Schreien, Weinen, Quengeln: Wie viel normal ist und wo es Hilfe gibt
Wenn ein Kind sehr viel weint, bringt das die Eltern oft an ihre Grenzen. Elisabeth Piwerka von den Frühen Hilfen erklärt im Interview, wann man Hilfe holen sollte und wo es diese gibt.
Schreibabys und besonders gefühlsstarke Kinder können Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen. Dass Babys in den ersten Lebensmonaten viel weinen, ist grundsätzlich normal. Alle Babys weinen, die einen mehr, die anderen weniger. Im 2. und 3. Lebensmonat können gesunde Säuglinge im Durchschnitt zwei bis drei Stunden täglich weinen, vor allem in den Abendstunden.
Elisabeth Piwerka von den Frühen Hilfen Graz und Graz-Umgebung erklärt, welche Warnzeichen Mütter und Väter ernst nehmen sollten und wo es Hilfe für überforderte Eltern gibt.
Überforderung kennen wohl alle jungen Eltern. Wann aber ist der Zeitpunkt gekommen, um sich Hilfe zu suchen? Gibt es „Warnzeichen“, die Eltern ernst nehmen sollten?
Elisabeth Piwerka: Die Nöte sind höchst individuell, ebenso die Warnzeichen: Sie bemerken, dass Sie ungeduldiger mit dem Partner und der Partnerin sind. Scheinbare Kleinigkeiten bringen Sie an den Rand der Verzweiflung. Sie haben das Gefühl, dass in Ihrem Umfeld niemand ist, der versteht, was für Sie so belastend ist. Sie können sich nicht so richtig über Ihr Kind freuen oder fragen sich, ob alles in Ordnung ist? In dem Moment, in dem Eltern spüren, dass sie gerne mit jemandem außerhalb des familiären Verbandes und Freundeskreises sprechen möchten, ist der richtige Zeitpunkt. Der beste Weg, Krisen zu vermeiden ist, sich an jemanden zu wenden, bevor es zur Krise kommt. Unsere Erfahrung in den Frühen Hilfen zeigt, dass viele Eltern eher später als zu früh Unterstützung suchen.
Mein Baby weint extrem viel und lässt sich schlecht beruhigen: Wie viel Weinen ist normal, wohin können sich Eltern wenden?
Die erste Anlaufstelle ist die Kinderfachärztin. Wenn ein Kind sehr viel weint, dann muss zuerst abgeklärt werden, ob es eine körperliche Ursache dafür gibt. Eine weitere Anlaufstelle sind Elternberatungsstellen. In der ersten Zeit können sich Mütter und Väter auch an Hebammen wenden. Natürlich sind wir von den Frühen Hilfen eine weitere Anlaufstelle. Ein kurzer Anruf oder ein E-Mail ist ausreichend, damit eine unserer Familienberaterinnen sich meldet und zu einem Hausbesuch vorbeikommt. Wir kennen uns in den steirischen Regionen sehr gut aus und können Eltern gut weitervermitteln.
Egal ob Schreibaby, High-Need-Baby, gefühlsstarkes Kind: Sind solche Zuordnungen hilfreich?
Die Erfahrung zeigt, dass es für Eltern hilfreich sein kann, wenn sie von Expertinnen eine Erklärung für das Verhalten ihres Kindes bekommen. Mit dieser Diagnose ist es ihnen möglich, zielgerichteter Hilfeleistungen zu bekommen. Wenig hilfreich ist, wenn diese Zuschreibungen aus dem Umfeld von Personen ohne Fachexpertise kommen. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind zeigt ein Verhalten, das sich wesentlich von anderen Kindern gleichen Alters unterscheidet, ist die Empfehlung dies mit Ärztinnen zu besprechen und/oder sich bei Beratungsstellen, welche auf frühkindliche Entwicklung spezialisiert sind, zu wenden. Wenn Eltern nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, ist eine unserer Aufgaben bei den Frühen Hilfen, die Familie zu der passenden Dienstleistung zu lotsen.
Wenn Eltern das Gefühl haben, nicht mehr zu können, das Schreien nicht mehr zu ertragen. Was tut man in so einer Situation?
In der akuten Situation: Wenn es möglich ist, wechseln Sie sich mit dem anderen Elternteil ab. Bitten Sie Personen, denen Sie vertrauen, mit Ihrem Kind spazieren zu gehen. Versuchen Sie Ihr Nervensystem zu beruhigen. Atmen Sie tief durch! Trinken Sie ein Glas Wasser und essen Sie etwas – Sie brauchen Ihre Kräfte. Bevor es zu einer Kurzschlussreaktion kommt, legen Sie Ihr Kind ins Bett, verlassen Sie den Raum und nehmen sich Zeit. Schlafen Sie, wann immer Sie die Gelegenheit dazu haben – der Haushalt ist völlig nebensächlich.
Anlaufstellen und Hilfe in der Steiermark
In ganz Österreich gibt es seit 2023 flächendeckend die Frühen Hilfen - so auch in der Steiermark. Unter www.fruehehilfen.at gibt es alle Telefonnummern für Kontakte in den jeweiligen Bezirken. Angeboten werden Beratungen zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Entwicklungsstand, Kinderbetreuung und Elternschaft, dazu Hilfestellungen bei Anträgen und Formularen. Das Angebot ist kostenlos und vertraulich.
In der Steiermark setzen das Angebot Jugend am Werk Steiermark GmbH und LebensGroß gemeinsam im Auftrag der Österreichischen Gesundheitskasse um.
Folder zum Thema Schreibabys gibt es in mehreren Sprachen unter diesem Link.