Osttirols Römerstadt zeigte wieder, was in ihr steckt
In Aguntum wurde fleißig gegraben. Zutage fördern konnte man weitere Mauern sowie mehr Münzen denn je. Und ein Skelett war auch dabei.
Seit fünf Jahren leitet Martin Auer die Ausgrabungen in Aguntum. „Es ist ein Ort, an dem Jahr für Jahr aktiv geforscht und gegraben wird“, erklärt der Archäologe von der Uni Innsbruck das Alleinstellungsmerkmal der einzigen Römerstadt Tirols. „So erhalten wir immer wieder neue Erkenntnisse über das römische Leben in Osttirol.“ Auers Team bestand heuer aus 40 Helferinnen und Helfern: Archäologen, Studierende sowie Volunteers aus Österreich, Deutschland, Polen, den USA und Kanada. Die Grabungen begannen Ende Juni und werden nun abgeschlossen.
Die Römer heizten fortschrittlich
Im Mittelpunkt stand wie im Vorjahr das Areal des Forums. Anschließend an das heute zum größten Teil vom Debantbach überlagerte, einstige Verwaltungszentrum, konnte vor einem Jahr ein Versammlungsraum entdeckt werden. Dieser besaß zur Überraschung der Archäologen eine 360 Quadratmeter große Fußbodenheizung. Heuer konzentrierte man sich auf die Lokalisierung der Heizräume, um deren Funktionsweise besser zu verstehen.
Ein weiterer Fokus lag auf der Thermenanlage. Diese wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren freigelegt, jedoch ließ man damals die Umgebung der Thermen weitgehend unerforscht. Zudem wurden die Grabungen teils nur oberflächlich dokumentiert. Hier stehen die Arbeiten laut Auer erst am Beginn. Es wurden aber bereits neue Mauerzüge und Gebäudeteile festgestellt, die in den kommenden Jahren weiter untersucht werden.
Plötzlich fand man ein Skelett
Und Aguntum gab auch heuer wieder Geheimnisse preis. So stieß man zwischen Mauerresten auf eine Bestattung – samt Skelett. Laut Auer dürfte es sich um eine sogenannte Ruinenbestattung des frühen Mittelalters handeln. Damals wurden die Überreste Aguntums als Grabstätte genutzt. Auch fand das Grabungsteam erstaunlich viele Münzen. Es waren 30 an der Zahl, sonst kam man pro Jahr nur auf rund zehn. Die Überreste einer Reiterstatue aus Bronze wurden ebenfalls freigelegt. Auer: „Die war offenbar bereits zum Einschmelzen zerlegt und bereitgelegt worden.“
Die Funde zeigen, dass es den schätzungsweise 5000 bis 10.000 Menschen in Aguntum wohl ganz gut ging. So trieb man regen Handel mit dem Mittelmeerraum. Amphoren und Geschirr aus Italien, Kleinasien und Nordafrika belegen die Anbindung an die Häfen von Triest und Aquileia. Im Gegenzug wurden Bergkristalle in Richtung Süden exportiert. Diese wurden in Aguntum geprüft und grob vorbearbeitet. Vor allem reine Kristalle, in römischen Schriftquellen „Eis der Götter“ genannt, sorgten für Wohlstand. Überhaupt ist Auer vom „südlichen Flair“ immer wieder erstaunt: „Die Architektur ist bemerkenswert. Trotz der alpinen Lage ist Aguntum stark mediterran geprägt – das belegt etwa das Atriumhaus mit offenem Innenhof, wie man es aus Pompeji kennt.“
Museumsdirektor: „Eine Sensation“
Die Funde und Erkenntnisse begeistern auch Andreas Rudigier, Direktor der Tiroler Landesmuseen (TLM), in die Aguntum jüngst eingegliedert wurde. „Dass wir eine der größten bekannten Fußbodenheizungen der römischen Welt vorzuweisen haben, ist eine Sensation. Die weiteren Funde und Bauten, von der Thermenanlage bis zum Luxusgut Bergkristall, unterstreichen den Stellenwert der Handelsstadt Aguntum zur Zeit ihrer Hochblüte.“
Rästelhaft bleibt weiterhin die wahre Größe. Auer: „Wir haben nur fragmentarischen Kenntnisse der Bebauung außerhalb des archäologischen Parks.“ Geophysikalische Messungen auf den umliegenden Feldern sollen nun Informationen liefern, ohne dass die Ausgrabungen dorthin ausgedehnt werden müssen. „Wir gehen davon aus, dass wir im Park selbst maximal zehn Prozent der antiken Stadt sehen können“, so der Experte abschließend.
