Daniel Tschofenig: „Früher haben sich Dinge wie ein Weltuntergang angefühlt“
Bei beiden Sommer-GP-Bewerben in Frankreich war ÖSV-Adler Daniel Tschofenig (24) nicht zu schlagen. Nach einem verletzungsfreien Sommer wartet noch einiges an Tüftelei.

Was war für Sie in Frankreich schwieriger: zweimal zu gewinnen – oder nach dem ersten Sieg bei null anzufangen?
DANIEL TSCHOFENIG: Das ist eine gute Frage. Das Starterfeld war ziemlich stark, dazu kommen die starken Athleten im eigenen Team. Dass ‚Krafti‘ performen wird, wusste ich, und auch, dass ich im Augenblick auf einem guten Niveau springe. Aber was die Konkurrenz macht, weiß man in der Phase nie ganz genau. Mit zwei Siegen hätte ich jedenfalls nicht gerechnet.
Vor zwei Jahren waren Sie kein Fan des Sommer-Grand-Prix. Hat sich Ihre Meinung geändert?
Nicht wirklich (lacht). Ich finde es cool, einen Vergleich zu haben, aber für mich hat der Sommer-Grand-Prix nicht die höchste Priorität – er kommt einfach zur falschen Zeit im Jahr. Das Wochenende in Courchevel war aber trotzdem sehr lässig, weil es mit einer zusätzlichen Flugshow auch für die Zuschauer viel zu bieten hatte. Die rund 25 Grad und die extreme Schwüle haben es teilweise aber nicht leicht gemacht.
War das für Sie eine erste Standortbestimmung?
Ja. Für mehr ist es noch viel zu früh. Wir haben mehr als drei Monate bis zum Winterstart. Aber es ist gut zu wissen, wo man steht. Jetzt heißt es, die Zeit zum Tüfteln zu nutzen, denn ich will noch um einiges stärker werden.
In den letzten beiden Jahren sind Sie nicht verletzungsfrei durch den Sommer gekommen. Heuer lief aber alles nach Plan?
Bis jetzt ist alles nach Wunsch verlaufen. Ich muss aber auch zugeben, dass ich in gewisser Hinsicht genau darauf achte, dass nichts passiert.
Man ist also doch etwas vorsichtiger, wenn man Vorbereitungen anders erlebt hat oder auch mitbekommt, dass sich Johannes Lamparter verletzt hat?
Springerisch würde ich sagen nein, weil du gewisse Dinge oft gar nicht selbst in der Hand hast. Es kann immer etwas passieren, so schnell kann man manchmal gar nicht schauen – und dem sind wir uns alle bewusst. Beim Krafttraining passe ich hingegen wirklich auf, keinen Blödsinn zu machen. Da bin ich nach meiner Historie garantiert vorsichtiger geworden und gestalte gewisse Abläufe zum Formaufbau bedachter.
Haben Sie in der Vorbereitung Dinge verändert, adaptiert?
Es war heuer entspannter, weil ich im Sommer einmal nicht pausieren musste. Ich konnte vieles erledigen, was ich in den vergangenen beiden Jahren erst im Herbst angehen konnte. Das ist für mich ein gutes Zeichen. Ich habe außerdem einiges in die Flugsymmetrie investiert, damit sie mich nicht mehr einschränkt. Einen speziellen Fokus hatte ich aber nicht.
Wo ist Skispringen eigentlich am heikelsten?
Wahrscheinlich beim Absprung. Da hast du am wenigsten Zeit, er passiert innerhalb von Millisekunden. Genau da Fehler auszumerzen, ist nicht einfach. Aber auch der Flug ist nicht ohne, obwohl er oft leicht aussieht. Das System ist extrem sensibel. Wenn es aus der Balance kommt, geht es nur in kleinen Schritten voran.
Sie wirken von Jahr zu Jahr lockerer. Der Eindruck täuscht nicht, oder?
Nein, das stimmt. Das liegt wohl am Alter (lacht). Dinge, die sich vor ein paar Jahren wie ein Weltuntergang angefühlt haben, sieht man als normal an. Da kann ich eigentlich nur das Wort ‚lernen‘ hervorheben. Denn wenn man glaubt, schon alles zu wissen, geht es meistens schief.
Was kann Sie auf der Schanze noch aus dem Konzept bringen?
Eher unerwartete Dinge: Wenn etwas mit dem Material nicht stimmt, wenn ich oben angekommen bin, schnelle Witterungsveränderungen oder sehr lange Wartezeiten. Sie bringen mich mittlerweile aber nicht mehr aus der Fassung, sind aber teilweise unangenehm.
Worüber können Sie sich so richtig ärgern?
Nach wie vor, wenn jemand laut kaut. Das ist so schlimm.
Gibt es jemanden im österreichischen Team?
Nein, zum Glück nicht. Der hätte es sonst längst schon zu hören bekommen (lacht).
Welchen Rat haben Sie bekommen, den Sie nicht vergessen?
Man hört vieles und mischt sich am Ende daraus etwas zusammen. Ich habe nicht das Gefühl, dass man mit einem einzigen Ratschlag leben sollte oder muss. Ich nehme mir gern stückweise das heraus, was zu mir passt. Damit lebe ich ganz gut.
Sie sind stark drauf und ihre Freundin Alex Loutitt kehrt auch langsam zurück auf die Schanze.
Ja, Alex und dem Knie geht es gut. Es gibt keine Schwellung mehr, keine Schmerzen oder gröbere Nachwirkungen. Bis sie wieder normal springen kann, dauert es aber noch ein paar Wochen. Eine 20-Meter-Schanze hat sie bereits getestet.
Sie waren im Sommer einige Wochen in Kanada. Was gibt Ihnen so eine Auszeit?
Viel. Der Winter ist intensiv und auch der Sommer mit den Kursen. Wenn es gut läuft, ist es lässig, wegzukommen und alles sacken zu lassen. Und wenn es schlecht läuft, kann man die Dinge für sich selbst aufarbeiten und hoffentlich beseitigen.


