Frauenhass ist die neue Waffe der Extremisten
Islamisten und Rechtsextremisten fluten das Netz mit Hass auf Frauen, „um zu radikalisieren“, warnen Staatssekretär Leichtfried und die Antidiskriminierungsstelle.

Der Verfassungsschutzbericht 2025 hat stark steigende Zahlen bei rechtsextremen und islamistisch motivierten Delikten festgestellt. Das und eine Radikalisierung im Netz, die immer jüngere Menschen erfasst, beschäftigen Österreichs Verfassungsschützer zunehmend, bestätigte der zuständige Staatssekretär Jörg Leichtfried (SPÖ) am Montag in der steirischen Antidiskriminierungsstelle in Graz. Gemeinsam mit deren Leiterin Daniela Grabovac fokussierte er auf eine „neue Waffe“ der Radikalisierung, zu der Islamisten und Rechtsextreme aktuell gleichermaßen greifen: Sie attackieren die liberalen, westlichen Demokratien, indem sie das Netz mit Frauenhass fluten und diesen wieder salonfähig machen.
„Der Frauenhass ist das Einfallstor für extremistische Tendenzen“, warnt Leichtfried. Der gemeinsame Nenner: Man richte sich gegen eine pluralistische Gesellschaft, verherrliche patriarchale Weltbilder und Gewalt. „Journalistinnen und Politikerinnen werden im Netz persönlich attackiert. Wenn Journalistinnen abwägen beginnen müssen, was sie schreiben, Politikerinnen, was sie im Plenum des Nationalrats sagen, dann ist das eine Bedrohung für unsere Demokratie.“
Vom Herrenwitz zum Frauenhass
Es beginne im Netz vielfach mit vermeintlich lustigen Memes, erzählt Grabovac: „Zur Fußball-WM machte eines der Bilder die Runde: Eine Frau kniet vor dem Mann und dem TV, er hat auf ihrem Rücken sein Menü stehen. Der Satz dazu: Die WM kann beginnen.“ Doch es bleibt nicht bei abgeschmackten Herrenwitzen: „In Brasilien ging ein Posting eines Burschen viral, der erzählte, er habe die Frau geschlagen, bis sie ihm hörig gewesen sei.“

Längst hat sich im Internet eine Manosphere manifestiert: Foren, Blogger und Social-Media-Kanäle, die ein stark antifeministisches, patriarchales Weltbild forcieren. Die Erzählung erreiche immer mehr Männer, die frustriert sind, etwa nach einer Scheidung, oder weil sie Frauen am Weg zur Gleichberechtigung bereits als überprivilegiert sehen würden, beschreibt Grabovac die Trends. Das Wunschbild sei klar: Der Alphamann soll wieder seine Rolle als starker Versorger einnehmen, die Frau sich daheim um die Familie kümmern. Auch hier treffen sich Islamisten und Rechtsextreme laut der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle: „Einmal um ihren religiösen Pflichten nachzukommen und möglichst viele IS-Kämpfer zu gebären. Oder das andere Mal, um möglichst viele Kinder zu bekommen, damit die weiße Rasse erhalten bleibt.“
Starker Mann, schwaches Geschlecht
Gegen die verlorene Männlichkeit werden Bilder des starken Geschlechts in Stellung gebracht. Die Trends: Muskelaufbau mit Eiweißshakes, Burschen schlagen sich selbst, um mit Narben und nach Knochenbrüchen härter auszusehen, ja selbst in der Pornografie würden aktuell immer öfter Vergewaltigungsszenen mit unterworfenen Frauen auftauchen, warnt Grabovac. Die Leipziger Autoritarismusstudie habe schon 2022 eine alarmierende Statistik vorgelegt: „Jeder vierte Mann und jede zehnte Frau hatten ein geschlossen antifeministisches Weltbild.“ Die andere Seite derselben Medaille ist der ebenfalls immer stärkere Trend zu den Tradwives. Hier feiern Influencerinnen im Netz die brave Hausfrau, die daheim bleibt, die Kinder aufzieht und Kuchen backt, um ihrem erfolgreichen Mann den Rücken freizuhalten. Das große Fragezeichen in der Debatte, so Grabovac: „Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Lifestyle-Geschäftsmodell auch mit dem Geld von Extremisten befeuert wird.“
Leichtfried weiß, womit es die Verfassungsschützer zu tun haben: „Die Radikalisierung greift immer früher. Sie beginnt im Netz schon bei den Elf- und Zwölfjährigen. Mit 14 und 15 Jahren werden sie dann schon zu potenziellen Tätern in der analogen Welt.“ In den letzten zwei, drei Jahren habe der Verfassungsschutz schon mehr als zehn Attentatsversuche vereitelt. Besagte Burschen wachsen mit dem propagierten Frauenhass auf. Es gebe im Ausland eigene Radikalisierungscenter, die dezidiert Österreichs Jugendliche in den Fokus nehmen. Die Hochrisikogefährder seien inzwischen schon sechs bis sieben Jahre jünger als in der Vergangenheit.
Social-Media-Verbot, Fußfessel für Gefährder, Algorithmen-Kontrolle
Was es braucht, um Radikalisierungstendenzen und potenzielle Gefährder zu entschärfen, weiß der Staatssekretär auch: Der erste Schritt war die Verschärfung des Waffengesetzes, der zweite Schritt ist die Messenger-Überwachung der verschlüsselten Kommunikation vor Anschlagsversuchen, das geplante Social-Media-Verbot für Minderjährige sei wichtig, auch die Fußfessel für Gefährder sieht er als sinnvoll an. „Und wir brauchen ein EU-Gesetz, dass es uns ermöglicht Algorithmen mit antidmokratischen Tendenzen zu kontrollieren.“
