„Es ist der reinste Fiebertraum, seit ich hier aufgemacht habe“, beschreibt Anja Postl die ersten Monate in ihrer eigenen Schneiderei in Fürstenfeld. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Fürstenbräu hat sich die 32-jährige Schneidermeisterin und Zweifachmama aus Fürstenfeld vergangenen Herbst einen echten Lebenstraum erfüllt. Ab dann bekam ihr Leben einen Turbo: „Es geht nur bäm, bäm, bäm: Anfragen für Änderungen, Neuanfertigungen, und plötzlich habe ich sogar einen Lehrling“, beschreibt sie ihr neues Lebensgefühl. „Ich hab sie einfach überfallen“, meldet sich prompt Lehrling Kathi Krenn aus dem Hintergrund launig zu Wort.
Auch das war so ein Lebenstraum für Postl, der bei der Eröffnung im September eigentlich noch in weiter Ferne schien. Der Plan war: erst einmal aufsperren, das Geschäft anlaufen lassen, Kurse anbieten und irgendwann, vielleicht, die Leidenschaft für das Handwerk weitergeben. Doch es kam anders: Bereits am ersten Dezember wechselte Kathi Krenn im zweiten Lehrjahr in den Fürstenfelder Betrieb. Heute ist Postl im gesamten Bezirk Hartberg-Fürstenfeld die einzige Schneiderin, die Lehrlinge ausbildet.
Von wegen „Aus dir wird ja eh nix“
Entschlossenheit zieht sich wie ein roter Faden durch Postls Biografie. Dabei stand am Anfang ihrer Lernkurve ein besonders grausamer Satz, den sie als Schülerin aufgrund ihrer Legasthenie um die Ohren geworfen bekam: „Aus dir wird ja eh nix!“
Postl strafte die Kritiker durch ihren unbändigen Ehrgeiz Lügen. Schon früh bemerkte sie ihr Talent für die Schneiderei. Weil Lehrplätze in der Region aber rar waren, startete sie ihre Ausbildung bei „Art&Event Theaterservice“ in Graz. Dort arbeitete sie an Kostümen für die großen Bühnen, von der Grazer Oper bis zu den Mörbischer Festspielen. Es folgten Stationen in einer Trachtenschneiderei und in der Sportmode. Weil ihr klar war, dass sie im Verkauf noch dazulernen musste, zog es sie für ein halbes Jahr nach Kitzbühel, wo sie prompt die Hauptverantwortung für den dortigen Lacoste-Store übernahm.
Mit 21 Jahren hörte sie den nächsten großen Einwand: Sie sei viel zu jung, um die Meisterprüfung abzulegen. Erneut bewies sie das Gegenteil. Einige berufliche Stationen, zwei Kinder und zehn Jahre später eröffnete Postl schließlich im vergangenen Herbst ihre Schneiderei „Anja Selbstgemacht“ in Fürstenfeld.
Altes Handwerk und internationale Bühne
Vor wenigen Wochen zeigte Postl ihr Können erstmals auf internationaler Bühne beim „European Master Tailor Congress“. Dieser größte Schneiderkongress Europas findet alle zwei Jahre in einem anderen europäischen Land statt. Im Rahmen der „Galanacht der Mode“ schickte sie ihre Vision von eleganter Abendmode mit einem Hauch steirischem Flair über den Laufsteg. Sie war mit Abstand die jüngste von acht steirischen Schneiderinnen und Schneidern.
Ihre Kreationen waren dabei weniger eitle Nabelschau, sondern vielmehr Ausdruck von Leidenschaft und tiefer Dankbarkeit für ihre Wegbegleiter, wie sie anhand der Materialien erklärt. So verarbeitete sie in ihrem Schaukleid den Stoff einer Altmeisterin aus Burgau, die ihn Postl mit den Worten „Jetzt seid ihr Jungen dran“ überreichte. Auch eine Borte der Nachbarin, Knöpfe vom Flohmarkt, Stickereien der besten Freundin der Schwiegermutter, ein Stück vom Vorhang der Cousine und eine alte Spitze, die einst der Mutter einer Stammkundin gehörte, zieren ihr Werk. „Es stecken so viele Erinnerungen in diesem Kleid", sagt Postl gerührt. „Ich möchte damit einfach Danke sagen, an alle, die immer an mich geglaubt haben.“