Warum der Villacher Kirchtag eine Brauchtumsbaustelle ist

Eine gewisse Amüsement-Garantie liegt in der Natur jedes Volksfestes. In Villach ist man da besonders konsequent.
Bitte recht freundlich! Villach hat sich hübsch gemacht und den Helm aufgesetzt. Heute, Sonntag, beginnt der Kirchtag. Das Zentrum der 66.000-Einwohner-Stadt wird wieder zur Kulisse für eine bunte Mischung, die man früher stolz das größte Brauchtumsfest Österreichs genannt hat. Mittlerweile gibt es in Graz das „Aufsteirern“, im Innviertel ein „Woodstock der Blasmusik“ und in einer gut versperrten Schublade in Villach eine anhand von Handydaten erstellte, unveröffentlichte Besucherzählung. „Tausende“ werden es bis einschließlich kommenden Sonntag aber jedenfalls sein, die meisten in Tracht, jung und alt (Menschen wie Trachten), ein Cocktail aus Tradition und Zeitgeist.
Cocktails sind und bleiben eine Geschmacksfrage. Auch die vor 25 Jahren gestartete, damals erfolgreiche und oftmals kopierte Qualitätsoffensive, um den Villacher Kirchtag nicht als „Festa della birra“ absaufen zu lassen, hat nicht jedem gefallen. Seit einigen Jahren schlägt das Pendel aber ohnehin wieder in Richtung Kommerz aus. Der Veranstalter, eine Tochterfirma der Stadt, tut sich ja auch schwer. Überregulierung und -bürokratisierung erinnern an die Glanzzeiten des Villacher Faschings: Pferde, die seit jeher beim Brauchtumsumzug mitgeführt werden, wollte man heuer ernsthaft aus Sicherheitsgründen vorab psychologisch untersuchen. Rosenbeete sind plötzlich durch Absperrgitter gesichert wie in einem verminten Kriegsgebiet und ein Gemüsegarten wird, weil das Geländer rundherum offenbar nicht reicht, zusätzlich durch Bauzäune geschützt. Sicher ist sicher.

Das Gesamtkonzept ist trotz der Gitter im Kopf schlüssig: Man trägt eben auf allen Ebenen zum Amüsement der Besucherinnen und Besucher bei. Das Bild bleibt bunt, die Gesprächsthemen bei Bier und Kirchtagssuppe gehen nicht aus. Und wenn nicht gleich alle Kinder in die Kamera lächeln, hilft der Klassiker: „Jetzt sagen alle Ameisenscheiße!“ Aber bitte nicht zu laut. Sonst ist möglicherweise ein psychologisches Gutachten fällig. Viel Spaß am Villacher Kirchtag!
