Tino Wawra im Interview: „Nächster Schritt ist, Spieler zu verkaufen“
Der neue Technische Direktor des GAK verrät, wie er Sportchef Dieter Elsneg unterstützt und worauf es beim Scouting von neuen Spielern ankommt.
Sie kannten den GAK aus Ihren Tätigkeiten in Linz und St. Pölten aus der Außensicht. Wie ist die Innensicht?
Tino Wawra: Ich sehe viele Parallelen zu Blau-Weiß Linz, etwa die Fankultur und die Identität als Stadtklub. Die Strukturen beim GAK sind gut, nun gilt es, diese weiterzuentwickeln. Wichtig ist, das erste Jahr in der Bundesliga zu überstehen.
Wo reihen Sie sich als Technischer Direktor ein?
Ich bin das Bindeglied zwischen Trainerteam und Management, sitze bei Spielen auf der Bank und bin im Training dabei. Ich muss wissen, wo es Verbesserungsbedarf gibt, welche Spielertypen der Trainer sucht. Zudem bin ich mit Chefscout Andreas Lienhart für das Scouting verantwortlich. Wir schauen uns viele Spiele und Spieler an, haben klare Anforderungsprofile.
Ich bin kein Fan davon, nur auf Video- und Datenscouting zu setzen. Für mich ist der Spieler immer noch ein Mensch, den man kennenlernen und genauer beleuchten muss
— Tino Wawra
International werden die Aufgaben eines Sportchefs längst auf mehrere Schultern verteilt. Warum ist dies notwendig?
Die Aufgaben sind sehr komplex. Bei Blau-Weiß Linz war ich als Sportdirektor allein und habe gesehen, wie viele Themen auf einen einprasseln. Didi Elsneg ist als Sportdirektor das Bindeglied zum Vorstand, hat das Budget und viele weitere Themen im Griff, ist für die öffentliche Kommunikation zuständig. Ich bin näher an der Mannschaft und mehr in die tägliche Arbeit eingebunden.
Wie sehr hat sich das Scouting verändert? Die technischen Möglichkeiten erlauben es, Spieler per Knopfdruck zu scouten.
Das ist aus meiner Erfahrung nur die halbe Wahrheit. Ich weiß, dass es einige Klubs so machen, aber bin kein Fan davon, nur auf Video- und Datenscouting zu setzen. Für mich ist der Spieler immer noch ein Mensch, den man kennenlernen und genauer beleuchten muss. Deswegen bin ich ein Fan von traditionellem Scouting, auch wenn es mehr Zeitaufwand bedeutet.
Finden Sie deshalb Spieler, die andere übersehen? Mit Matthias Seidl haben Sie einen Nationalspieler und den aktuellen Rapid-Kapitän in Kuchl gefunden.
Matthias war sicher das Paradebeispiel. Er wurde von jeder Akademie abgelehnt, weil er nicht ins Profil gepasst hat. Wobei man sehen konnte, dass er ein richtig guter Fußballer ist. Ich habe ihn als Arbeiter durch und durch kennengelernt. Auch seine Familie hat dem Erfolg alles untergeordnet. Das habe ich so bei einem Spieler aus dem Amateurbereich noch nie erlebt. Ich wusste, wenn wir ihn an das Tempo gewöhnen, kann er ein außergewöhnlicher Spieler werden. Wir hatten bei Blau-Weiß ein Übergangsjahr, in dem wir nicht aufsteigen konnten. Wir haben ihn forciert, egal ob er gerade gut oder schlecht gespielt hat. Das ist voll aufgegangen.
Ihre Transferausbeute in Linz war generell gut.
Mit Fally Mayulu oder Ronivaldo waren auch weitere richtig gute Transfers dabei. Ich habe mit meiner Arbeitsweise gute Erfahrungen gemacht, manchmal natürlich auch schlechte. Didi denkt ähnlich wie ich, deswegen hat er mich auch geholt. Der nächste Schritt des GAK ist es, auch einmal Spieler zu verkaufen.
Gute Verkäufe helfen dem Budget enorm. Wie viele Investmentspieler verträgt es?
Spieler zu entwickeln, um sie zu verkaufen, ist wichtig. Doch aufgrund des Ligamodus braucht es eine Balance zwischen Talenten und sofort funktionierenden Spielern.
Gibt es No-Gos, wenn Sie Spieler scouten?
Die Körpersprache auf dem Platz, auch gegenüber Trainern und Mitspielern, ist enorm wichtig. Ein schlechter Tag ist okay, aber wenn du ein Muster siehst, ist es ein No-Go. Ich schaue mir auch die sozialen Medien an.
Entscheidet oft der Charakter?
Wir können keine hohen Ablösen oder Gehälter zahlen. Wir müssen kreativ sein, eine gewisse Fantasie für einen Spieler haben, dass er bei uns den nächsten Schritt gehen kann. Deswegen schlägt der Charakter öfters das Talent.
Was haben Sie eigentlich gedacht, als mit Elsneg ein bisheriger Rivale wegen dieses Jobs angerufen hat?
Ich würde es nicht Rivalität nennen, wir haben uns gegenseitig gepusht. Wir waren mit ähnlichen Vereinen, ähnlichen Zielen und einer ähnlichen Denkweise in derselben Liga. Didi hat sich bereits im Herbst erkundigt, was ich nach meinem Abschied aus St. Pölten mache. Damals habe ich jedoch ein paar Monate Auszeit gebraucht. Als Didi mir dann die Aufgabe vorgestellt hat, hat es mir richtig getaugt.
Was zeichnet Elsneg aus?
Seine Empathie, sein Verständnis für Menschen, sein gutes Auge für den Fußball. Großen Respekt habe ich dafür, wie fokussiert der GAK nach dem Nackenschlag in Dornbirn geblieben ist. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mir das passiert wäre. Ich arbeite extrem gerne mit ihm zusammen.
War Ihnen schon als Spieler klar, dass Sie ins Management wollen?
Ich wollte nie Trainer werden. Mich hat auch das Spielermanagement interessiert, ich habe sechs Jahre in der Agentur von Jürgen Werner gearbeitet. Aber das Beraterwesen hat nicht hundertprozentig zu mir gepasst. Mein Gesamtpaket aus Profikarriere, Sportmanagement-Studium, Scouting und Beratung passt perfekt zu diesem Job. Das macht Spaß und ist das, was ich am besten kann.
Ihr Username bei Instagram ist an die Filmfigur Jerry Maguire angelehnt. Tom Cruise spielte dabei 1996 einen Sportmanager. Sagt das schon alles über den Berufswunsch aus?
Der eine oder andere jüngere GAK-Mitarbeiter hat mich gefragt, wer dieser Jerry Maguire ist. Mich hat der Film inspiriert. Er setzte als Spielerberater am Ende nicht mehr auf die Masse, sondern nahm nur Spieler, mit denen er sich identifizieren konnte. Ihm war wichtig, eine persönliche Beziehung aufzubauen. Hier sehe ich Parallelen.
Spieler und Trainer fragt man gerne nach Vorbildern. Kann man das auch in Ihrem Bereich haben?
Ich respektiere vor allem die Österreicher wie Christoph Freund oder Andreas Schicker, die sich bis in eine Top-5-Liga entwickelt haben. Mein früherer Mitspieler Oliver Glasner ist ja auch nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aber ich habe kein direktes Vorbild. Man kann von jedem etwas mitnehmen.
Christoph Freund dachte als Teammanager in Salzburg sicher nicht daran, dass er Sportdirektor bei Bayern wird. Auch Andi Schicker wird in Wiener Neustadt nicht geglaubt haben, dass er in der Deutschen Bundesliga landet.
— Tino Wawra
Die genannten Sportchefs schafften den Sprung ins Ausland. Ein legitimes Ziel?
In den vergangenen zwei Jahren habe ich angesichts diverser Negativerlebnisse gelernt, dass du nichts planen kannst. Solche Dinge passieren. Christoph Freund dachte als Teammanager in Salzburg sicher nicht daran, dass er Sportdirektor bei Bayern wird. Auch Andi Schicker wird in Wiener Neustadt nicht geglaubt haben, dass er in der Deutschen Bundesliga landet. Ich möchte einfach immer besser werden im Job und vor allem etwas tun, hinter dem ich voll stehe. Das war in St. Pölten am Ende nicht mehr so.
Es ist kein Geheimnis, dass Schicker Sie nach seinem Abschied bei Sturm ins Spiel gebracht hat. Gab es Kontakt?
Andi hat meinen Namen für die Rolle des Technischen Direktors fallen lassen. Der neue Geschäftsführer Sport hatte eigene Ideen, also war es nie wirklich konkret und schnell vom Tisch. Ich bin froh, dass es so gekommen ist, da ich mich beim GAK sehr wohl fühle.
Sie haben vier Jahre in Gratkorn gespielt, es ist also quasi eine Rückkehr nach Graz.
Ich habe wirklich gerne in Graz gelebt und noch viele Freunde aus der damaligen Zeit. Wäre ich nicht wegen des Fußballs nach Oberösterreich zurückgekehrt, wäre ich wahrscheinlich nie aus Graz weggegangen.
Gibt es weitere Steiermark-Bezüge?
Meine Frau Ilona und ich haben in Gamlitz geheiratet. Mein 19 Monate alter Sohn Sebastian war gegen den LASK das erste Mal im Stadion und war begeistert. Er hat danach nur noch vom Fußball geredet. Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sein erstes Fußball-Leiberl ein GAK-Dress ist.