„Ich dachte erst, die Schüsse waren im Fernseher, doch das waren sie nicht“
Anrainer rund um das BORG Dreierschützengasse in Graz erlebten die dramatischen Stunden mit. Zwischen Unverständnis und Schock, Trauer und Aufatmen rückt man nahe zusammen.

Menschen mit kreidebleichen Gesichtern. Einsatzautos, die im Sekundentakt mit Folgetonhorn vorbeirasen, kreisende Hubschrauber. Schwer bewaffnete Polizistinnen und Polizisten und ganz viel Bestürzung. Die friedliche Wohngegend rund um das BORG Dreierschützengasse in Graz-Lend mutierte am Dienstagvormittag zum Katastrophengebiet, als neun Menschen durch die Schüsse eines Amokläufers ihr Leben lassen mussten und etliche teils schwer verletzt wurden. Rund um das abgesperrte Schulgelände versammelten sich kleine Menschentrauben, trauerten, tauschten sich aus und leisteten sich in erster Linie gegenseitig Beistand.
Eine Gruppe Schüler, die an diesem Tag nicht in der Schule war, zeigte Handyvideos, die in den diversen Chatgruppen kursieren. Darauf zu sehen sind schwer bewaffnete Polizisten, rennende und schreiende Schülerinnen und Schüler, aber auch Rettungskräfte, die behutsam weiße Tücher über die toten Körper legen. „Das ist nicht zu fassen, dass sich das hier ereignet hat“, sagte einer der Schüler, der um die Ecke wohnt, schwer schluckend. Einen der Getöteten erkannte er auf den Videos.
„Fühlte mich, als wär ich irgendwo in Havanna“
Einige Meter weiter auf dem Hofer-Parkplatz diskutierte eine Gruppe junger Männer mit einer Frau und einem Mann. Sie haben zum Teil die Schüsse gehört und den Einsatz von den Balkonen aus verfolgt. „Normalerweise ist es hier eine ruhige Gegend, doch plötzlich fühlte ich mich, als wäre ich irgendwo in Havanna“, erzählte der Mann von seiner Gefühlslage. Zu diesem Zeitpunkt kursierten noch viele Gerüchte und Falschmeldungen. „In einer Gruppe habe ich gerade gelesen, dass zwei Täter noch auf der Flucht wären“, mutmaße einer der jungen Männer.
Einmal um den Block, hinter dem sonst so belebten Sportplatz stand ein Mann vor seinem Wohnhaus und schüttelte ungläubig den Kopf in Richtung Schule blickend. „Ich bin von meiner Nachtschicht nach Hause gekommen, habe ferngesehen und hörte fünf Schüsse hintereinander. Erst dachte ich, das war im Fernseher, doch dann wurde mir bewusst, dass das von außerhalb meines geöffneten Fensters kam. Ich kann mich an das Echo der Schüsse erinnern, so laut waren sie.“ Andere Ohrenzeugen wollen 30 bis 40 Schüsse gehört haben.
Als der Mann kurz darauf die eintreffenden Kräfte der Cobra sah, wurde der Schock, wurde seine Angst immer größer. „Als ich in der Zeitung gelesen habe, was passiert war und dass die Polizei die Lage unter Kontrolle hat, habe ich mich etwas beruhigt. Dann kam die Trauer.“
Sohn „hat mir gesagt, dass er sich totgestellt habe“
Direkt neben der Schule, vor dem Spar, rauchte ein junger Grazer mit zittrigen Händen. „Meine Schwester hatte heute in der Früh einen Arzttermin und kam gerade wieder in der Schule an, als sie hörte, dass es Schüsse gab. Am Telefon erzählte sie das noch belustigt, da sie meinte, es wäre ein Spaß, doch dann legte sie plötzlich auf. Kurz darauf bekam ich die Benachrichtigung, dass sie auf ihrem Handy einen Notruf abgesetzt hat. Mittlerweile wissen wir aber Gott sei Dank, dass es ihr gut geht.“
Ähnliches schilderten Eltern von zwei Schülern, die teils Zeugen der Schüsse geworden waren. Der Vater berichtete: „Mein Sohn hat mich kurz angerufen und mich beruhigt: ‚Alles ok, ich bin gesund‘. Aber zwei seiner Schulfreunde sind tot. Er war in der 7C-Klasse, als der Täter plötzlich in der Tür stand und mit einer Pistole herumgeschossen habe. Er hat mir gesagt, dass er sich totgestellt habe und wohl deshalb überlebt hat.“ Eine andere Mutter erzählte gegenüber „Sky News“, dass ihr Sohn sie angerufen habe, um zu sagen, dass er wohl sterben werde. Erst zwei Stunden später habe sie erfahren, dass er noch am Leben sei.
Schüler evakuiert
Die evakuierten Schülerinnen und Schüler wurden mit Bussen unter anderem in die Helmut-List-Halle sowie in das ASKÖ-Center in Graz-Eggenberg gebracht, wo sie am frühen Nachmittag von ihren Eltern und Familienangehörigen abgeholt werden konnten. Vor dem ASKÖ-Center warteten weinende Mütter und weinende Väter. Die Gesichter der herausgehenden Schüler waren kreidebleich, die Blicke leer, als sie ihren Eltern um den Hals flogen oder mit Freunden nach Hause marschierten.
All das lief aber gespenstisch ruhig ab, laute Töne gab es hier nicht. Nur ein paar zwitschernde Vögel und der wärmende Sonnenschein in dieser sonst so friedvollen Gegend.

