„Aufgrund der neuesten Berechnungen der Wettermodelle müssen die Regenwarnungen für weite Teile Kärntens und Osttirols präventiv nach oben korrigiert werden“, erklärt David Kaufmann, Meteorologe von tauernwetter.at. Der Wetterdienst spricht die Warnstufe Rot für große Teile Kärntens und Osttirols und Violett, die höchste Warnstufe, für Teile Oberkärntens aus: „Es besteht die Gefahr von Überflutungen und Murenabgängen.“
Grund dafür seien die aktuellsten Modelle des Deutschen Wetterdienstes (DWD). „Es ist ein hochauflösendes, engmaschiges Wettervorhersagemodell, das in sehr kurzen Abständen mit den neuesten Messdaten aktualisiert wird“, erklärt Kaufmann. Es eigne sich besonders gut, um kurzfristige, extrem dynamische Entwicklungen wie die rasche Bildung schwerer Gewitterzellen präzise zu erfassen. „Bestätigt werden diese Modellprognosen aktuell zudem durch die Echtzeitdaten des europäischen Radarverbundes „Opera“: „Diese Übereinstimmung von hochauflösenden Vorhersagen und realen Radarbeobachtungen veranlasst uns zu einer vorsorglichen Ausweitung der Warnstufen, um den Einsatzkräften und der Bevölkerung bei dieser extrem dynamischen Lage die größtmögliche Vorlaufzeit zu geben“, sagt der Tauernwetter-Meteorologe.
Gelbe Warnstufe bei GeoSphere
Laut Kaufmann seien bereits in den vergangenen 24 Stunden enorme Regenmengen zusammengekommen. Die Böden in den betroffenen Regionen seien mittlerweile stark gesättigt. So fielen in der Gemeinde Weißensee knapp 75 Liter pro Quadratmeter, am Millstätter See und in Fresach jeweils rund 60 Liter. Das bestätigt auch Christian Stefan, Meteorologe der GeoSphere Austria: „Die Mengen der letzten 24 Stunden sind teilweise enorm gewesen. Im Gailtal kamen etwa 78 Liter zusammen. Und es wird noch einiges hinzukommen.“
Beide Wetterdienste rechnen in den nächsten Stunden mit noch einmal bis zu 50 Litern. Insgesamt werden Rekordmengen an Regen fallen, sagt Kaufmann: „Einige Orte in Kärnten haben in der gesamten historischen Klimareihe seit dem Jahr 1961 bislang noch keinen einzigen Tagesniederschlag von mehr als 100 Litern pro Quadratmeter verzeichnet.“ Das bestätigt auch die GeoSphere Austria: „Allerdings werden die 100 Liter erst nach mehr als 24 Stunden überschritten werden. Deshalb nehmen wir keine großflächige Hochstufung der Warnstufe – auch in Absprache mit dem Hydrografischen Dienst – vor.“
Warnkriterien des DWD
Auch wenn andere Wetterdienste trotz gleichlautender Prognosen die höchste Warnstufe derzeit nicht ausgerufen haben, sei dies bei den anstehenden Regenmengen fachlich geboten, meint hingegen der Tauernwetter-Meteorologe, der sich auf die offiziellen Warnkriterien des Deutschen Wetterdienstes (DWD) beruft. Dieser definiert die höchste Warnstufe für Regen bereits ab einem Schwellenwert von mehr als 80 Litern in 24 Stunden oder mehr als 90 Liter in 48 Stunden.
„Mit den erwarteten Mengen von über 100 Litern in den betroffenen Gebieten ist dieses Kriterium für die Auslösung der höchsten Warnstufe klar und objektiv erfüllt, zumal nicht genau vorhergesagt werden kann, wie gut die derzeit in tieferen Schichten sehr ausgetrockneten Böden diese Wassermassen so kurzfristig aufnehmen können. Bei derartigen Niederschlagsmengen in kurzer Zeit ist ein durch verzögerte Versickerung sofortiger und massiver Oberflächenabfluss nicht auszuschließen. Eine präventive Ausweitung und Hochstufung der bestehenden Wetterwarnungen war daher aus unserer Sicht geboten.“
Ähnliche Überlegungen habe es auch bei der GeoSphere Austria gegeben, sagt Stefan: „Aber es sind auch andere Parameter heranzuziehen. So hatten wir bereits letzte Woche Regenfälle, der Starkregen fällt also nicht auf völlig ausgetrocknete Böden. Die Pegelstände sind immer noch nicht soweit erhöht. Der Hydrografische Dienst geht maximal von einem einjährigen Hochwasser aus, das ist kein seltenes Ereignis.“
Verbund lässt Stausee ab
Punktuell können es aber natürlich zu Unwetterereignissen kommen, sagt auch der GeoSphere-Meteorologe: „Trifft ein kurzes und sehr heftiges Starkregengewitter auf eine der Regionen, die bereits knapp 80 Liter abbekommen haben, dann kann es natürlich zu punktuellen Überflutungen oder Rutschungen kommen. Das kann man nie ausschließen. Für eine landesweite Hochstufung der Warnung sind die Kriterien aber nicht erfüllt.“
Erreichen werde das kritische Niederschlagsgebiet am späten Nachmittag Osttirol und dann am frühen Abend Oberkärnten. Anschließend werde sich das System weiter nach Osten verlagern. Mit einer Entspannung der Lage sei vom Westen her erst ab Mitternacht zu rechnen, prognostizieren die Meteorologen. Der Verbund ließ wegen der erwarteten Regenmengen vorsorglich den Stausee Edling um 90 Zentimeter ab.