Dürre bringt "Schock", der mehr Bodenschutz bringen sollte
Seit fast zwei Jahrzehnten führen Forschende um den Ökologen Michael Bahn Experimente durch, bei denen Pflanzen und Böden künstlich unter Trockenstress kommen. "Es ist ein wenig ein Schock für uns, dass die Szenarien, die wir in Richtung der nächsten Jahrzehnte getestet haben, jetzt bereits in dieser Deutlichkeit eintreten", sagte Bahn zur APA. Über die Langzeitfolgen solcher Episoden gelte es noch viel herauszufinden.

Monatelang macht die Kombination aus sehr wenig Niederschlag und enormer Hitze dem Land schon zu schaffen, das man früher so gerne als "Wasserschloss Österreich" bezeichnet hat. Dass eine Dürre wie aktuell eintritt, sei zwar alles in allem klimawandelbedingt "nicht überraschend", die Geschwindigkeit des Eintreffens negativer Prognosen aber "erschreckend", so der Wissenschafter vom Institut für Ökologie und Leiter der Forschungsgruppe "Funktionelle Ökologie" an der Universität Innsbruck.
Im Zuge der Temperaturerhöhung nehmen Extremereignisse wie Dürren insgesamt zu. Genau die untersuchen die Ökologen in Versuchen mit überdachten Flächen etwa auf Almen im Tiroler Stubaital oder an der Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein in der Steiermark.
Über die Erkenntnisse daraus berichtet man regelmäßig in renommierten Fachjournalen wie "Nature" oder "Science". Jetzt - nach Hitzerekorden, Rekordverdunstung und kaum Regen - gleichen viele Flächen im Land jenen in den Dürreexperimenten. Neben den offensichtlichen Folgen, nämlich den markanten Einbußen im Ackerbau - die Hagelversicherung meldete am Montag einen Gesamtschaden in der Landwirtschaft von rund einer Milliarde Euro -, den teilweise notwendigen frühen Almabtrieben und dem Futtermangel in der Viehzucht, stellt sich die Frage nach "Folgewirkungen für die Böden", betonte Bahn.
So zeigte man bereits in Studien, dass wiederkehrende Dürren längerfristig die Fähigkeit von Böden, Wasser zu halten, vermindern können. Ebenso ändern sich die Artengemeinschaften im Pflanzenbestand und im Boden. So sieht man einerseits, dass unmittelbar nach solchen Episoden eben hitze- und dürreresistente Pflanzenarten dominanter werden. "Aber auch in weiterer Folge gibt es Konsequenzen. Wir sprechen hier vom 'Bodengedächtnis'", so der Wissenschafter. Er konnte mit seinen Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass sich unterschiedlich starke Dürreereignisse auf die Zusammensetzung und die Netzwerke von Mikroorganismen im Boden unterschiedlich auswirkten. Diese wiederum beeinflussten in der Folge die Fähigkeit von Pflanzen, einer neuen Dürre zu widerstehen bzw. sich von ihr zu erholen.
Unter welchen Umständen und in welchen Regionen kritische Schwellenwerte erreicht werden, bei denen sich Pflanzen und Böden kaum oder gar nicht mehr von extremen Dürren erholen, gelte es noch herauszufinden. Entscheidend sei dabei einerseits die Wetterdynamik, da der Zeitpunkt, die Dauer und die Intensität von Dürreperioden für die Ökosysteme eine zentrale Rolle spielen. Hitzewellen beschleunigen das Auftreten von Dürren, die die kühlende Wasserdampfabgabe von Ökosystemen verringern und somit wiederum die Hitze zusätzlich verstärken. Andererseits spielen auch die Bodenbeschaffenheit sowie die Artenzusammensetzung und die Artenvielfalt eine wichtige Rolle.
Dementsprechend kann auch mit Änderungen in der Bewirtschaftung von Böden manches abgefedert werden. Maßnahmen, die den Aufbau und den Schutz von organischer Substanz - sprich Humus - fördern, sind vor allem auch wichtig für den Klimaschutz, erklärte Bahn. Der Humus bindet den Kohlenstoff im Boden und verhindert somit, dass dieser als Bestandteil von Treibhausgasen in die Luft gelangt. "Böden sind der größte Kohlenstoffspeicher, den wir haben - Bodenschutz ist Klimaschutz", betont der Ökologe. Dafür brauche es mehr Bewusstsein. Zugleich ist der Humus auch für die Nährstoffversorgung und die Wasserspeicherung in Böden zentral.
"Unsere Forschung hat auch gezeigt, dass wiederkehrende extreme Dürren die Porenverteilung im Boden verändern können, was dazu führt, dass die Pflanzen weniger gut auf das Bodenwasser zugreifen können", erklärte Bahn: "Deshalb ist es nicht nur hinsichtlich des landwirtschaftlichen Ertrags sondern auch hinsichtlich einer Verminderung der Auswirkung künftiger Dürren sinnvoll, bei extremer Trockenheit zu bewässern, so dies im Spannungsfeld mit anderen Sektoren wie der Wasserwirtschaft möglich ist." Wie man also mit Wasser künftig umgeht, müsse das diesbezüglich so lange so verwöhnte Österreich noch lernen.
(S E R V I C E - https://www.uibk.ac.at/de/ecology/ )