Es sind nicht die Wände, die steiler werden – sondern die Herausforderungen. Nicolai Uznik kennt das Gefühl, ganz oben zu stehen – 2022 kürte er sich in München zum Europameister. Doch in dieser Saison fühlt sich der Weg dorthin länger an als sonst. Zwischen Formsuche, einer rasanten Boulder-Entwicklung und dem fehlenden Quäntchen Glück will sich Kärntens Kletter-Ass zu alter Stärke zurückkämpfen. Seine Wettkampfvorbereitung war insofern eine andere, da er sich zweimal in Finnland beim Felsenklettern an den schwierigsten Boulder der Welt wagte.
Vor der anstehenden EM in Barcelona spricht der 25-Jährige über die größten Herausforderungen. „Ich hatte mit äußeren Faktoren zu kämpfen. Ich war in den ersten Tagen sehr knapp dran und war überzeugt, es zu schaffen, doch dann war der Fels entweder eingefroren, eingeschneit und völlig nass, sodass es unmöglich war. Im April war das Gegenteil der Fall, es war warm und so ist keine Reibung vorhanden. So bin ich mit leeren Händen nach Hause geflogen, obwohl ich viel Zeit dafür geopfert habe. Aber es ist halt ein Kindheitstraum, zu den besten Felskletterern zu zählen.“
Vier Wochen blieben ihm schließlich für die Weltcupvorbereitung. Ihm war indes bewusst, ein Risiko eingegangen zu sein, „aber es war dennoch kein Riesending. Dass es in den letzten vier Wettkämpfen nicht so funktioniert hat, da waren mehrere Sachen ausschlaggebend.“ Das Quäntchen Glück hat gefehlt, das Level ist enorm gestiegen und durch den Routenbau, der große Effekte bewirkt, wird vieles unvorhersehbarer. „Da kann alles passieren und viele hadern damit. Die Jungen wachsen mehr mit dem neuen Stil auf und es geht weg vom typischen Bouldern. Vor Jahren hast du dir Fehler erlauben können, jetzt nicht mehr. Man wird sich damit abfinden müssen, dass es bei manchen Bewerben nicht nach Wunsch laufen wird. Das Setting muss einem in die Karten spielen, um seine Stärken ausspielen zu können. Das war heuer kaum der Fall. Über manches hat man keine Macht.“
„Vor dem EM-Titel habe ich alles auf Biegen und Brechen versucht“
Diesbezüglich gibt er preis, „dass es für mich sowieso am frustrierendsten ist. Es belastet mich am allermeisten.“ Dementsprechend spielt Kopfkino freilich eine Rolle. Die reine Druckkomponente sei allerdings nicht der Grund. „Vor dem EM-Titel habe ich alles auf Biegen und Brechen versucht. Mich da zu beweisen war fast schon übertrieben“, sagt Uznik und versichert, ein viel besserer Kletterer als damals zu sein.
Apropos Frust und angesprochen auf etwaige Launen, kann man ihm ein Schmunzeln entlocken: „Hin und wieder ist es nicht ganz so einfach. Irgendwann muss der Frust raus, aber im Endeffekt profitieren wir nur voneinander“, meint Uznik, dessen Freundin und Kletterin Sofya Yokoyama also mittendrin statt nur dabei ist.
Vergangenes Jahr offenbarte der Rosentaler, dass fehlende Energie für ein völliges Ausgelaugtsein sorgte. „Die letzten drei Jahre haben bei mir Spuren hinterlassen. Ich musste mich körperlich und mental auskurieren. Es war einfach genug beziehungsweise zu viel, es hat an mir gezehrt und war auch nicht leicht, das alles zu verdauen. Irgendwann war ich an dem Punkt, das so zu akzeptieren. Ich kann ehrlicherweise sagen, dass es die einzige richtige Entscheidung gewesen ist.“ Dabei packte er aus, dass er sich teilweise in seiner perfektionistischen Art und Weise in gewisse Sachen zu sehr hineingesteigert hat.
Die EM in Spanien soll eine Trendwende herbeiführen. Jedes Mal, wenn er im Vorfeld nicht seine eigentliche Leistung abrufen konnte, brillierte er in den Saisonhighlights. An dieser Hoffnung hält er sich fest. „Es ist nicht gerade leicht, wenn du nicht in diesem Flow bist, aber ich weiß, wie schnell sich alles drehen kann. Ich habe viel getüftelt, was ich auf die Schnelle, aber auch langfristig verändern kann. Ich erwarte definitiv viel mehr von mir.“