetzt schon seit vielen Jahren aus der Bundesliga nicht mehr wegzudenken ist.
Sie suchen derzeit einen neuen Trainerjob. Würde es Sie reizen, den WAC zu trainieren?
Ja klar. Ich habe auch schon versucht, dort anzudocken, was mir bis jetzt leider nicht gelungen ist.