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So bringt man Kindern in schweren Zeiten Zuversicht bei

Interview. Karina Beigelzimer ist Deutsch-Lehrerin in Odessa in der Ukraine. Wie hilft man Kindern, ihren Weg zu gehen, wenn Krieg herrscht? „Ich versuche ihnen zu vermitteln: Wir gehen da gemeinsam durch,“ erzählt sie.

Karina Beigelzimer, Lehrerin in Odessa
© KK
„Ich bin sehr stolz auf meine Schülerinnen und Schüler“: Karina Beigelzimer, Lehrerin in Odessa, wo seit mehr als vier Jahren Krieg herrscht
Nina Koren
Ressortleiterin Außenpolitik & International

Sie haben eine der schwierigsten Aufgaben der Welt: Sie unterrichten junge Menschen in einem Land, in dem Krieg herrscht, in deutscher Sprache und haben viel Erfolg dabei. Wie macht man das? Wie hält man durch?

KARINA BEIGELZIMER: Ja, es ist nicht einfach zu unterrichten, wenn man täglich, und derzeit sogar stündlich, Raketen- und Drohnenalarm hat. Zugleich freue ich mich einfach, wenn ich sehe, wie gut meine Schülerinnen und Schüler die Sprache sprechen, und wie sehr sie sich Mühe geben, zu lernen – unter diesen schwierigen Bedingungen. Andere würden vielleicht sagen, sie können sich nicht konzentrieren. Aber ich sehe, diese jungen Leute wollen etwas erreichen. Die Schule ist ein großer Teil meines Lebens, doch nichts hat sie so verändert wie der Krieg.

Wie viele Schüler unterrichten Sie derzeit?

Vor dem Krieg hatten wir an unserer Schule ungefähr 1200 Schülerinnen und Schüler. Heute sind es etwa 600, also nur noch die Hälfte. Manche Kinder lernen online, einige davon leben noch in der Ukraine, manche im Ausland. Hinter jeder Zahl steht eine Familie, eine persönliche Geschichte und oft auch eine schmerzhafte Entscheidung. Wir versuchen den Schülern, die geblieben sind, trotz allem ein Gefühl von Gemeinschaft und Stabilität zu geben.

Wie muss man sich den Unterricht derzeit praktisch vorstellen?

Wenn eine Luftalarmsirene ertönt, müssen wir den Unterricht unterbrechen. Die Kinder und Jugendlichen müssen sich in Sicherheit bringen. Danach versucht man, wieder in den Unterricht zurückzukehren. Manchmal passiert das mehrmals am Tag. Es gibt Tage, an denen man mehrere Stunden relativ normal unterrichten kann. Und es gibt Tage, an denen der Unterricht ständig durch Alarme, Explosionen oder die Folgen eines Angriffs unterbrochen wird. Das Schwierige ist nicht nur die Unterbrechung selbst. Es ist auch die psychische Belastung. Man sitzt im Unterricht und erklärt eine Grammatikregel. Gleichzeitig weiß man, dass irgendwo Raketen oder Drohnen unterwegs sein können. Diese Realität verschwindet nicht einfach, nur weil man gerade ein Schulbuch geöffnet hat. Wir müssen in einer Situation ruhig handeln, in der wir selbst Angst haben. Das ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben: Die Schüler schauen dich an und erwarten, dass du ihnen Sicherheit gibst. Doch manchmal stehst du selbst vor der Ungewissheit, was als Nächstes kommt. Trotzdem darfst du nicht zögern. Du musst handeln.

Wie gibt man Kindern in schwierigen Zeiten, in einem Krieg, Zuversicht und Halt?

Ich glaube, dass man Kindern in erster Linie das Gefühl geben muss: Du bist nicht allein. Man kann den Krieg nicht wegreden. Man kann nicht so tun, als wäre alles normal. Unsere Schülerinnen und Schüler hören die Sirenen, sie erleben Angriffe, sie haben Angst um ihre Familien und ihre Zukunft. Manche haben Angehörige verloren. Manche leben seit Jahren mit einer Angst, die eigentlich kein Kind und kein Jugendlicher erleben sollte. Aber die Schule kann ein Ort sein, an dem sie für einige Stunden einfach lernen, lachen, diskutieren und Pläne machen können.

Was bedeutet Zuversicht für Sie in dieser Situation?

Ich versuche, den Kindern keine falsche Hoffnung zu geben. Ich sage nicht einfach: „Alles wird bestimmt gut.“ Das wäre nicht ehrlich. Zuversicht bedeutet: Wir wissen nicht genau, was kommt. Aber wir gehen da gemeinsam durch, wir gehen gemeinsam weiter. Du hast Fähigkeiten. Du bist nicht hilflos. Deine Zukunft ist nicht vorbei. Und manchmal bedeutet Zuversicht auch ganz einfach, dass eine Lehrerin da ist und sagt: „Ich sehe dich. Ich weiß, dass es schwer ist. Und ich bin jetzt hier.“

Sind Sie derzeit in der Schule in erster Linie Seelentrösterin?

Manchmal. Aber ich glaube, dass die schulischen Inhalte selbst eine wichtige psychologische Funktion haben. Wenn ein Kind eine Aufgabe löst, einen Text versteht oder eine gute Diskussion führt, erlebt es: „Ich kann etwas. Ich kann lernen. Ich kann mich entwickeln.“ Das ist im Krieg oder einer Krise sehr wichtig. Natürlich gibt es Tage, an denen man nicht einfach mit dem Unterricht beginnen kann. Wenn die Kinder in der Nacht kaum geschlafen haben oder gerade ein Angriff stattgefunden hat, kann man nicht sagen: „So, und jetzt öffnen wir das Lehrbuch auf Seite 54.“ Manchmal muss man zuerst fragen: „Wie geht es euch? Was habt ihr erlebt?“ Und manchmal ist es auch richtig, für eine Weile über etwas ganz anderes zu sprechen. Über Musik. Über Filme. Über Bücher. Über Zukunftspläne oder ganz banale Dinge. Normalität ist in einer solchen Situation keine Nebensache. Normalität ist ein Stück Stabilität.

Wie helfen Sie sich selbst und den Kindern mit der Angst?

Ich sage ihnen nicht: „Habt keine Angst.“ Das wäre unrealistisch. Angst in einer gefährlichen Situation ist eine normale menschliche Reaktion. Wir sprechen darüber, was uns hilft und was wir konkret tun können. Wir wissen, wohin wir gehen müssen, wenn der Alarm ertönt. Wir kennen die Regeln. Dieses Wissen gibt zumindest ein kleines Gefühl von Kontrolle. Und wir versuchen, nicht nur über Krieg zu sprechen. Wir lachen. Wir machen Witze. Wenn Menschen trotz allem lachen können, bedeutet das nicht, dass sie den Krieg vergessen haben. Es bedeutet, dass der Krieg ihnen nicht alles genommen hat.

Haben Sie bei Ihren Schülern Seiten entdeckt, die Ihnen vorher noch nicht bekannt waren?

Ja, sehr viele. Ich habe bei ihnen eine unglaubliche Fähigkeit zur Anpassung und zur gegenseitigen Unterstützung erlebt. Sie sind oft viel stärker, als man denkt. Manche Kinder, die früher eher still waren, übernehmen plötzlich Verantwortung. Zum Beispiel kümmern sie sich besonders um ein Mädchen in der Klasse, dessen Vater an der Front ist, damit sie sich nicht so alleine fühlt. Oder sie haben, als bei einer Schülerin im Haus eine Drohne eingeschlagen hatte, Geld gesammelt, um die Wohnung zu reparieren. Und ich habe auch bei mir selbst Kräfte entdeckt, von denen ich früher nicht wusste, dass ich sie habe. Als Lehrerin muss man oft einfach weitermachen. Man steht morgens auf, geht in die Schule und unterrichtet. Weil andere Menschen auf einen zählen. Auch das ist eine Form von Widerstand.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Für mich ist es besonders wichtig, meine Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden. Dass sie trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgegeben haben, macht mich sehr stolz. Fünf von ihnen werden in Wien und Graz studieren, einige andere in Deutschland. Ein Beispiel ist Oleksii, den ich seit der ersten Klasse unterrichte. Ich habe ihn von Anfang an beim Deutschlernen begleitet und ihn bis zur C1-Prüfung unterstützt, die er erfolgreich abgelegt hat. Heute eröffnet er selbst eine Sprachschule. Damit möchte er nicht nur anderen beim Deutschlernen helfen, sondern auch Geld für sein Studium in Österreich verdienen. Das macht mich besonders stolz. Julia, die sich am Anfang des Krieges viel um ihren kleinen Bruder kümmern musste, weil beide Eltern beim Militär waren, hat ein Stipendium an der Viadrina-Universität in Frankfurt erhalten und wird Wirtschaft studieren. Es ist natürlich traurig, sie gehen zu lassen, aber es ist zugleich eine große Freude: Das sind gut ausgebildete junge Leute, die fließend Deutsch sprechen. Ich hoffe, dass eines Tages einige von ihnen zurückkommen werden.

Was ist Ihnen wichtig, den Schülern für ihre Zukunft mitzugeben?

Der Krieg versucht, den Menschen die Vorstellung von Zukunft zu nehmen. Aber Zukunft ist etwas, das wir uns immer wieder zurückholen müssen. Ich möchte, dass meine Schülerinnen und Schüler neugierig bleiben. Dass sie Sprachen lernen, kritisch denken und die Welt kennenlernen. Dass sie nicht in Hass und Angst gefangen bleiben. Ich möchte ihnen auch sagen: Ihr müsst nicht nur überleben. Ihr dürft leben. Ihr dürft Pläne machen. Ihr dürft glücklich sein. Das empfinde ich heute als besonders wichtig. Denn manchmal entsteht der Eindruck, dass man während eines Krieges kein Recht auf Glück hat. Aber das stimmt nicht. Natürlich ist es schwierig, wenn man ständig mit schrecklichen Nachrichten konfrontiert ist. Aber man muss sich trotz allem dem Leben zuwenden. Wir freuen uns auch über Dinge, die anderen selbstverständlich sind: wenn wir in Ruhe, ohne Unterbrechung schlafen können. Oder in Ruhe einen Kaffee trinken und in dem Moment das Leben genießen. Glücklich zu sein, trotz des Krieges: Auch das ist Widerstand.

Karina Beigelzimer und ihre Schülerinnen und Schüler mit ihren Diplomen
© KK
Karina Beigelzimer und ihre Schülerinnen und Schüler mit ihren Diplomen

Zur Person

Karina Beigelzimer, geboren in Odessa, ist seit 28 Jahren Lehrerin in ihrer Heimatstadt. Sie hat Germanistik studiert, unterrichtet Deutsch und Kulturkunde und bereitet ihre Schülerinnen und Schüler unter anderem auf das Deutsche Sprachdiplom DSD II vor. Karina Beigelzimer arbeitet zudem als Journalistin und ist Kolumnistin der „Kleinen Zeitung“.