Sauna Klassenzimmer: Ein Schüler ist umgekippt, ein zweiter kämpft mit Kopfweh und Schwindel. Die Temperaturmessanzeige zeigt bereits am Vormittag 28,6 Grad Celsius. Tendenz steigend. Luftfeuchtigkeit 69,7 Prozent. Der CO2-Wert ist zirka fünfmal so hoch, wie er sein sollte. 31 Grad wurden in den vergangenen Tagen in Klassen und dem Lehrerzimmer der Mittelschule Heiligenkreuz am Waasen gemessen.
„Die Kinder sind durch die große Hitze wie paralysiert. Das Lernen funktioniert gar nicht mehr. Bis Schulschluss dauert es aber noch und es sollte schon noch a bisserl was gehen“, berichtet Direktor Reinhard Kersch. Die Hitzewelle treibt Schüler und Lehrer nicht nur Schweißperlen ins Gesicht , sondern auch zur Flucht – und zwar in den Wald.
Unterricht unter Baumkronen
Wenige Meter von der Schule entfernt, vorbei am Lehrerparkplatz wird ein kleiner, schmaler Trampelpfad in den Wald sichtbar. Dort pilgern die Buben und Mädchen und Lehrer mit Schulsachen und Unterrichtsmaterialien im Gepäck nun täglich hinein. Unter den Baumkronen sieht man nach kurzer Entfernung drei Klassen, verteilt auf Holzbänke, Picknickdecken oder im Schneidersitz am Boden.
Max Meissl unterrichtet gerade Schüler einer zweiten Klasse in Englisch. Die Kinder gehen von Baum zu Baum, um dort Vokabel von aufgeklebten Zetteln abzuschreiben. „Die Vokabel sollen sie im Laufdiktat-Stil sammeln und dann einen kurzen Text dazu schreiben“, erklärt Meissl und behält dabei seine Schützlinge im Blick. Simon Hammer arbeitet fleißig daran, seine Liste an Wörtern nach und nach zu ergänzen. Den Unterricht im Wald genießt der Schüler. „Ich finde es lustig, weil man sich besser konzentrieren und freier arbeiten kann. Es ist auch viel kühler als in der Klasse“, sagt er.
Auf Picknickdecken haben es sich die Schüler von Irina Wassertheurer gemütlich gemacht. Seit rund eineinhalb Wochen zieht die Lehrerin zum Unterricht täglich in den Wald. „Die Hitze ist für Lehrer wie Kinder eine körperliche Belastung. Im Wald lässt es sich aushalten“, sagt sie und blickt in die Runde.
Am Unterrichtsplan stehen ein Stationenbetrieb mit Wortketten-Challenge, ein Rätsellauf und als Vorbereitung auf den Urlaub Postkarten schreiben. Die Kinder sind mit vollem Elan bei der Sache. Greta Winzig hat eine besondere Postkarte für ihre ältere Schwester zum Auszug geschrieben. „Im Wald kann ich besser denken, als in der heißen Klasse. In der Nachmittagsbetreuung sind wir immer hier“, erzählt die Elfjährige und zeigt anschließend stolz ihre Postkarte her.
Die Köpfe rauchen im Sitzkreis ein Stück entfernt. Nicht wegen der Hitze, sondern wegen der am Sonntag stattgefundenen Graz-Wahl. Von einem folierten Zettel lachen die Spitzenkandidaten Kahr und Co herab, das Wahlergebnis und eine Graz-Karte liegen daneben auf dem Waldboden. Wer gehört zu welcher Partei, wie war der Wahlausgang und wieso kann Oma nicht für alle in der Familie wählen gehen, wenn es doch so heiß ist? Mit diesen Fragen setzen sich Katharina Perchtold und ihre Schüler auseinander.
Der Jahrgang sei politisch sehr interessiert, daher werden laufend Themen diskutiert. „Im Wald geht das derzeit besser, als im Klassenzimmer. Das ist ein eklatanter Unterschied“, sagt sie während die Schüler darüber reden, wer die Eltern schon einmal beim Wahlgang begleitet hat. „Im Wald ist es tausendmal besser als in der Klasse. Die frische Luft ist so angenehm und ich lerne viel mehr. In der Klasse hat man wegen der Hitze oft Kopfweh“, erzählt Schüler Nico Gorditsch.
Kühle Alternative
Den Wald vormittags als Klassenzimmer zu nutzen war laut Direktor Kersch vor der Hitzewelle nicht so üblich. Umso dankbarer sei man jetzt dem Besitzer für die Nutzung seines Waldes. „Die Ortsverlagerung, die Ruhe und die Kühle des Waldes sind mehr als günstig und der heiße Klassenraum, der das Lernen weitgehend verhindert, den haben wir hinter uns gelassen“, sagt er erfreut.