Wenn sie ins Reden kommt, kommt Ursula Reiter ins Schwärmen. Zehn Hektar Obstlandwirtschaft in Gleisdorf – das ist nicht nur Reiters Beruf, das ist ihr Zuhause. Sie weiß, was das Obst braucht, wie die Äpfel, die Beeren, die Kirschen so werden, wie sie sein sollen. Saftig, frisch, süß und voller Geschmack. Reiter sagt: „Ich liebe meinen Job, ich arbeite in der Natur und mit der Natur.“ Die Quereinsteigerin, die vor 16 Jahren noch in der Logistikbranche aktiv war, hat hier im Kernland des Obstbaus – in der Steiermark – ihre Berufung gefunden. Der Weg dorthin war steinig.

Obstbauern sind so etwas wie die steirischen Seismografen des Klimawandels. Nur wenige Berufsgruppen sonst würden die Auswüchse der veränderten Witterung so direkt, so unmittelbar zu spüren bekommen. „Früher hat es im Mai das erste Mal gehagelt, mittlerweile kann schon im März oder April die Ernte zerstört werden, bevor es losgeht“, erzählt Josef Singer, Obstbauer im oststeirischen Untertiefenbach. Reiter sagt: „Die Trockenheit wird dazu führen, dass gewisse Marillensorten in ein paar Jahren aus der Steiermark verschwinden.“ Auch an der Apfelfront dürfte sich etwas drehen: resistente Sorten bleiben, andere werden die Klimaveränderungen nicht überleben.

Obstbau unter Druck

Als Landwirt muss man reagieren und sich anpassen. Ständig. Gegen den Hagel hätte man Hagelnetze befestigt, gegen die Hitze künstliche Bewässerungsanlagen installiert und gegen die Dürre habe man begonnen, Teiche anzulegen. All das kostet. „Eine ein Hektar große Apfelanlage kostet aktuell bei Neuerrichtung 50.000 Euro, bei Verwendung von modernen Club-Sorten und Errichtung einer Überkronenberegnung sind es 70.000 Euro", sagt Herbert Muster, Leiter des Obstbaureferates der steirischen Landwirtschaftskammer.

Klima und Wetter lassen sich nicht beeinflussen, genauso wenig wie die Regeln von Angebot und Nachfrage. Das weiß auch Singer. „80 Prozent unseres Kirschertrags konnten wir nicht für den Verkauf freigeben, einfach weil die Früchte zu klein waren.“ Gleiches könne mit Marillen passieren, die von zu viel Regen Flecken bekommen. Auch für sie würde man dann keinen Abnehmer finden und trotz hohen Ertrags auf der Ernte sitzen bleiben. Bei all den Schilderungen wird klar: Obstbau ist Feinarbeit, bei der viele Aspekte mitspielen. Reiter sagt: Die rote Farbe von Äpfeln, die Konsumenten zum Kauf bewegt, entstehe durch das richtige Maß der Sonneneinstrahlung. Ein Zahnrad, an dem nicht zu schrauben ist.

Victoria und Josef Singer bei der Kirschernte

Der Apfel ist in der Steiermark gefühlt mehr als ein Obst. Er ist so etwas wie ein Kulturgut – vor allem in der Oststeiermark. Nirgends sonst in Österreich werden so viele Äpfel kultiviert wie hier. Drei von vier Äpfeln kommen aus den Bezirken Weiz, Hartberg-Fürstenfeld oder Feldbach. Die wenigsten Konsumenten treffen aber Kaufentscheidungen aufgrund von Lokalpatriotismus. Die Nachfrage sinkt, zugleich wird die Konkurrenz größer. Polnische Obstbauern produzieren mehr zu billigeren Preisen, der Kunde greift zu.

Trendumkehr nicht in Sicht

Kleinbauern halten diesem Druck nicht mehr stand. Im Nebenerwerb Obstbauer zu sein, wäre laut Singer kaum noch möglich. „Man muss sich immer Gedanken machen, ist 24 Stunden am Tag mit dem Kopf beim Produkt, bei den Fragen: Wie bewässere ich, wie kultiviere ich“, sagt er. Nicht einmal das garantiert Erfolg. Zahlen von Herbert Muster aus der steirischen Landwirtschaftskammer zeigen: Seit 2010 sind rund 25 Prozent der Obstflächen in der Steiermark verloren gegangen. Eine Trendumkehr ist nicht abzusehen.

Singer und Reiter machen trotzdem weiter. Mit Freude. „Ich kann hier mit meinen Kindern jeden Tag verbringen und die Natur richtig erleben", sagt Singer. Das Obst ist ständig dabei.