Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann setzt die Mittelschule (MS) Auen in Villach ein starkes Zeichen für Literaturvermittlung. Unter dem Motto „Hohe Literatur ist kein Privileg der AHS“ arbeitet Lehrer Georg Reitz gemeinsam mit dem Kollegium und den Schülerinnen und Schülern intensiv an Texten, Gedanken und Themen der bedeutenden Kärntner Autorin. Dabei geht es um mehr als klassische Textanalyse: Die Jugendlichen sollen Literatur erleben, fühlen und auf ihr eigenes Leben beziehen können.
Eine persönliche Mission
Für Deutsch- und Französischlehrer Reitz ist das Projekt eine echte Herzensangelegenheit Der 33-jährige gebürtige Veldener unterrichtet seit rund vier Jahren an der MS Auen. Neben Deutsch, Kreativem Gestalten und Musik – Reitz spielt selbst Klavier und Gitarre – leitet er auch die Theatergruppe der Schule. Die Idee für das Bachmann-Projekt entstand aus einer langjährigen persönlichen Verbindung zur Autorin. Reitz schrieb bereits seine Diplomarbeit über Ingeborg Bachmann, die ausgezeichnet und veröffentlicht wurde. Gleichzeitig stellte er sich immer wieder dieselbe Frage: Warum wird Bachmann im Schulunterricht so selten behandelt? „Ich habe mich während meiner eigenen Schulzeit gefragt, wie es sein kann, dass man über eine so bedeutende Kärntner Autorin fast nichts lernt“, erzählt Reitz. Für ihn sei schnell klar gewesen, dass gerade im Bachmann-Jahr etwas passieren müsse, und zwar an seiner Mittelschule.
Literatur erleben statt nur zu analysieren
Das Projekt ist dabei weit mehr als eine klassische Lektürearbeit. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich nicht nur mit Bachmanns Biografie, sondern auch mit Begriffen aus der Literatur- und Kulturwissenschaft, etwa Feminismus, weiblichem Schreiben oder dem sogenannten „lyrischen Ich“. Im Mittelpunkt stehen außerdem zwei ausgewählte Erzählungen: „Ein Geschäft mit Träumen“ sowie die stark auf Kärnten bezogene Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“. Die Texte werden gemeinsam gelesen, interpretiert und auf ihre Wirkung untersucht.
Dabei gehe es nicht nur darum, Inhalte zusammenzufassen. „Uns interessiert vor allem, was die Texte mit den Kindern machen“, sagt Reitz. Die Jugendlichen reagieren dabei ganz unterschiedlich: Manche erleben Bachmann als selbstbewusst und stark, andere als verletzlich oder unnahbar. Besonders Themen wie Krieg, Zukunftsängste, Selbstfindung und persönliche Träume würden die Jugendlichen beschäftigen. „Mit jedem Lesen kommen die Kinder tiefer in die Texte hinein“, sagt Reitz. „Man merkt, dass die Literatur Emotionen auslöst und beginnt, sie persönlich anzusprechen.“
Eigene Materialien entwickelt
Der Stoff, der sonst häufig erst in AHS-Oberstufen behandelt wird, wurde eigens für die dritten und vierten Klassen der Mittelschule adaptiert. Dafür entwickelte Reitz Arbeitsblätter und ein modulares Unterrichtskonzept, das je nach Leistungsniveau angepasst werden kann. Das Kollegium zieht dabei geschlossen und mit großer Begeisterung mit und arbeitet fächerübergreifend an der Umsetzung des Projekts – von Deutsch bis hin zu Geschichte. „Es geht nicht darum, Literatur zu vereinfachen oder herunterzubrechen“, sagt Reitz, „man muss nur wissen, wie man sie vermittelt.“
„Hohe Literatur ist kein Privileg der AHS“
Das Projekt versteht sich nicht nur als einmalige Initiative im Bachmann-Jahr, sondern als langfristiger Baustein der Schule. „Die Kinder können viel mehr, als man ihnen oft zutraut“, sagt Reitz und genau das möchte das Projekt sichtbar machen. Alle erarbeiteten Materialien und Dokumente werden in der Schulbibliothek archiviert und künftig auch für nachfolgende Jahrgänge weiterverwendet – über das Jubiläumsjahr hinaus. Auch eine Ausweitung ist bereits angedacht: Sowohl weitere Kärntner Autorinnen und Autoren als auch internationale Literatur könnten künftig Teil des Konzepts werden. „Dieses Projekt ‚Hohe Literatur für die Mittelschule‘ werde ich weiterhin forcieren“, so Reitz.