„Was eure Mama erschaffen hat, kann ihr keiner so schnell nachmachen“, erinnert sich Oliver Ertl an die Worte einer Dame, die er vor wenigen Tagen am frischen Grab seiner Mutter traf. Und in der Tat: Was Sofia-Valeria Ertl auf die Beine gestellt hat, bewegte und stellte Weichen. Auch und vor allem im Leben von rund 65 jungen Menschen, die in einem von Ertl gegründeten Waisenhaus in Arad (Rumänien) aufgewachsen sind.

In Arad arbeitete sie als junge Frau als Rezeptionistin. Im Juni 1992 lernte sie dort ihren späteren Mann Johann kennen, der mit drei Freunden auf Motorradurlaub eingecheckt hatte. Leicht gefunkt dürfte es da schon haben.

Folgenschwere Heimreise

Die Rückreise der Gruppe sollte aber folgenschwer werden: Die vier Männer gerieten in einen Frontalzusammenstoß. Der erste Fahrer überlebte die Kollision nicht, Johann wurde schwer verletzt. Sofia-Valeria besuchte den Urlaubsgast täglich im Spital und brachte ihm Essen. Wegen der Sprachbarriere verständigten sie sich nur mit Gesten. Nachdem er wieder transportfähig war und von Angehörigen abgeholt wurde, riss der Kontakt nicht ab, denn Sofia-Valeria war ihm in diesen schweren Stunden beigestanden. Noch im November 1992 wurde aus den beiden offiziell „Herr und Frau Ertl“.

Auch das Ebersdorfer Benefizkonzert 2025 organisierte Sofia-Valeria Ertl trotz schwerer Krankheit noch mit
Auch das Ebersdorfer Benefizkonzert 2025 organisierte Sofia-Valeria Ertl trotz schwerer Krankheit noch mit © Horst Hrastar

Die Kinder der Heimat nie vergessen

Zehn Jahre und zwei Kinder später – der dritte Sohn war noch nicht geboren – erbte sie von ihren Eltern ein Grundstück in Arad. Den Bezug zu ihrer alten Heimat hatte sie nie verloren, besonders die Armut der Kinder in Rumänien ließ sie auch in ihrer neuen Heimat Sebersdorf nie los. „Es machte mich immer traurig zu sehen, in welchem Wohlstand meine Kinder aufwachsen können und wie bettelarm die Kinder in meiner Heimat sind. Bei jedem Besuch in Rumänien wird mir bewusst, welches Glück ich hatte und welches Elend dort ist“ schrieb sie einst auf der Website des Waisenhauses nieder.

Kurzerhand stellte sie ihr Erbe als Bauplatz zur Verfügung. Unterstützt vom damaligen Ortspfarrer Franz Sammer sowie unzähligen Gönnern und Helfern nahm sie den Bau des Kinderheims „Haus der Hoffnung“ in Angriff. 2003 zogen die ersten Kinder ein. Insgesamt 65 Waisen konnten dort bisher in familiärer Atmosphäre aufwachsen.

„Unsere Mama war immer eine Kraftquelle für ihre Familie“, sagen die drei Söhne
„Unsere Mama war immer eine Kraftquelle für ihre Familie“, sagen die drei Söhne © Familie Ertl

Lebenswerk soll bestehen bleiben

Jedes Jahr im November stellte Ertl gemeinsam mit Freunden ein Benefizkonzert in Ebersdorf auf die Beine, dessen Erlös dem Erhalt des Kinderheimes diente. Selbst das Konzert im November vergangenen Jahres organisierte sie trotz einer Krebsdiagnose noch mit und nahm daran teil, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon geschwächt war. Ende Mai verlor sie nach einer zwischenzeitlichen Erholung und für die Familie dennoch überraschend den Kampf gegen ihre Krankheit. Sofia-Valeria Ertl wurde 55 Jahre alt.

„Unsere Mama hat sich selbst immer an die letzte Stelle gestellt und hat ihr letztes Hemd dafür gegeben, dass es anderen gut geht“, erinnert sich ihr jüngster Sohn Oliver. „Sie hat trotz ihrer kurzen Lebenszeit so unglaublich viel erreicht und so vieles für andere getan“, zeichnet Ehemann Hansi ihren Charakter nach.

Das Hilfsprojekt in Rumänien – vom Waisenhaus über das jährliche Benefizkonzert bis zur Weihnachtsaktion für hilfsbedürftige Menschen – soll jedenfalls weiterleben, ist sich Familie Ertl gewiss. Auf diese Weise bleibt ihr Lebenswerk bestehen und mit ihm ihr unbändiger Wille, für andere Gutes zu tun. Die Söhne Hannes, Alexander und Oliver fassen es so zusammen: „Unsere Mama war immer eine Kraftquelle für ihre Familie. Sie war die, die alles zusammengehalten hat und uns sogar dann noch motiviert hat, wenn es ihr selbst schon nicht mehr gut ging.“