Ist das Festwochenmaterial? Die Inszenierung ist schon fünf Jahre alt. Aber, so erfährt man nach der Premiere, dies ist dennoch ihr erstes Gastspiel überhaupt; in der deutschen Wikipedia fand das Projekt der Iwan-Wazow-Nationaltheaters in Bulgariens Hauptstadt Sofia bisher nicht einmal Erwähnung: „The Tempest“ war die drittletzte Inszenierung des im Sommer 2025 verstorbenen Regisseurs Robert Wilson.

Die Wiener Festwochen haben das Stück nun ans Burgtheater geholt, die Wiener Premiere: ein postumer sentimentaler Triumph des in Wien so verehrten Regisseurs, der dem Festival in Gastspielen und Koproduktionen Sternstunden wie „The Black Rider“ (1990) und zuletzt „Mary Said What She Said“ (2019) mit Isabelle Huppert bescherte.

Fantastische Lichtlandschaften

Der historische Zweck der Festwochen, den Blick des Publikums über den Tellerrand hinaus zu lenken, ist mit „The Tempest“ jedenfalls noch einmal eingelöst. Und gerade vor dem Hintergrund, dass die künstlerische Eingemeindung Osteuropas ins europäische Theatergeschehen nach wie vor eher stockend vor sich geht, ist die Inszenierung ein Ereignis. Und ein typischer Wilson, denn der Regisseur setzt ein streng stilisiertes Spiel aus Sprache, Klang, Choreografie, Schattenspiel und Repetition in eine seiner fantastischen Lichtlandschaften. Die Welt zeigt er dabei als Tingeltangel, zu Beginn gleiten die stark typisierten Figuren zur Jahrmarktsmusik von Tom Waits‘ „Innocent When You Dream“ wie auf einem Karussell über die Bühne.

In diesem Zirkus der Künstlichkeit entspinnt sich das Geschehen – Prospero erzwingt per Zauberei den Schiffbruch der Verräter, die ihn einst um sein Herzogtum gebracht haben, auf seine Insel und lässt von seinem Rachevorhaben erst ab, als sich seine Tochter Miranda in den unschuldigsten der Ankömmlinge verliebt – als jene Komödie, als die sie in der allerersten Shakespeare-Ausgabe ausgewiesen war.

So wird sie kaum noch gespielt – ihre Motive wie Zivilisation und Natürlichkeit, Rache und Vergebung, Kolonialismus, Geschlechterhierarchie werden  heute meist durchwegs ernsthaft abgehandelt. Wilson aber jongliert hier mit den luftigeren Komponenten des Stücks, mit Magie, Verwechslung, Commedia: zu den heitersten Momenten zählen die Kasperliaden der beiden Tölpel Stefano und Trinculo, die sich alsbald für die Herren der Insel halten. Der Text (gesprochen wird bulgarisch, mit deutschen und englischen Übertiteln) ist dabei, wie in der ganzen rund 90-minütigen Produktion, keine Verständnishürde: nur das Wesentliche ist übrig und wird in vielfacher Wiederholung auf seine Aussagekraft abgeklopft. Da klingt dann etwa, wenn Prosperos arglose Tochter Miranda angesichts der auf ihrer Insel gestrandeten Verräter und Intriganten in ihren berühmten Jubelruf „O schöne neue Welt, die solche Bewohner hat!“ ausbricht, durchaus Ambivalenz an. Zwangsläufig aber werden in der Künstlichkeit der Inszenierung auch die im Stück angelegten Konflikte zur Schablone: die Rachsucht Prosperos, der den falschen Bruder und heuchlerischen König strafen will; der Zorn Calibans, der vom eingeborenen, freien Herrn der Insel zum Sklaven des Zauberers kolonialisiert wurde.

Verzeihliche Auslassungen, zumal angesichts des Endes: da tritt Prospero (Vezelin Mezekliev) vor das Publikum, schwört seiner Rachsucht und der Zauberei ab und wendet sich mit der Bitte um Vergebung für seine Verfehlungen direkt an das Publikum. „The Tempest“ gilt als Shakespeares letztes Stück, weithin wird dieser Monolog als Meta-Einlassung gelesen: als des Autors Abgesang an das Theater. In Wien rührte das Publikum nun wohl die Ahnung, es habe durch Prospero und Shakespeare hindurch auch Wilson ein letztes Mal zu ihm gesprochen.