Was, wenn der Entdecker Vespucci nicht Amerigo, sondern Rudi, Karli oder Erich geheißen hätte, hieße dann Amerika heute Rudiland, Karlinawien oder Erichka? Argentinien leitet seinen Namen von Silber ab, hat aber eine Sonne in der Flagge. Drei Mal wurde man in den letzten 50 Jahren Weltmeister, so oft wie niemand sonst. Mario Kempes, der Torschützenkönig von 1978, wird mit der brutalen Militärregierung assoziiert und eher totgeschwiegen, aber Maradona ist Religion und Messi Gott. Die Argentinier nennen ihr Land scherzhaft Belindia – ein kleiner Teil ist reich wie Belgien, der größere arm wie Indien. Aber egal, ob arm oder reich, alle rennen mit Thermoskannen herum. Warum? Weil da ein Zaubertrank drinnen ist, der aus den Gauchos Wunderkicker macht? Argentiniens Hauptexport sind Fußballer. Alleine in den europäischen Topligen spielen wenigstens 300, insgesamt sollen es über 1000 sein. Ansonsten ist das Land sportlich unter ferner liefen. Hockey, ein paar Tennisspieler, Rugby, Segeln. Alles andere ist Fútbol. Die Kinder haben Messi-Leibchen an. Auf jedem noch so kleinen Flecken wird gekickt, sogar auf Verkehrsinseln siebenspuriger Straßen.
Doch in jedem Paradies gibt es eine Schlange, Argentinien hat mehrere. Die verlässlich wiederkehrenden Wirtschaftskrisen haben das Vertrauen in Staat und Bankwesen zerstört. Kein Argentinier spart, weil er genug Geldentwertungen miterlebt hat, insofern ist das Land eine Antischweiz. Analog dazu ist der Fußball verschwenderisch: emotional, trickreich, schnell. Mit der Titelverteidigung wird es dennoch schwierig. Zwar gibt es mit Julian Alvarez und Lautaro Martinez zwei Weltklassestürmer zu Gott Messi, der immer noch auf allerhöchstem Niveau aufgeigt und zeigt, auch die US-Liga ist keine Ergotherapie für überwuzelte Semester, aber mit Angel di Maria kam der Albiceleste ein wichtiger Flügelarbeiter abhanden, und über Titelverteidigern liegt ein Fluch – viermal ging bei den letzten sechs Endrunden der amtierende Weltmeister bereits in der Vorrunde baden. Argentinien wird das nicht passieren, ist schon nach dem ersten Spiel so gut wie durch, was für uns eine Chance sein könnte, wenn die Blauweißen das Spiel als besseres Training betrachten und schauen wollen, ob auch ihr zweiter Anzug passt.
In Buenos Aires sieht man an jeder Kreuzung Autowäscher, Jongleure, Bettler. Daneben gibt es Menschen, die den Müll durchwühlen. Diese Kartoneros sammeln Altpapier, übernachten auf der Straße und träumen, wenn schon nicht von einer Fußballer-Karriere in Europa, so doch von einem Leibchen mit dem Schriftzug Messi.
Südamerika ist ein Kontinent der Gegensätze. Es gibt mit Stacheldraht gesicherte, wie Gefängnisse aussehende Areale, vor denen Wächter mit Gewehren sitzen. Reichen-Ghettos mit Kindergärten, Supermärkten und Parkanlagen, in denen jeder Grashalm gewaschen und geföhnt aussieht. Die Reichen sind dank Fitnesstrainern, Diätplanern und Schönheitsoperationen schlank, während die Dicken in Armenvierteln vegetieren, in den Villas miserias, den Vischas! Doppel-L wird im Argentinischen (Castellano) nämlich als Sch ausgesprochen – Botescha statt Botella, oder eben Casteschano. Bei Namen gilt das nicht, weshalb unser Bundespräsident aufatmen darf, dass der nicht zum Beigen wird.
Argentinien ist auch die Heimat eines merkwürdigen Tanzes, der an einen Kübel voller Krustentiere denken lässt – Tango. Ein Angebergebaren? Nicht in den Confiterias von Buenos Aires, Mendoza oder Rosario, wo das einfache Volk schwoft. Da spürt man bei den Klängen des Bandoneons die Melancholie der heimwehkranken Emigranten. Während sich bei Brasilianern jedes Wort (selbst bei Sätzen wie „Treten Sie beiseite. Ich lese ihnen ihre Rechte vor“) anhört wie Jubel nach einem Lottogewinn, ist der Argentinier schwermütig und sentimental. Es ist das europäischste Land Südamerikas.
Und was ist in den Thermoskannen? Zaubertrank? Nein, heißes Wasser für den Yerba Mate – ein rauchiges, nach frischem Heu schmeckendes Aufgussgetränk, nach dem hier alle süchtig sind. Mir fällt kein anderes Land ein, in dem das Nationalgetränk in Gaststätten nicht erhältlich ist, weshalb alle Argentinier mit Kalebassen, Trinkhalmen und Thermoskannen herumlaufen. Zu essen gibt es Steaks, bei denen schon der erste Bissen eine Offenbarung ist – weich wie Marshmellos, geschmacklich irgendwo zwischen Pampagras und Buchenholz. Als Nachspeise kommt das Süße der Milch in allen Varianten – Dulce de Leche, ein dickflüssiges Malzzuckerl.
Für Österreich ist das Spiel gegen den Weltranglistenersten auch ein Dessert, weil es wenig zu verlieren gibt. Gegen die Gauchos gab es erst zwei Spiele, beide freundschaftlich: 1980 verloren wir 1:5 (Tor: Kurt Jara), 1990 folgte ein 1:1 (Tor: Manfred Zsak), und 2026? Normalerweise haben wir da wenig zu bestellen, aber manchmal siegt der Tafelspitz über das Steak, schlägt der Topfenstrudel das Süße der Milch, ist ein Verlängerter besser als Mate.
Gut, dass Vespuccio nicht Konrad oder Carney hieß. Hauptsache, die Argentinier machen keine Marischen aus unseren Marillen, und der Grillitsch wird nicht zum Grischitsch. Sollten wir tatsächlich überraschen, müssen wir halt in den Kescher gehen zum I-wer-narrisch brüschen. Argentinien wird sich trotzdem bald in Messina, Messinien oder Ähnliches umbenennen. Wenn er gegen uns geschont wird, bin ich auch nicht gram.