Die Silos des 2004 stillgelegten Taggerwerks prägen nach wie vor das Straßenbild in der Puchstraße. Schon aus weiter Entfernung springen die Stahlbetontürme ins Auge. Nicht nur, weil sie bis zu 40 Meter hoch sind. Internationale Street-Art-Künstler haben sich dort vor Jahren ausgetobt. Ihre großformatigen Bilder ziehen nach wie vor die Blicke auf sich. „Irgendwas mit Kunst“ verbinden auch jene mit dem Taggerwerk, die sich selten nach Gries verirren. Und dann sind da beim Vorbeifahren noch viele Firmenlogos auf den ausgedienten Industriegebäuden zu sehen, aber auch große, leer stehende Gebäude. Dazwischen Baumaterial, ein Bagger. Den Durchblick, was sich auf dem 3,2 Hektar großen Gelände in den letzten Jahren getan hat und was noch kommen könnte, hat Christian Kossegg.
Kossegg war mit an Bord, als ein Investor das jahrelang brachliegende Areal 2009 übernahm. „Wir mussten damals Tonnen von Futtermitteln entsorgen, am Gelände haben sich die Ratten getummelt“, erinnert sich der Grazer. Pläne, das Areal, das als Industriegebiet gewidmet ist, aus einem Guss zu entwickeln, zerschlugen sich. Wenig später übernahm der Unternehmer mit seiner BAR Vermögensverwaltungs-GmbH allein das Ruder, mehrere Familienmitglieder gehören zu seinem Team. „Es macht unheimlich Spaß, aus einem alten Industriebau etwas zu machen. Ich habe bisher kein einziges Gebäude abgerissen“, unterstreicht der Grazer, der auch eine Installationsfirma führt.
Buchverlag als erster Mieter
Was man auf einem Rundgang mit dem Hausherren über die Dauerbaustelle entdeckt: Einen bunten Strauß an Betrieben. „14.000 Quadratmeter haben wir bisher gestaltet und vermietet", erklärt Kossegg. „Wir waren 2010 die ersten Mieter, heizen konnten wir im ersten Winter nur mit Strom“, erzählt Robert Fimbinger vom Keiperverlag. Mit Kossegg teilt man beim Verlag die Freude daran, gebrauchten Dingen neues Leben einzuhauchen. Bei Lesungen vor Ort blickt man heute als Gast auf eine fünf Meter hohe Bücherwand. Die verwendeten Holzbalken sind 150 Jahre alt und waren Teil eines alten Bauernhauses. Kultur wird auch in den 16 Künstlerateliers großgeschrieben, die das Kulturamt der Stadt Graz seit 2015 am Taggerareal vergibt. Keramikkunst ist hier ebenso vertreten wie Malerei oder Druckgrafik.
Viele Sportanbieter auf großen Flächen
Sportliche Grazerinnen und Grazer haben in der Puchstraße mittlerweile die Auswahl: Im BLOC house stehen 1050 Quadratmeter Wandfläche zum Bouldern zur Verfügung. Zweimal wurde die Halle seit ihrer Eröffnung 2014 bereits vergrößert. Bei Heroes Squash schwingt man auf acht Courts die Schläger. Wer seine Muskeln stählen möchte, ist bei Ultimate Gym oder CrossFit Graz richtig. Mit Caliber S ist 2020 eine große Indoor-Schießanlage eingezogen. Kampfsport kann man in der Puchstraße genauso trainieren wie Luftakrobatik im Ende 2025 eröffneten ersten Grazer Zirkuszentrum. „Ich habe nie Werbung gemacht. Die Leute, für die das hier passt, finden uns“, sagt der Hausherr.
Freilich: Nicht alles, was dem kreativen Kopf so in den Sinn kommt, lässt sich auf den Boden bringen. Pläne für ein Studentenwohnheim zerschlugen sich etwa. Ob aus der kleinen Eisfläche etwas wird, die Kossegg dem Eishockeynachwuchs bieten möchte, wird sich zeigen. „Die Banden für das Spielfeld habe ich schon. Sie sind von einer anderen Halle und wurden dort nicht mehr gebraucht“, erzählt der begeisterte Eishockeyspieler. Leistbare Veranstaltungsflächen, wo unter anderem Bälle stattfinden könnten, hat er ebenfalls auf der Agenda.
Energieautarkie als Ziel
„Ganz oben auf der Liste steht aber jetzt einmal das Wasserkraftwerk am Mühlgang“, unterstreicht der Unternehmer. Schon in der Vergangenheit setzte er auf innovative Energielösungen. Die Fassade eines Futtersilos wurde im Rahmen eines EU-Projekts so aufgerüstet, dass das Gebäude mehr Energie erzeugen kann als verbraucht wird. „Mein Ziel ist es, am Gelände energieautark zu werden“, erzählt Kossegg. Man darf gespannt sein, was dem umtriebigen Geist noch einfallen wird. „Ich habe im Leben nie gewusst, was ich machen werde. Dabei ist es geblieben“, erklärt er lachend seine ganz persönliche Philosophie.