„Ich wohne in einem Museum“, schmunzelt Harald Rauchleitner. Wer das Haus am Raffaltplatz betritt, versteht schnell, wie er das meint. Nur dass hier niemand leise durch Ausstellungsräume schleicht, denn hier wird gewohnt.
Erstbesitzer waren die Liechtensteiner
Das Haus gilt als eines der ältesten Bürgerhäuser Muraus. Rauchleitner, pensionierter Einzelhandels-, Bank- und Versicherungskaufmann, sitzt inmitten seiner Schätze und erzählt mit leuchtenden Augen von Stadtgründern, Bränden und Rittern. „Die älteste Verkaufsurkunde eines Hauses in Murau stammt von diesem Haus“, sagt er stolz: „Die ersten Besitzer waren die Liechtensteiner.“
Von außen wirkt das Gebäude wie ein typisches Murauer Bürgerhaus, drinnen verliert man jedes Zeitgefühl. Hinter dicken Mauern öffnen sich Räume voller Geschichte. In manchen Ecken schimmert noch Romanik durch, daneben Renaissance, dann wieder Barock. Die Stuckdecken wirken, als hätten sie Jahrhunderte Gespräche belauscht.
Dort, wo heute zwei Ferienapartments sind, ordinierte früher ein Arzt. Davor lebte dort das Gesinde. „Die Leute hatten damals kein Geld. Deshalb sieht man hier überall Übergänge und Umbauten“, erklärt Rauchleitner.
Er selbst kam vor 33 Jahren der Liebe wegen nach Murau. Seine mittlerweile verstorbene Frau stammte aus einer alten Murauer Familie. Heute lebt Rauchleitner allein in dem riesigen Gebäude, das eher an ein kleines Schloss erinnert als an ein Wohnhaus. Rund 500 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich über drei Etagen. Dazu kommt noch der ehemalige Stall.
Besonders stolz ist der Hausherr auf seine Bibliothek. Hunderte Bücher reihen sich bis zur Decke. Im Dachboden lagert eine Trachtensammlung. Im Wohnzimmer stehen Möbel aus dem Palais Epstein in Wien neben Ritterornaten, denn Rauchleitner gehört zum Europäischen Weinritterorden. Dann durchschreitet man die nächste Tür und steht inmitten einer original Osttiroler Bauernstube samt Mitgift-Truhe.
Bauernstube neben Dorotheum-Stücken
Fast jedes Objekt im Haus trägt seine eigene Geschichte in sich. Da wäre etwa der goldgelbe Teppich aus China: Rauchleitner ersteigerte ihn im Dorotheum. Der Teppich soll einst im Privatbesitz des chinesischen Kaisers gewesen sein. Eigentlich hätte der Teppich ein kleines Vermögen kosten sollen. Doch während der Auktion brach das Internet zusammen. „Am nächsten Tag hat mich das Dorotheum angerufen. Ich habe ihn schließlich um 9600 Euro bekommen.“
Nebenan liegt ein Schwert in einer Vitrine. Kein gewöhnliches Schwert, sondern jenes von der Silberhochzeit Kaiserin Sisis und Kaiser Franz Josephs aus dem Jahr 1879. „Da hat keiner gewusst, was das wirklich ist“, sagt Rauchleitner und lächelt zufrieden. Auch ein Kaffeeservice des Kaiserpaares gehört zu seiner Sammlung.
Zwischen all den historischen Kostbarkeiten lebt Rauchleitner dennoch keineswegs weltfremd. Die neuen Apartments im Haus verbinden alte Mauern mit modernem Komfort.
Draußen im Garten scheint Murau ganz weit weg. Der Garten grenzt direkt an die Schwarzenberg’schen Anlagen. Hinter alten Mauern wachsen Pfingstrosen, Chili, Streuobst und sogar über hundert Jahre alte Spargelpflanzen. Weinstöcke stehen ebenfalls dort.
Dass ein Mensch ein solches Haus besitzen darf, sei ein Glück, meint er schmunzelnd: „Finanziell nicht, aber für die Seele.“ Und vielleicht beschreibt genau dieser Satz das alte Haus am Raffaltplatz am besten. Es ist kein Museum hinter Glas, sondern ein Ort, an dem Geschichte weiterlebt.