So ein Vampir hat es nicht leicht, ist sein Leben doch endlos. Und auch der Klimawandel trifft die Untoten hart, sind sie mehr noch als Lebende gefordert, ihren Lifestyle zu adaptieren. Ein wunderbares Thema für einen Spezialisten des Anthropozän-Theaters wie den französischen Regisseur und Bühnenbildner Philippe Quesne. In seiner sympathischen, szenischen Elegie „Vampire’s Mountain“ im Wiener Volkstheater nützt er den beliebten Topos für eine poetisch-charmante Warnung, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Caspar David Friedrich stand Pate für den Bühnenraum mit riesigen Prospekten, einem romantischen Wald und majestätischen Alpen. Als musikalisches Motto wiederholt sich immer wieder ein barockes Kirchenlied, das Johann Sebastian Bach später in eine Kantate verarbeitete: „Ach, wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben!“ 

Humanistisch gebildete Vampire

Sieben Vampire mit Fangzähnen und in Seventies-Outfits steigen aus einem Erdloch und stoßen mit Blut an, ausgeschenkt aus einem Menschenbein. Sie pfeifen schrill, spielen mit einem Sarg und weil es humanistisch gebildete Vampire sind, zitieren sie Texte von Beckett, Lord Byron, Mary Shelley oder Shakespeare.

Irgendwas gibt das Signal zum Aufbruch und die Metamorphose in ein alpines Setting beginnt. In Overalls und Moonboots und mit Skiern ohne Bindung auf den Schultern, nehmen sie die Landschaft in touristischen Augenschein. Sie geraten in Entzücken, wenn sie etwas erkennen wie den „Nietzsche-Gipfel“ oder den „Walter-Benjamin-Pass“. Dann wandern sie gemeinsam über den Gletscher, einer stürzt ab, ist halt so. Bei allem Spaß ereilen gelegentlich mentale Krisen die Gruppe. Eine Vampirin möchte unbedingt „ a casa“ und telefoniert in ihrem Heimweh durch einen Hand-Torso mit irgendwem. So gehen die kuriosen Szenen weiter, bis die Berge plötzlich untergehen. Zwar kommt der Prospekt wieder hoch und ein Untoter pinselt „Love“ darauf.

Doch die Berge werden zur Grotte, als ein metatheatrales Spiel beginnt. Ein Vampir hat den Regisseur in sich entdeckt und möchte ein Stück mit Fledermäusen inszenieren. Und schon tragen alle Fledermaus-Look und tanzen eine Art Batman-Ballett. Kann sein, dass sie nun Fledermäuse bleiben, wer weiß das schon? Flüchtig ist ja nur das Menschenleben.

Szene aus „Vampire‘s Mountain“
Szene aus „Vampire‘s Mountain“ © Argyroglo